|

|
| Startschuss für das große Kliniksterben |
|
|
|
Die Gesundheitspolitik hat den Kliniken in den vergangenen Jahren viel abverlangt – besonders kleine Krankenhäuser müssen an allen Ecken und Enden sparen, um weiter bestehen zu können. Kommt die geplante Gesundheitsreform, bleibt vielen Einrichtungen komplett die Luft weg, fürchten die Krankenhausdirektoren. Entlassungen, komplett geschlossene Stationen und Versorgungsprobleme gerade auf dem Lande seien die Folge.
„Ich kenne kein Unternehmen, das einen Umsatzrückgang von 1,5 Prozent und eine Kostensteigerung von vier Prozent ohne Stellenabbau bewältigen kann“, meint der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), Heinz Kölking. Genau diese Belastung komme jedoch mit der Gesundheitsreform auf die Krankenhäuser zu. Eindurchschnittliches 350-Betten-Krankenhaus müsse etwa 40 Krankenschwestern und 20 Ärzte entlassen, um die geplanten Sonderabgaben kompensieren zu können.
Zahlreiche Kliniken könnten einen solchen Verlust jedoch überhaupt nicht mehr verkraften. Kölking zufolge wäre dies daher der „Startschuss für ein großes Krankenhaussterben“. Die Folgen für die Patienten seien verheerend. „Die Wartezeiten in Notaufnahmen und Ambulanzen werden steigen. Für planbare Operationen wie Hüftoder Knieprothesen werde es lange Wartelisten geben. „Die Patienten müssen unter Schmerzen warten oder sich privat behandeln lassen“, skizziert der VKD-Präsident ein düsteres Zukunftsbild.
Auch die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) will sich mit den Plänen der Regierung nicht abfinden: „Die bayerischen Krankenhäuser haben seit 1995 rund 8.500 Betten abgebaut. 15 Krankenhäuser mussten schließen, weitere fusionieren“, erklärt die BKG. Trotzdem sei diesder Politik noch nicht genug – obwohl viele Kliniken die Grenze der Belastbarkeit längst erreicht hätten.

„durchblick gesundheit“ sprach mit dem Geschäftsführer der Bayerischer Krankenhausgesellschaft, Siegfried Hasenbein, über die derzeitige Situation der Kliniken – und ihre Zukunftsaussichten.
durchblick: Herr Hasenbein, wie viele Kliniken gibt es in Bayern derzeit?
Wir haben 350 Krankenhäuser in unserem Bundesland mit rund 160.000 Beschäftigten.
durchblick: Wie hat sich die wirtschaftliche Situation der Kliniken in den vergangenen Jahren geändert?
Die Häuser müssen extrem hart um ihr Überleben kämpfen. Wir haben seit mehreren Jahren eine Gesundheitspolitik, die einen massiven Kostendruck auf die Kliniken und auch auf die niedergelassenen Ärzte ausübt. Gleichzeitig sind allgemeine Kostenentwicklung, medizinischer Fortschritt, und demografische Entwicklung ja nicht stehen geblieben. Da klafft die Schere immer weiter auseinander.
durchblick: Wer leidet denn am stärksten darunter – bekommen besonders die kleineren Krankenhäuser Probleme?
Die kleinen Häuser haben es natürlich sehr schwer. Zu kämpfen haben aber alle Kliniken, da wir vielfältige Wirkungsweisen haben: Das neu eingeführte Vergütungssystem mit Fallpauschalen berücksichtigtdie Behandlung Schwerstkranker nicht ausreichend. Diese Unterfinanzierung trifft besonders die großen Häuser. Kleine Kliniken haben eher Probleme mit neuen Vorgaben und Verordnung. Ständig werden die Anforderungen bei der Qualität und den vorgeschriebenen Mindestmengen an Operationen höher gesetzt.
durchblick: Wie gehen die Kliniken mit diesem Druck um?
Wir haben besonders in Bayern erlebt, dass Kliniken ihre Strukturen total umkrempeln mussten. Wir haben ja hier viele kleinere Häuser der Grundversorgung. Die geraten sehr schnell in wirtschaftliche Not. Es hat daher viele Kooperationen, Fusionen und Zentrumsbildungen gegeben.
durchblick: Und auch Entlassungen?
Auch das registrieren wir leider derzeit. Noch versuchen die Kliniken allerdings, schonend Personal abzubauen. Sie besetzen frei werdende Stellen nicht mehr neu und streichen Ausbildungsplätze. Es gibt auch betriebsbedingte Kündigungen.
durchblick: Die Politik spricht immer von Wirtschaftlichkeitsreserven. Wo sind die bei den Kliniken versteckt?
Die gibt es überhaupt nicht. Handfeste Zahlen können belegen, dass im Krankenhaus alles ausgereizt ist. Vielleicht finden die Politiker noch Einsparmöglichkeiten im System – aber nicht in den Krankenhäusern oder Arztpraxen.
durchblick: Wenn die Gesundheitsreform wie geplant kommt – was hat das für Folgen für die Kliniken?
Die Reform verlangt den Krankenhäusern zu viel ab. Sie sollen ja einen Sanierungsbeitrag von bundesweit 500 Millionen Euro zugunsten der gesetzlichen Krankenversicherung leisten. Diese Belastung kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Für die Jahre 2006 und 2007 müssen wir allein in Bayern mit Kostensteigerungen von 500 bis 600 Euro rechnen. Allein die höhere Mehrwertsteuer macht sich mit rund 50 Millionen Euro bemerkbar – und jetzt noch das.
durchblick: Wie können die Kliniken darauf reagieren?
Leider nur noch mit Personalabbau. Schon jetzt arbeiten weit über die Hälfte der Krankenhäuser in Bayern defizitär. Die Krankenhausträger sind nicht mehr in der Lage, dies auszugleichen.
durchblick: Werden Ärzte und Pflegepersonal entlassen?
Das wird quer durch die Berufsgruppen gehen. Die Patientenversorgung wird sich dramatisch verschlechtern – auch wenn das Bundesgesundheitsministerium das nicht wahrhaben will.
|
Möchten Sie den Artikel zum Verteilen herunterladen? Klicken Sie hier! |
© änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Übernahme in andere Medien ist ohne
ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet.
|
Aus den Weblogs
|