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Mathieu Carrière: "Grundrechte werden mit Füßen getreten"


Carrière gekreuzigt: Vater Staat, warum hast Du mich verlassen?


durchblick: Herr Carrière, Sie haben sich kürzlich ans Kreuz schlagen lassen – Bayerns Ministerpräsident Stoiber forderte daraufhin drei Jahre Haft für solche Gotteslästerer. Was würde Jesus dazu sagen?

Er würde Stoiber sagen: Ich vergeb dir, denn du weißt nicht, was du tust. Jesus wurde wegen Gotteslästerung liquidiert, das Opfer schon damals zum Täter gemacht. Jesus hat sich schon damals der Kindschaftsrechte angenommen, für die auch wir uns einsetzen. Er war ein Widerstandskämpfer, der sich mutig und unbeirrt der Obrigkeit entgegenstellte. Er hat ohne viel Federlesens den Wechslern im Tempel Feuer unter dem Hintern gemacht.

Auch mit den Pharisäern ist er heftig umgesprungen, auch diese Stellen sollte Herr Stoiber einmal in der Bibel nachlesen. Insofern ist es meine christliche Pflicht, mit einer solchen Aktion auf massives Unrecht hinzuweisen, das durch staatlich verordneten Kindesmissbrauch entsteht.

Herr Stoiber sollte sich lieber um solche aktuellen weltlichen Themen kümmern, die Millionen Erwachsenen und Kindern jeden Tag unter den Nägeln brennen – und nicht versuchen, mit billigem Populismus davon abzulenken, dass Deutschland eine Kindschaftsrechts-Festung ist. Das perpetuiert nicht nur unvorstellbares menschliches Leid, sondern verursacht auch massive Kosten im Gesundheitswesen.



durchblick: Das müssen Sie erklären. Was ist eine „Kindschaftsrechts-Festung“?

Deutschland ist eine solche Festung, in der elementare Grundrechte mit Füßen getreten werden. Fünf Millionen Trennungskinder, jedes Jahr 230.000 mehr, zehn Millionen Trennungseltern und 20 Millionen Trennungsopas und -omas leiden unter den Folgen unserer vorsintflutlichen Rechtsprechung.

Ganz zu schweigen von den auch betroffenen Geschwistern, Freunden, Partnern und Helfern, die den Mut, die Hoffnung und ihre Lebenslust verloren haben und dennoch weitermachen. 35 Millionen Menschen in Deutschland leben in diesem fürchterlichen Getto.

Dabei wäre das ganze Leid mit einem Federstrich zu beseitigen – die Politiker müssten nur den völlig anachronistischen Paragrafen 1626 a des BGB abschaffen ...

durchblick: ... der was besagt?

Dieser idiotische Paragraf hebt die grundgesetzlich garantierte Gleichheit von Mann und Frau auf und entrechtet Väter, die mit der Kindsmutter nicht verheiratet waren oder sind. Wenn zwei nicht miteinander verheiratete Eltern sich trennen und sich nicht über das Sorgerecht einigen können, steht das Sorgerecht automatisch der Mutter zu.

Diese hat dann damit automatisch alle Macht der Welt, denn Einigungen kann man immer hintertreiben, wenn man will. Leider sind Trennungen nun einmal mit heftigen Gefühlsgewittern verbunden, Kinder und in 92 Prozent der Fälle die Väter stehen jeweils allein im anschließenden Dauerregen, wenn die Mutter sich entscheidet, das Kind als Machtmittel oder für Rachegelüste zu missbrauchen. Ich weiß das aus vielen Gesprächen mit betroffenen Vätern und Kindern, und auch aus eigener Erfahrung. So werden Kinder und Väter zu Opfern der Rechtsprechung. Kein Richter dieses Landes will oder darf sich darum kümmern, dass Kinder beide Elternteile brauchen, auch nach einer Trennung der Erwachsenen. Das ist juristische und soziale Steinzeit, die sich mit einem Federstrich durch die Abschaffung des 1626 a abschaffen ließe.

Mein gelegentlicher Schachpartner Otto Schily, Vater von zwei Töchtern, sagte mir vor ein paar Jahren: „Es ist leichter im Nahen Osten Frieden zu schaffen, als in Deutschland den Finger in das Schlangennest Kindschaftsrecht zu stecken.“ Soll er Recht behalten? Sollen weiterhin deutsche Richter die Erde zu einem Teller breitschlagen, obwohl wir längst wissen, dass sie rund ist?

durchblick: Haben Sie durch Ihre Aktivitäten bislang etwas erreicht?

Ja. Wir haben Aufmerksamkeit für unsere Argumente geschaffen und die Öffentlichkeit sensibilisiert. Die Politiker ändern ohne Druck von der Straße nichts.

Die Innenministerin, Frau Zypries, habe ich mehr als einmal auf den Knien angefleht, die Kindschaftsrechts-Festung Deutschland aufzubrechen. Zu verlieren hat sie nichts, zu gewinnen alles. Aber sie traut sich nicht und versteckt sich deshalb. „All das ist Ländersache“ ist für mich die Standardausrede eines unwilligen und mutlosen Politikers. Unsere Aktion war für sie nur „Effekthascherei“. Aber wir haben sie zumindest in dieselbe Ecke gestellt wie Stoiber. Der Staat kennt die Medizin: Menschenrechte für Kinder und Gleichberechtigung der Eltern. Er verschreibt diese Medizin nicht. Obwohl das Grundgesetz den Staat verpflichtet, für die Gesundheit der Bürger zu sorgen. Das ist unterlassene Hilfeleistung und damit Staatsterror.

durchblick: Was droht denn solchen Trennungskindern nach Ihrer Erfahrung? Das hat ganz massive entwicklungspsychologische, soziale und vor allem auch gesundheitliche Auswirkungen – auch die Kosten im Gesundheitswesen könnte man hier durch eine vernünftige Politik drastisch senken. Nur ein paar Zahlen dazu:

63 Prozent aller jugendlichen Selbstmörder sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren. 70 Prozent aller Jugendlichen in staatlichen Einrichtungen sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren. 71 Prozent aller schwangeren Teenager sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren. 71 Prozent aller Schulabbrecher sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren. 75 Prozent aller Jugendlichen in Drogenentzugszentren sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren. 85 Prozent aller jugendlichen Häftlinge sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren. 90 Prozent aller Ausreißer und aller obdachlosen Kinder sind vaterlos oder müssen den Vater entbehren.

Sogar die Immunsysteme von Trennungskindern sind schwächer als die ihrer „Kollegen“, deren Eltern (auch nach Trennung) weiter gleichberechtigt im besten Interesse ihrer Kinder kooperieren. Konflikttrennungskinder sind anfälliger für Infektionen und haben eine geringere Lebenserwartung. Außerdem sind nach neuesten Untersuchungen Kinder alleinerziehender Mütter 25 Prozent fettleibiger als Kinder, die von beiden Eltern erzogen und versorgt werden.

durchblick: Sie sind bekannt als ein Mensch, dessen Herz eher links schlägt. Trotzdem sind Sie ein Freund privater Krankenversicherungen. Ist das nicht ein Widerspruch, wie kommt das?

Ich komme aus einer Ärztefamilie. Mein Vater ist heute noch in der Barmer Ersatzkasse. Aber meiner Arbeit und meinem Lebensstil kann nur eine private Versicherung gerecht werden. Ich bin verantwortlich für fünf Menschen, die ich alle, einige seit 30 Jahren, privat versichert habe. Diese Versicherung hat inzwischen zweien meiner Kinder das Leben gerettet.

durchblick: Sie sind vielseitig sozial und politisch engagiert. Haben Sie schon einmal etwas von der elektronischen Gesundheitskarte gehört?

Ist das nicht so was wie eine auf die Stirn tätowierte Nummer? Was ich bisher gehört habe, macht mir Heidenangst. Abgesehen von den immensen Kosten scheint hier ganz offen ein Überwachungssystem zu entstehen, wie es Deutschland noch nicht gesehen hat. Wie bei der „Geheimdienstreform“. Da werden dem Bundesnachrichtendienst (BND), während der Untersuchungsausschuss noch arbeitet, schon mehr Rechte und Macht zugeschoben als er je hatte. Alles unter dem Deckmäntelchen der „Terrorbekämpfung“. An die versprochene Datensicherheit mag ich nicht glauben: Wenn 14-jährige Computer-Kids schon in die massiv gesicherten Rechner des amerikanischen Militärs eindringen können, sehe ich nicht, wie Krankenkassen und Behörden verhindern wollen, dass demnächst intime Krankengeschichten in Internet-Blogs ausgehängt werden. Ich möchte meine Krankengeschichte dort jedenfalls nicht finden, und viele andere Menschen ganz sicher auch nicht.


durchblick: Sie leben in Hamburg, Paris und Venedig – zerreißt Sie das nicht etwas?

Einfacher wäre es schon, sich für eine Stadt zu entscheiden, aber die Liebe ist schuld. Nach Paris zieht mich die Liebe zu Frankreich. Nach Hamburg zieht mich die Liebe zu meinem Stiefsohn Erick und zu Susanna, und nach Venedig die Liebe zu meiner neunjährigen Tochter, die dort mit ihrer Mutter lebt und an deren Entwicklung ich so teilhaben kann.


Carrière gekreuzigt: Vater Staat, warum hast Du mich verlassen?

Mit Klebeband statt Nägeln ließ sich kürzlich der Schauspieler Mathieu Carrière ans Kreuz binden. Er organisierte die spektakuläre Aktion im Rahmen einer Demonstration des „Väteraufbruchs für Kinder“, um Kinderrechte einzuklagen. „Nur Effekthascherei“, schimpfte Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) – und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber rief nach einer Gesetzesverschärfung für Gotteslästerung. „Jesus hätte sich sofort der Kindschaftsrechte angenommen, für die ich mich einsetze“, konterte Carrière.

Mi, 30.08.2006 14:48 / na Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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