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| Ärzte als angebliche Abzocker und Betrüger: Dünne Datenlage, dickes Medienecho |
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Betrügerische Ärzte oder korrupte Apotheker prellen die armen Krankenkassen angeblich jährlich um Millionen. Kaum ein Thema, das so zuverlässig Zeitungs-Druckauflagen oder TV-Einschaltquoten in die Höhe schnellen lässt. Nur: In den seltensten Fällen ist an derartigen Vorwürfen wirklich etwas dran, stellt sich meist viel später heraus. Das aber ist den Medien dann keine Schlagzeile mehr wert. Was bleibt, ist ein ganzer Berufsstand unter Generalverdacht. "durchblick gesundheit" hat einige der haarsträubendsten Beispiele zusammengestellt.
Vor zwei Jahren ging ein Donnerschlag durch die Medien: Unvorstellbare 20 Milliarden Euro gingen dem deutschen Gesundheitswesen jährlich durch Korruption verloren - behaupteten niemand geringeres als "Transparency International" (TI), eine Organisation, die sich weltweite Korruptionsbekämpfung auf die Fahnen geschrieben hat, und der Bundesverband der Verbraucherzentralen.
Die schillernde Blase wäre rasch geplatzt, hätte nur ein Journalist je gefragt, wie sich die Zahl denn errechnen würde. Denn sie basiert auf keinen handfesten Angaben, etwa von Kriminalämtern oder Staatsanwaltschaften. Vielmehr handele es sich "um eine grobe Schätzung", gestand ein Vorstandsmitglied von Transparency International wenige Tage nach der Veröffentlichung ein. Da waren die reißerischen Schlagzeilen vom 20-Milliarden-Betrug aber schon längst in der Welt, der peinliche Rückzieher fand keinen Platz mehr in den Medien. Dafür würzte TI die dünne Datenlage mit starkem Tobak nach und unterstellte den Ärzten pauschal eine "Neigung zu leicht durchführbarem Abrechnungsbetrug". Auf Nachfrage konnte TI auch hierfür leider keinen einzigen Beleg anführen und beeilte sich nun, auf Fälle zu verweisen, die beispielsweise "bei der AOK Niedersachsen aktenkundig" seien.
In der Tat hatte sich die AOK Niedersachsen in Gazetten und TV-Magazinen weit aus dem Fenster gelehnt und "Abzocker des Gesundheitssystems" öffentlich angeprangert. Der eigentliche Skandal jedoch war, dass die Kasse eigentlich keine Beweise vorlegen konnte. Detlef Haffke, Mitarbeiter der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsens, erinnert sich: "Das ARD-Magazin ‚Panorama‘ berichtete nach einem Tipp aus dem AOK-Hauptquartier in Hannover über niedersächsische Ärzte, die angeblich Leistungen an Patienten abgerechnet hatten, die längst verstorben waren." Es habe eine Welle der Empörung in der Öffentlichkeit gegeben.
Wie im Gerechtigkeitsrausch legte die AOK eifrig nach: Eine Liste mit Hunderten von Betrugsfällen liege mittlerweile vor. "Großzügig gaben die Pressesprecher der Krankenkasse Zahlen von verdächtigen Ärzten in fast allen Gemeinden Niedersachsens preis", berichtet Haffke. Von erschütternden Ergebnissen berichteten die AOK-Sprecher. Ein "Fass ohne Boden" habe sich aufgetan.
Die AOK legte Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung sogar eine Liste mit über 1.000 Ärzten vor, die sie des Betruges beschuldigte. Was folgte, war an Peinlichkeit nicht zu überbieten: "Schon die vorläufige Sichtung ergab: 80 Prozent der Fälle waren erklärbar - etwa, weil der Patient zwischen Behandlung und Abrechnung verstarb", erklärt Haffke. Allerdings habe die Kasse häufig genug auch Namen schlicht verwechselt oder Totenscheine falsch zugeordnet. Nur jeder fünfte Fall habe sich nicht sofort in Luft aufgelöst, diese kon-trollierten die Behörden genauer. Ergebnis: Nur gegen drei von über 1.000 verdächtigten Ärzten wurde näher ermittelt.
Doch längst hatten die Medien das Verzeichnis der angeblich betrügerischen Ärzte zur "schwarzen Liste" der Kassen gekürt - da half es auch nichts, dass die AOK wenig später kleinlaut zugeben musste, es sei lediglich ein "ungeordneter Computerausdruck mit Auffälligkeiten" an die Presse gelangt. Die "Ehrenerklärung", mit der die AOK die Anschuldigungen gegenüber Niedersachsens Ärzten zurücknahm, fand allerdings kein Medienecho mehr. Dafür geriet die AOK nur wenige Monate später selbst in die Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die ehemalige Vorsitzende der AOK Niedersachsen, Christine Lüer. Von einem "Anfangsverdacht der Bestechlichkeit und der Vorteilsnahme" war die Rede. Der Essener Baukonzern Hochtief, der auch die AOK-Zentrale in Hannover errichtet hatte, soll Lüers privaten Wintergarten kostenlos aufgestellt haben. Immer noch beschäftigt sich die Justiz mit der Angelegenheit. Die AOK-Chefin hat trotzdem bereits ihren Posten geräumt: Sie hatte sich umstrittene Sonderzahlungen von mehreren Zehntausend Euro genehmigt - Gelder, die letztlich aus den Beiträgen der AOK-Versicherten stammen.
Anders, als wenn tatsächlich einmal ein Mediziner betrügerisch zu viel abrechnet: Damit schädigt er keineswegs, wie immer wieder behauptet, die Krankenkassen. Die Zeche zahlen seine Ärzte-Kollegen. Der Grund: Die Krankenkassen zahlen sowieso jedes Quartal im Wesentlichen die gleiche Geldsumme an alle Ärzte einer Region, Verteiler dieser Gelder ist die Kassenärztliche Vereinigung. Rechnet ein Arzt also zu viele Leistungen ab, bekommen seine Kollegen einfach entsprechend weniger Geld. Die Krankenkasse ist da außen vor. Aber auch das eignet sich für keine knackige Schlagzeile.
Viel beliebter bei Journalisten bleiben deshalb Furore-Aktionen wie die der niedersächsischen AOK, die das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten gefährden. Anfang 2006 hatte beispielsweise das TV-Magazin "Monitor" angeblich ein "Kartell von Abrechnungsbetrügern" im Saarland aufgespürt. Über 1.500 Personen seien in die korrupten Machenschaften verstrickt gewesen, tönte die Redaktion. Wochenlang berichtete die Presse von Ermittlungen gegen zahlreiche Ärzte. Dann wurde es immer ruhiger und ruhiger um den Fall. Stand heute: Bislang ist eine einzige Ärztin wegen Betruges angeklagt worden.
Auch unter Medizinern gibt es einzelne schwarze Schafe, wie wohl in jedem Berufsstand, keine Frage. Warum aber spielen viele Medien Einzelfälle immer wieder als angebliche Belege dafür hoch, dass ein ganzer Berufsstand korrupt und kriminell sei? Das kann sich auch der erfahrene Jurist Peter Leisen nicht erklären: Trotz langjähriger Beobachtung könne er Unterschiede zu anderen Berufsgruppen nicht erkennen, erklärte der Dortmunder Oberamtsanwalt kürzlich öffentlich. "Bei jährlich Hunderttausenden von Abrechnungen sind zwischen Januar 2004 und Oktober 2005 lediglich bei 14 Ärzten Überprüfungen nötig geworden", stützt auch ein Sprecher der AOK Thüringen diese Aussage mit eigenen Zahlen.
Ganz genau wissen will es die Techniker Krankenkasse (TK): Sie leistet sich eine ganze eigene Abteilung, in der mehrere Mitarbeiter und sogar ein ehemaliger Kriminalbeamter nach Betrügern im Gesundheitssystem fahnden. Aber auch die ziehen den Schluss: "Viele vermeintliche Falschabrechnungen entpuppen sich als Irrtum", weiß TK-Sprecher Hermann Bärenfänger. "Oft stellt sich heraus, dass einfach nur falsche Angaben gemacht wurden oder ein Arzt sich schlichtweg irrte."
Manchmal könne es passieren, dass Ärzte unbewusst an Falschabrechnungen beteiligt sind, weiß Bärenfänger: "Wir hatten in Berlin kürzlich einen solchen Fall. Ein Patient hatte sich mit einer gestohlenen Versichertenkarte in 76 verschiedenen Berliner Praxen hintereinander behandeln lassen. Er ließ sich dabei viele teure Medikamente verschreiben. Es entstand ein Schaden in Höhe von über 100.000 Euro." Den behandelnden Ärzten könne dabei kein Vorwurf gemacht werden.
Wie schnell aber genau das passiert und ein Arzt zum Betrüger abgestempelt wird, musste der Augenarzt Dr. Hans-Joachim Hofstetter aus Bad Kissingen am eigenen Leib erfahren: Er habe illegal bei einem gesetzlich versicherten Patienten auch noch nach dessen Tod Leistungen abgerechnet, warf ihm die Kassenärztliche Vereinigung kürzlich in einem Schreiben vor. "Ich traute meinen Augen nicht, als ich den Brief öffnete. Da stand, dass ich innerhalb einer Woche Stellung zu den Vorwürfen nehmen muss - ansonsten wird die entsprechende Krankenkasse informiert, die sich dann an die Behörden wendet", erinnert sich der Mediziner.
Das Skurrile: Der angeblich Verblichene war noch am Vortag kreuzfidel in der Sprechstunde des Arztes aufgetaucht. "Mir war sofort klar, dass das so nicht stimmen konnte - da war etwas gewaltig schief gelaufen", berichtet Hofstetter. Schließlich stellte sich heraus: Die Krankenkasse hatte den Patienten aufgrund einer Namensverwechselung irrtümlich für tot erklärt. "Ich bin mir sicher, dass es viele solcher Irrtümer gegeben hat und auch momentan noch gibt. Da reicht ein Zahlendreher und wir Ärzte stehen als Betrüger am Pranger."
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