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Reformpläne der Regierung: Patienten haben die schlechtesten Karten

Martin Graususzus: "Patienten müssen ihren Abgeordneten die Meinung sagen."
Im Interview:
Martin Grauduszus
Martin Grauduszus ist Vorsitzender der „Freien Ärzteschaft“, einer neuen, stark wachsenden Ärzteorganisation. Sie gilt als der Initiator und Motor der immer weiter zunehmenden Ärzteproteste gegen die Gesundheitspolitik.

durchblick: Herr Grauduszus, Sie sind Präsident der „Freien Ärzteschaft“, einer Organisation, die es vor zwei Jahren noch nicht gab. Wieder ein neuer Ärzteverband und wieder nur Gejammer um höhere Honorare?

Viele Ärzte sehen sich durch die herkömmlichen Organisationen nicht mehr vertreten, deshalb mussten wir notgedrungen einen neuen Verband gründen. Nehmen Sie als Beispiel die Kassenärztlichen Vereinigungen, die von der Politik immer als einflussreiche „Ärztelobby“ bezeichnet werden. Diese sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, und damit direkt den jeweiligen Ministerien unterstellt. Eine Lobby sieht wirklich anders aus, das weiß jeder – und der Einfluss besteht da wohl eher andersherum.

durchblick: Das beantwortet unsere Frage nach dem Gejammer um höhere Honorare nicht wirklich ...

Wir erleben in der Medizin im Moment das, was in der ehemaligen DDR private Hausbesitzer erleben mussten: Sie wurden so lange finanziell ausgehungert, bis sie ihre Häuser an den Staat quasi verschenken mussten. Das Ergebnis ist bekannt: Die Städte der DDR bestanden größtenteils aus völlig heruntergekommenen, menschenunwürdigen Bauten.

Das Gleiche spielt sich derzeit in der Medizin ab: Die Arztpraxen werden seit vielen Jahren durch gezielt abgesenkte Honorare ausgehungert, fast alle haben schon massiv Arbeitsplätze abgebaut, und viele sind schon pleitegegangen. Die wohnortnahe Versorgung der Patienten wird so durch die Politik gezielt verschlechtert. Natürlich haben die Honorare damit zu tun – deren viel zu niedriges Niveau ist der Hebel, den die Politik ansetzt, um die Arztpraxen als mittelständische Betriebe in den Konkurs zu treiben.

Gejammer ist das nicht, eher die Warnung vor einem bösen Ende für die Patienten, das sich derzeit viele noch nicht vorstellen können. Die Politik arbeitet aber genau da-rauf hin, mit der Einrichtung von anonymen Medizinischen Versorgungszentren und der Abschaffung des Arztes vor Ort Zustände wie in der ehemaligen DDR zu schaffen.

durchblick:Übertreiben Sie da nicht ein wenig?

Nein, überhaupt nicht. Schauen Sie sich doch einmal die Biografie unserer Gesundheitsministerin an, die hat eine lange Karriere 
im Kommunistischen Bund Westdeutschlands hinter sich – einschließlich einer Kandidatur für den Deutschen Bundestag für eine Partei, die ihre Vorbilder im China Maos und im Kambodscha von Pol Pot hatte.

durchblick:Aber Medizinische Versorgungszentren werden doch nun nicht von einer sozialistischen Regierung gebaut ...

Nein, das ist das Frappierende: Dieses Geschäft geht vor allem an die Klinikkonzerne. Frappierend vor allem deshalb, weil einige dieser Konzerne Berater und Staatssekretäre direkt im Umfeld unserer Gesundheitsministerin platziert haben. Die Zusammenarbeit scheint gut zu funktionieren, Ulla Schmidts Politik ebnet den Konzernen seit Jahren zielgenau den Weg. Wenn Gerhard Schröder der „Genosse der Bosse“ war, so gilt offenbar für Ulla Schmidt „für Konzerne mach ich’s gerne“ – ein erstaunlicher Weg für eine Exkommunistin.

Das gleiche Spielchen wie bei den Arztpraxen läuft im Übrigen in kommunalen Krankenhäusern, die Gewerkschaften warnen davor schon lange: Diese werden erst gezielt heruntergewirtschaftet, um dann für einen Appel und ein Ei an die Konzerne verscherbelt zu werden. Milliarden staatlicher Gelder, mit denen diese Häuser einst aufgebaut wurden, verschwinden so in den Taschen der Konzerne.

durchblick:Aber das Geld im Gesundheitswesen fehlt doch nun einmal ... Es fehlt nicht, es versickert in dubiose Kanäle. Die Menschen zahlen genügend Beiträge. Wir haben über 250 Krankenkassen mit genauso vielen Vorständen, Aufsichtsräten und so weiter und so fort – dort gibt es überall schöne Pöstchen für verdiente Politiker. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Krankenkassen immer noch nicht vom Bundesrechnungshof geprüft werden dürfen.

Wenn ich sehe, dass manche Kassen Dutzende von GmbHs gründen, von denen keiner so genau weiß, was das alles soll, so komme ich mir nur noch vor wie auf einem gigantischen Geldverschiebebahnhof.

Bei allen Protesten dabei: Grauduszus mit Dr. Frank Ulrich Montgomery


durchblick:Sie machen jetzt die Patienten mobil, indem Sie sie beispielsweise animieren, an ihre Abgeordneten zu schreiben und diese aufzufordern, gegen die Gesundheitsreform zu stimmen. Geht das nicht ein wenig weit, Schutzbefohlene so zu instrumentalisieren?

Auch Patienten sind mündige Bürger und nicht unselbstständige Schutzbefohlene. Und es sind vor allem Patienten, die Bundesregierungen wählen, und nicht die paar Hunderttausend Ärzte. Patienten haben aber in diesem üblen Spiel die schlechtesten Karten. Also müssen sie auch selbst aktiv werden, denn sie trifft es mit voller Wucht und ohne dass sie sich werden wehren können, wenn diese Pläne erst einmal verwirklicht sind. Auf die Patienten kommt eine rigide Wartelistenmedizin zu, die sich noch keiner vorstellen kann.

Ich kann Ihnen aber schon einmal sagen, dass sich viele medizinische Probleme dann auf eine furchtbare Weise von selbst regeln werden – indem Patienten sterben, während sie lange auf eine wichtige Behandlung warten müssen. Der Satz vom „sozialverträglichen Frühableben“ gewinnt so eine tragische Aktualität. Länder wie Schweden und England haben diese Erfahrungen gemacht, als sie ihre Gesundheitssysteme ähnlich abbauten – und genau diese Länder werben uns heute unseren Ärztenachwuchs zu Tausenden ab, um die entstandenen Löcher zu stopfen.

Deshalb finde ich, dass vor allem Patienten ihren Abgeordneten einmal die Meinung sagen sollten. Man muss doch nicht Volkswirtschaft studiert haben, um zu merken, dass man immer mehr Beiträge zahlt und immer weniger dafür kriegt. Die Politik will uns eines der besten Gesundheitssysteme der Welt wegnehmen. Es lohnt sich, dem entgegenzutreten.

Mi, 15.11.2006 17:14 / Bernd Guzek Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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