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| Ärzte in der Bürokratiefalle: Formulare stehlen wichtige Behandlungszeit |
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„Meine Helferinnen und ich verbringen jeden Tag mehrere Stunden mit dem Ausfüllen von Anträgen und Formularen – Zeit, die uns für die Betreuung unserer Patienten einfach fehlt“, bedauert auch der Hausarzt Peter Hohberg aus Münster.
„Ich sehe ja ein, dass ein gewisses Maß an Dokumentation nötig ist. Wir haben aber derzeit über 60 verschiedene Formulare in der Praxis, die sich hier stapeln und bei Bedarf ausgefüllt werden müssen“, stöhnt auch der Orthopäde Jürgen Hettfleisch aus Darmstadt. Abrechnungsformulare, Krankmeldungen, Anfragen von Krankenkassen und Behörden oder Dokumentationsunterlagen für spezielle Behandlungsprogramme – keinen Schritt könne ein Arzt in Deutschland heute noch tun, ohne ein Formular auszufüllen.
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Selbst der „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“, über den der Sänger Reinhard Mey einst noch spottete, ist in der Arztpraxis heute bittere Realität: „Wenn wir eine Reha-Maßnahme für einen gesetzlich versicherten Patienten beantragen, müssen wir das Formular nach Muster 60 ausfüllen und bei der Kasse einreichen. Erst dann erhalten wir das Dokument nach Muster 61 – den eigentlichen Antrag“, stöhnt Hettfleisch genervt.
Der Papierkrieg kostet wertvolle Behandlungszeit, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) herausgefunden. Mediziner widmen demnach im Schnitt rund ein Viertel ihrer gesamte Arbeitszeit dem Kampf gegen die Papierberge. „Hochgerechnet beläuft sich der bürokratische Aufwand in den Praxen der rund 117.000 niedergelassenen Ärzte auf gut 75 Millionen Stunden im Jahr“, rechnet die KBV vor.
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Der Dokumenten-Wust kostet dabei nicht nur Zeit. Er verschlingt auch eine Menge Geld: Alle bisherigen Sparerfolge im Gesundheitswesen sind durch die Bürokratie wieder aufgefressen worden, beklagt der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Jörg-Dietrich Hoppe. Auch für die Vertreter von unabhängigen Patientenvereinigungen ist das Maß voll: „Ausufernde Bürokratie und teure Werbemaßnahmen führen dazu, dass Patienten immer höhere Beiträge zahlen müssen“, kritisiert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP), Wolfram-Arnim Candidus. Er fordert die Krankenkassen mit Nachdruck auf, endlich den Bürokratie-Wahn einzudämmen.
Wie viel Versichertengelder die Bürokratie frisst, zeigt ein alltägliches Beispiel aus der Zahnarztpraxis: „Für eine einfache Prothesenreparatur geben die Krankenkassen 56,52 Euro aus. Mein Umsatz daran beträgt 21,17 Euro, den Rest verschlingt die Verwaltung“, rechnet der Zahnarzt Joachim Hoffmann aus Kirchhundem vor. Die Regierung müsse den unsäglichen Formular-Dschungel endlich roden und Behörden sowie Krankenkassen zur Vernunft bringen. „Sonst müssen wir in jeder Praxis auch noch einen Betriebswirt anstellen.“
Das Problem ist beim Bundesgesundheitsministerium bestens bekannt, Änderung ist dennoch nicht in Sicht. Eine extra eingesetzte, 25-köpfige Kommission soll Vorschläge erarbeiten, wie sich das Bürokratiemonster an die Kette legen lässt. Bislang haben die Kassen aber noch kein einziges Formular gestrichen.
Die Ärzte müssen sich also weiter durch den Wust von Formularen und Bescheinigungen kämpfen. Es wird sogar immer schlimmer: Die Krankenkassen dürfen ihren Versicherten seit der vergange-nen Gesundheitsreform spezielle Behandlungsprogramme anbieten und neue Verträge abschließen, beides lässt die Papierflut in den Praxen zum Tsunami anschwellen. Fast 2.500 Kleinstverträge von Krankenkassen mit Kliniken, Ärzten und anderen Heilberuflern existieren bundesweit, die meisten mit eigenen Formularen.
Die Bundesärztekammer beobachtet diesen Trend mit Sorge und sieht für Patienten und Mediziner nur einen Ausweg, die lähmenden Bürokratie-Fesseln loszuwerden: „Die Politik muss endlich vernünftige Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Ärzte wieder intensiver um ihre Patienten kümmern können.“
| 75 Millionen verlorene Stunden jedes Jahr! |
Praxisgebühr: 8,6 Millionen verlorene Stunden
Für die Erhebung und Quittierung der Praxisgebühr braucht ein Praxisteam im Schnitt drei Minuten. Im Jahr 2004 wurde die Gebühr in genau 172.525.829 Fällen eingezogen – macht zusammen 8,6 Millionen Stunden – Zeit, die dem Arzt für Ihre Behandlung fehlt.
Anfragen von Krankenkassen: 995.289 verlorene Stunden
Für die Beantwortung einer Krankenkassen-Anfrage muss der Arzt im Schnitt zehn Minuten seiner Behandlungszeit opfern. Bei 5.971.734 Anfragen im Jahr 2004 entspricht das 995.289 Stunden.
Sonstige Anfragen: jede Woche mindestens eine verlorene Stunde
Pro Woche müssen die Ärzte mindestens noch fünf weitere Anfragen oder Bescheinigungen von Ämtern und Behörden bearbeiten, die jeweils mit mindestens 15 Minuten zu Buche schlagen.
Chronikerprogramme: 400.000 verlorene Stunden
Der zeitliche Aufwand für die Einschreibung eines Patienten in ein Chronikerprogramm (beispielsweise zur Behandlung von Diabetes) wird von den Ärzten mit zehn Minuten angegeben. Für die Erstdokumentation fallen 15 Minuten an, für die Folgedokumentation wieder zehn Minuten. Mindestens 397.374 Stunden mussten die niedergelassenen Ärzte in Deutschland im Jahr 2004 auf diese Weise der Verwaltung opfern.
Praxisbegehungen: 18.195 verlorene Stunden
Bei etwa 20 Prozent der niedergelassenen Ärzte sind im Jahr 2004 Praxisbegehungen durch Gesundheitsämter und Bezirksregierungen vorgenommen worden. Diese dauerten im Schnitt rund 60 Minuten. Umgerechnet auf alle Arztpraxen des Landes ergibt sich dadurch ein zeitlicher Aufwand in Höhe von 18.195 Stunden.
Von durchschnittlich 55 Wochenarbeitsstunden verbringen Haus- und Fachärzte einer Umfrage zufolge allein rund 14 Stunden mit dem Ausfüllen von Formularen. Hochgerechnet beläuft sich der bürokratische Aufwand in den Praxen der rund 117.000 niedergelassenen Ärzte auf gut 75 Millionen Stunden – in denen Ihr Arzt nicht für Sie da sein kann.
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