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| Die Mär von der "doppelten Facharztschiene": Wer braucht schon den Facharzt um die Ecke? |
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Zehn Milliarden sparen im Gesundheitswesen - kein Problem, meinen manche Politiker. Es müssten nur die niedergelassenen Fachärzte ihre Praxis für immer schließen. Deren Arbeit könnten doch die Fachärzte an den Kliniken übernehmen, die es dort ohnehin gebe. Diese "doppelte Facharztschiene" sei ein überflüssiger Luxus des deutschen Gesundheitssystems. "Argumente vom grünen Tisch", halten Kenner dagegen. Sie wissen: Was niedergelassene Fachärzte leisten, bieten Kliniken gar nicht an - und umgekehrt. Macht die Politik aber Ernst und schafft die niedergelassenen Fachärzte ab, brechen für Patienten schwere Zeiten an. In Nachbarländern ohne niedergelassene Fachärzte müssen Patienten monate-, teilweise jahrelang auf einen Termin beim Spezialisten warten.
Seine gute Laune lässt sich der Orthopäde Wolfgang Bartels aus Kreuzau in Nordrhein-Westfalen eigentlich nie verderben. Der Facharzt scherzt gerne mit den Patienten und nimmt sich für jeden Kranken ausreichend Zeit - auch wenn der übervolle Terminplan einen extrem langen Arbeitstag bedeutet. Seine Miene verfinstert sich hingegen schlagartig, wenn er den Ausdruck "doppelte Facharztschiene" hört:"Politiker, die meinen, Klinik-Fachärzte könnten meine Patienten genauso gut behandeln, müssten mal in meine Praxis kommen. Dann würden sie vielleicht sehen, dass wir hier Leistungen erbringen, die Kliniken gar nicht anbieten. Außerdemarbeiten wir viel günstiger als eine Klinik - mal ganz abgesehen davon, dass unsere Patienten nicht so weite Wege in Kauf nehmen müssen, als wenn sie jedes Mal in eine zentrale Klinik müssten", schnaubt der Mediziner.
Den mahnenden Worten aus dem Arzt-Alltag schenken manche Politiker dennoch kein Gehör: Der SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach verkündet landauf, landab, die Deutschen seien mit Fachärzten schlichtweg überversorgt. Sein Rezept: der "Abbau der doppelten Facharztschiene". Zehn Milliarden Euro, rechnet er vor, ließen sich im Gesundheitssystem sparen. Es müssten dafür nur die vielen einzelnen Facharztpraxen dichtmachen und Fachärzte nur noch an Kliniken oder dort angegliederten großen Versorgungszentren arbeiten. So würden unnütze Doppeluntersuchungen wegfallen und die medizinischen Geräte kämen effektiver zum Einsatz.
Ob bei dieser Argumentation allerdings immer kühle Ökonomie regiert, bezweifeln nicht wenige Kritiker des SPD-Politikers. Immerhin sitzt Lauterbach im Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken, eines riesigen Krankenhauskonzerns. Allerdings stößt Grünen-Chef Reinhard Bütikofer ins gleiche Horn: Die Krankenkassen geben seiner Meinung nach "wegen der Doppelstrukturen von niedergelassenen Ärzten und Krankenhausmedizinern fünf bis zehn Milliarden Euro mehr aus als eigentlich nötig".
Walter Plassmann kann bei solchen Aussagen nur den Kopf schütteln. Der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg hat die Strukturen in Klinik und Praxis lange verglichen. Sein Fazit: "Fachärztliche Tätigkeit in Klinik und Praxis sind nicht miteinander zu vergleichen. Kein Krankenhaus bietet an, was ein niedergelassener Augen oder HNO-Arzt, ein Orthopäde oder Gynäkologe in seiner Praxis anbietet." Überflüssige Doppelstrukturen kann der Experte nicht finden.
Anders sehe es bei hoch spezialisierten Eingriffen aus, die auch extrem teure Geräte erfordern. Hier gelte jedoch: "Niedergelassene Ärzte und Mediziner an den Kliniken haben effektive Formen der Zusammenarbeit gefunden. Es gibt beispielsweise nicht ein einziges Herzkatheter-Labor in Hamburg, das nicht mit einem Krankenhaus zusammenarbeitet", erklärt Plassmann. Auch seien zwei von drei strahlentherapeutischen Praxen an Kliniken angeschlossen. "Dort, wo es sinnvoll ist, arbeiten beide Bereiche seit Langem zusammen."
Gibt es Fachärzte nur noch an den Kliniken, birgt das große Nachteile für die Patienten: Den einen, vertrauten behandelnden Arzt wie in der niedergelassenen Arztpraxis gibt es dann nicht mehr. In der Klinik behandelt der, der gerade Dienst hat. Kritiker warnen deshalb vor einem Infomations- und Qualitätsverlust bei der Behandlung. Nachvollziehbar, gerade wenn sich jedes Mal ein Arzt neu in den Fall einarbeiten muss. Plassmann: "Ein Vertrauensverhältnis entsteht so wohl nur sehr schwer." Und: In der Klinik herrscht nicht - wie in der Facharztpraxis - auch der sogenannte Facharztstandard. Das bedeutet: Hier behandeln auch Ärzte, die noch in der Ausbildung sind und deshalb noch längst nicht so erfahren. Die Behandlung durch erfahrene Spezialisten ist in der Klinik nicht selten den Privatpatienten vorbehalten.
Auch die Klinikärzte selbst warnen davor, das jetzige System zu zerstören: "Wichtig ist es, dass wir Ärzte im Krankenhaus mit unseren niedergelassenen Kollegen optimal zusammenarbeiten. Da sollten alle Reformbemühungen hingehen. Die wohnortnahe Versorgung durch die Fachärzte in den Praxen muss erhalten bleiben. Diese Strukturen sind in den vergangenen Jahren so gewachsen, weil sie sich bestens bewährthaben", betont Dr. Martin Gödde vom Klinikärzte-Verband Marburger Bund in Hamburg. Darüber hinaus hätten die Kliniken gar nicht die Kapazitäten, die komplette fachärztliche Versorgung zu übernehmen.
Zweifel sind auch bei dem Argument angebracht, eine fachärztliche Versorgung am Krankenhaus sei billiger. "Die Kliniken setzen bei vielen therapeutischen Verfahren ihre großen Geräte ein. Da wird ein kleiner Eingriff gleich mit der Computertomografie verfolgt, wo ein erfahrener niedergelassener Kollege auch ohne bildgebende Verfahren auskommt. Das ist extrem teuer und dauert oft auch länger", rechnet der Orthopäde Wolfgang Bartels vor. Darüber hinaus bestehe die Gefahr, dass der "tägliche Kleinkram", den ein niedergelassener Arzt mit Sorgfalt durchführe, in der Klinik vernachlässigt werde. Schließlich verdienten die gewinnorientierten Klinikkonzerne kaum etwas daran, wenn ein Arzt beispielsweise orthopädische Einlagen, kleinere Hilfsmittel oder Infusionen verordne.
Eine Meinung, die offenbar auch Wissenschaftler teilen - und daraus Schlüsse ziehen, die denen von Karl Lauterbach entgegengesetzt sind: Ziel der künftigen Reformen müsse es sein, Behandlungen am Krankenhaus überflüssig zu machen, erklärte niemand Geringeres als der Vorsitzende des Sachverständigenrates Bert Rürup kürzlich dem "Hamburger Abendblatt". Schließlich seien "krankenhauszentrierte Systeme in der Tendenz zu teuer".
"Die bisherige Versorgung ist preiswert", bekräftigt auch der niedergelassene Facharzt für Nervenheilkunde, Dr. Ulrich Thamer. Der Mediziner steht an der Spitze der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, die davor warnt, den "Facharzt um die Ecke" zum Auslaufmodell zu machen. "Ohne niedergelassene Ärzte entsteht eine zentralisierte fachärztliche Versorgung. Das bedeutet für die Patienten vor allem lange Anfahrtswege und lange Wartezeiten", fürchtet Thamer. Dies zeigten Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen ein Versorgungssystem ohne Facharztpraxen bereits bestehe. "Solche leidvollen Erfahrungen wollen wir den Patienten ersparen."
Doch auch die Kritiker der "doppelten Facharztschiene" argumentieren gerne mit dem Blick ins Ausland. Was dort funktioniere, lasse sich doch auch auf Deutschland übertragen. Grund genug, sich einmal jenseits der deutschen Grenzen umzuschauen: In Großbritannien existieren beispielsweise fast keine Facharztpraxen. Die Fachärzte arbeiten in Krankenhäusern, in denen sie sowohl für die stationäre als auch für die ambulante fachärztliche Versorgung zuständig sind.
Das Wissenschaftliche Institut der privaten Krankenversicherung (WIP)untersuchte das System in Großbritannien und verglich es mit dem hiesigen. "Die Folgen der Rationierung - insbesondere in Form von Wartelisten - sind für die britische Bevölkerung beängstigend und belastend zugleich", heißt es in einer entsprechenden Auswertung. Ein weiterer Nebeneffekt: Zwischen 1997 und 2006 hätten sich die Gesundheitsausgaben in diesem System verdoppelt, der britische Staat pumpe jedes Jahr mehr Steuergelder in das Gesundheitswesen.
Auch in den Niederlanden sind niedergelassene Fachärzte quasi unbekannt - und auch dort wirkt sich dies offenbar nicht zum Vorteil der Patienten aus: "Die Patienten aus Holland, die einen Facharzt brauchen, werden mittlerweile im grenznahem Gebiet in Deutschland versorgt", weiß Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin. Aus Sicht der Politik dort sei das vielleicht ein gutes System, da es leichter zu steuern sei. Auch sei es für die Krankenkassen leichter zu überschauen. "Nur für die Patienten ist es ein großer Nachteil."
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