|

|
| Burnout-Syndrom bei Ärzten: Erschöpft und ausgebrannt in die Praxis |
|
|
|
Wer ein dünnes Nervenkostüm hat, wird besser kein niedergelassener Arzt: Überfüllte Wartezimmer, glühende Telefonhörer und Streitereien mit dem Krankenkassen – seit jeher müssen die Mediziner auch bei größtem Stress noch die richtigen Entscheidungen treffen. Doch die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen bringen selbst erfahrene Ärzte seit einiger Zeit immer weiter an den Rand ihrer Belastbarkeit. Einige sogar darüber hinaus: Geistig und körperlich ausgebrannt, droht ihnen das so genannte „Burnout-Syndrom“. Durch eine Spirale aus Frustration und Erschöpfung wird der einst geliebte Beruf nach und nach zur Hölle.
Dr. Andreas Heinrichs kann sich noch genau daran erinnern, wie seine ersten Arbeitstage in der eigenen Praxis aussahen: „Das war 1999. Schon damals musste ich sehr viele gesetzlich versicherte Patienten behandeln, um das Praxisteam finanziell über Wasser halten zu können. Nach Ende der eigentlichen Sprechstunde habe ich bestimmt immer noch eineinhalb Stunden länger gearbeitet.“ Heute kommt das dem Orthopäden aus Grefrath geradezu paradiesisch vor: „Vor zehn Uhr am Abend komme ich meist nicht mehr raus – und dann nehme ich noch Unterlagen mit nach Hause.“
Selbst am Wochenende hat der Facharzt kaum Zeit für seine Frau und die beiden Kinder. „Die Politik hat es geschafft, die Ärzte durch immer mehr Bürokratie, eingeengte Therapiefreiheit und immer niedrigere Honorare eine kaum noch erträgliche Arbeitsbelastung aufzubürden“, bedauert der Arzt. Vor wenigen Wochen hat Heinrichs beschlossen, sich selbst ein Limit zu setzen: „Ich behandele nur noch rund 1.000 Patienten pro Quartal. Das ist im Vergleich zu den Vorjahren zwar wenig – aber nur so kann ich noch vernünftige Medizin machen und die Patienten anständig versorgen. Finanziell ist das natürlich ein Problem. Wie lange ich das so aushalten kann, weiß ich nicht.“
Trotz ungewisser Zukunft hat Heinrichs eine Grenze gefunden, die einige seiner Kollegen schon überschritten haben: „Keiner redet gern darüber. Unter den Ärzten gibt es aber immer mehr Kollegen, die mit der Belastung nicht mehr klarkommen. Die sind völlig ausgebrannt, körperlich und geistig am Ende. Die schleusen nur noch lustlos die Patienten durch und sind froh, wenn sie den Tag ohne Nervenzusammenbruch überstehen“, beschreibt der Mediziner. Manche Kollegen, an die er früher gerne Patienten überwiesen habe, hätten einen bedauernswerten Zustand erreicht. „Die boten früher eine optimale Versorgung – jetzt können sie den Patienten nicht mal mehr zuhören. Das eindeutige Burnout-Syndrom.“
Doch was ist das Burnout-Syndrom eigentlich genau? „durchblick gesundheit“ befragte den Professor für Psychosomatik an der Universität Freiburg, Prof. Joachim Bauer: „Beim Bornout-Syndrom handelt es sich um einen andauernden und schweren Erschöpfungszustand mit sowohl seelischen als auch körperlichen Beschwerden.“ Die Betroffenen fühlten sich erschöpft und leer. „Sie sehen den Sinn und Nutzen ihrer eigenen Arbeit nicht mehr und haben den Glauben an sich selbst verloren“, erklärt Bauer. Besonders fatal sei der Verlust der persönlichen Wertschätzung sich selbst und anderen gegenüber.
Also eine ernstzunehmende psychische Erkrankung mit deutlichen Symptomen. Nach Angaben des Psychosomatikers aus Freiburg können beim Burnout-Syndrom „neben dem Erschöpfungssyndrom auch erhebliche Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auftreten“. Oft kämen noch weitere, körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder Herz-Kreislauf-Beschwerden dazu.
Doch Stress und Überlastung kommen auch in anderen Berufen vor. Wieso sind gerade Ärzte besonders anfällig für das Burnout-Syndrom? Hier sind sich die wenigen bislang erschienenen Studien einig: Besonders in therapeutischen Berufen, die ständig und ohne Unterbrechung eine helfende Haltung anderen Menschen gegenüber fordern, ist dieses Syndrom häufig zu finden. Hier fällt es schwerer, die Erwartungen zu enttäuschen und die Arbeit einfach abzubrechen – schließlich muss den Patienten geholfen werden.
Ein weiterer Effekt tritt hinzu: „Die Gefahr eines Burnouts ist besonders groß, wo Menschen bei ständigem hohem Einsatz nur wenig Erfolge der eigenen Arbeit sehen oder wo es keine Anerkennung für den geleisteten Einsatz gibt“, erklärt Bauer. Die Anerkennung der Patienten ist den Ärzten zwar oft sicher. Aber wer ist damit zufrieden, wenn er trotz enormer Arbeitszeiten und eines langen Studiums lediglich die Existenz seiner Praxis sichern kann? Eine Umfrage der Uni Trier unter den niedergelassenen Ärzten der Stadt gab kürzlich die erschreckende Antwort: Jeder fünfte niedergelassene Arzt ist kurz davor, alles hinzuschmeißen und fühlt sich völlig ausgebrannt. Rund 30 Prozent dieses Fünftels ertränken der Umfrage zufolge ihren Kummer regelmäßig in Alkohol.
Wie viele niedergelassene Ärzte derzeit unter dem Bornout-Syndom leiden, lässt sich nur erahnen: Verlässliche Zahlen sind aufgrund der hohen Dunkelziffer kaum zu erwarten. Bemerkenswert aber die Analyse eines Hamburger Wissenschaftlers: Er untersuchte 1.200 Mediziner in der Hansestadt – Klinikärzte und Mediziner aus den Praxen. Schließlich registrierte er bei den niedergelassenen Ärzten noch öfter „emotionale Erschöpfung“ als bei ihren Kollegen an den Krankenhäusern.
Den Orthopäden Andreas Heinrichs wundert das nicht: „Die Politik hat ja in den vergangenen Jahren immer wieder die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit verschlechtert und den Ärzten so viele Fesseln angelegt wie möglich. Das bleibt eben nicht ohne Folgen.“ Einige Kollegen bezahlten die Liebe zu ihrem Beruf nun mit der eigenen Gesundheit – andere suchten ihr Glück im Ausland. „Und wenn ich ganz ehrlich bin“, erklärt der Arzt aus Grefrath, „wenn ich keine Familie hier hätte, wäre ich auch schon längst ausgewandert.“
|
|
© änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Übernahme in andere Medien ist ohne
ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet.
|
Aus den Weblogs
|