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Allergienotstand – Kein Geld für Heuschnupfen-Patienten

Für die aufwendige Behandlung eines Allergiepatienten bekommt der Arzt keinen Cent extra

Jedes Jahr das Gleiche: Im April fängt die Nase an zu laufen, die Augen tränen. Birte H. hat seit Jahren Heuschnupfen. Mit leichten Allergiemedikamenten kommt die 32-Jährige aber relativ gut durch das Frühjahr. Doch in diesem Jahr ist es besonders schlimm: Birte H. muss husten, hat Atemnot, und wenn sie Äpfel und Nüsse isst, fängt es im Mund  schrecklich an zu jucken. Also geht es zu einem ausführlichen Gespräch zum Allergologen.

Dem ersten Termin folgen noch zahlreiche weitere (siehe Kasten S. 10). Na, denkt sich Birte H., da wird der Arzt ja wenigstens ordentlich an mir verdienen. Doch weit gefehlt: Für die allergologische Behandlung gibt es kein zusätzliches Budget.

Birte H. lässt sich wegen ihrer Allergie bei ihrem Hautarzt behandeln. Der hat eine spezielle Zusatzausbidlung – und teure Geräte für seine Praxis angeschafft. Allergiekranke können sich auch von HNO-Ärzten, Pneumologen oder Kinderärzten behandeln lassen. Für alle aber gilt: Trotz Zusatzqualifikation und größerem Aufwand gibt es für die Allergieuntersuchungen nicht mehr Geld. Die Allergie-Ärzte müssen mit dem „Regelleistungsvolumen“ (RLV) auskommen, einer Pauschale, die jeder Arzt pro Patient und Quartal bekommt.

Und diese RLV sind recht mager: Etwa 17 Euro pro Quartal und Patient bekommt ein Hautarzt im Bundesdurchschnitt. In einzelnen Bundesländern kann es aber auch deutlich weniger sein – der Arzt von Birte H., die in Hessen lebt, bekommt nur 13,50 Euro dafür, dass er sie ein ganzes Quartal lang behandelt. Die einzigen, die einen Zuschlag für Allergiepatienten bekommen, sind die Hautärzte in Baden-Württemberg. Allerdings bekommen sie gerade einmal 1,15 Euro mehr im Monat.

Dass für diese Beträge kein Allergiepatient versorgt werden kann, liegt auf der Hand. „Das Budget ist bereits beim ersten Besuch verbraucht“, schlägt der Ärzteverband deutscher Allergologen (ÄDA) Alarm. Danach zahlen die Ärzte drauf – vor allem bei aufwendigen Therapien wie der, die Birte H. bekommt. Nach Ansicht von Prof. Wolfgang Czech, bis vor Kurzem Verbandspräsident, steckt System hinter den zu knappen Honoraren: Die Politik wolle, dass die niedergelassenen Fachärzte pleitegehen.

 „Das geschieht auf Kosten der allergiekranken Menschen“, beklagt er – und letztendlich auf Kosten aller Versicherten, denn ohne die richtige Behandlung würden immer mehr Allergiker zu – teuren – Asthmapatienten. Viele Ärzte hätten bereits angekündigt, dass sie die Immuntherapie aus Kostengründen nicht mehr durchführen könnten. Manche wollen sogar die Behandlung von Allergiepatienten ganz einstellen. Auch Birte H.s Arzt weiß nicht, wie er finanziell über die Runden kommen soll. Sein RLV beträgt 13,50 Euro – allein die Praxiskosten liegen pro Patient aber bei 20 Euro.

Viele seiner Kollegen verzichten bereits auf spezielle, aufwendige Tests und behandeln nur nach den Ergebnissen des Hauttests, der aber nicht so genaue Ergebnisse liefert. Birte H.s Arzt überlegt, sich wieder ganz auf sein Hauptgebiet Dermatologie zu konzentrieren. Der Verband der Allergologen fordert, dass die Ärzte mehr Geld für die Behandlug von Allergikern bekommen – damit die Allergiepatienten nicht bald vor verschlossenen Türen stehen.


Das muss der Arzt für 13,50 Euro alles leisten
13 Arztbesuche in einem Quartal waren bei Birte H. nötig – und der Arzt hat dafür gerade einmal lächerliche 13,50 Euro bekommen.

1. Termin:
Nachdem der Arzt sich über ihre Beschwerden und ihre Krankengeschichte informiert hat, gibt er Birte H. einen neuen Termin für einen Allergietest.

2. Termin: Der Hauttest (Pricktest) ergibt Allergien gegen Baumpollen, Gräser- und Roggenpollen. Doch der Arzt muss es genauer wissen. Bei einem zweiten Test zeigt sich, dass Birte H. gegen Erle, Birke, Hasel, Buche und Eiche allergisch ist. Doch auch dieses Ergebnis reicht nicht aus. Um die Allergene genau einzugrenzen, muss Birte H. zu drei weiteren Terminen in die Praxis kommen.

3. bis 5. Termin:
Birte H. macht einen sogenannten nasalen Provokationstest. Dabei atmet sie jeweils ein Allergen ein. Beim fünften Termin ist klar, welche Stoffe für Birte H. besonders kritisch sind. Das erklärt der Arzt ihr in einem ausführlichen Gespräch. Der Allergologe rät zu einer spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung). So können die Symptome bekämpft werden. Außerdem sollen weitere Allergien oder der gefürchtete „Etagenwechsel“, also Asthma, verhindert werden.

6. Termin: Birte H. ist sich nicht sicher. Sie kommt noch einmal in die Praxis, um weitere Fragen zu klären. Am Ende dieses Termins bekommt sie ein Rezept für das Präparat, das ihr Arzt ihr nun im wöchentlichen Abstand per Spritze verabreichen wird.

7. bis 13. Termin: Birte H. bekommt das speziell für sie hergestellte Al-lergen-Präparat gespritzt. Dann muss sie noch eine halbe Stunde in der Praxis bleiben, damit sicher ist, dass sie die Injektion gut vertragen hat.

Nach sieben Wochen ist die „Aufdosierungsphase“ vorbei. Jetzt muss Birte H. aber noch drei Jahre lang jeden Monat für eine Spritze in die Praxis kommen. Und ihr Arzt muss sich immer wieder mit 13,50 Euro pro Quartal abspeisen lassen. 

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Do, 04.02.2010 13:11 / Kathrin Schneider / Januar – März 2010 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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