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Augen auf vor dem Kassenwechsel: Billige Kasse – schlechtere Behandlung?


Wer angesichts explodierender Beiträge AOK, Barmer & Co den Rücken kehrt und in eine deutlich billigere Kasse wechselt, hat nur auf den ersten Blick ein Schnäppchen gemacht. Denn für Ihren Arzt macht es durchaus einen Unterschied, wo Sie versichert sind – immer mehr Patienten bekommen dies auch zu spüren.

Ist Ihnen das auch schon mal passiert: Sie reichen Ihre Chipkarte über den Praxistresen und ernten schiefe Blicke von der Helferin. Ein möglicher Grund: Sie sind in einer der sogenannten Billigkrankenkassen versichert. In vielen Arztpraxen sind solche Patienten nicht mehr wirklich gern gesehen, denn solche Kassen zahlen viel weniger Geld an die Ärzte aus als die großen, teureren.

Luise Peters hat genau das schon einmal erlebt: „Als ich wegen meiner ständigen Bauchschmerzen eine Darmspiegelung brauchte, sagte mir der Internist, er könne mich erst im nächsten Quartal dran nehmen.“ Die 45-jährige ist bei einer der günstigen Betriebskrankenkassen versichert. Der Spezialist erklärte der erschrockenen Patientin, dass sein Budget für Versicherte aus Billigkassen schnell verbraucht sei. Deshalb müsse sie eben warten.

„Das habe ich nicht gewusst“, berichtet Frau Peters. „Ich dachte: Warum sollst Du nicht in eine billigere Kasse wechseln und ein paar Hundert Euro im Jahr sparen, wenn ich doch mit meiner Chipkarte so oder so von jedem Arzt behandelt werde.“ Der Frust wuchs weiter, als auch ihr Hausarzt sie beim nächsten Besuch auf ihre Kasse ansprach. „Diese Billigkassen zahlen sehr viel weniger für die Behandlung ihrer Versicherten. Wir müssen den Menschen doch irgendwie klar machen, was sie anrichten, wenn sie dorthin wechseln“, meinte der Mediziner.

Die Ärzte von Frau Peters beklagen sich zu Recht, zeigt ein Blick auf das Geldverteilungssystem der Krankenkassen. Gesetzliche Krankenkassen honorieren nicht den Arzt direkt für seine Behandlung, sondern sie zahlen jedes Jahr einen seit Jahren festgelegten Betrag pro Versicherten in einen riesigen Geldtopf ein, Fachleute nennen diesen Pauschalbetrag „Kopfpauschale“. Das Geld aus diesem Finanztopf verteilen dann die Kassenärztlichen Vereinigungen unter den Ärzten.

Das Problem: Nicht jede Krankenkasse zahlt die gleiche Kopfpauschale für ihre Patienten in den Finanztopf ein. Während einige Ersatz- oder Ortskrankenkassen pro Mitglied und Jahr an die 600 Euro Kopfpauschale hinblättern, sind es bei manchen Betriebs- oder Innungskrankenkassen um 300 Euro. Kein Wunder also, dass Letztere ihre Versicherten mit sehr viel günstigeren Beiträgen locken können.

Wechseln Sie nun zu einer Kasse mit einer geringeren Kopfpauschale, zahlt diese möglicherweise mehrere Hundert Euro im Jahr weniger für Sie. Das heißt: Je mehr Patienten in Billigkassen wechseln, desto kleiner wird der Finanztopf, aus dem das Honorar für die Ärzte bezahlt wird – es gibt einfach weniger zu verteilen.

Leidtragende sind aber nicht nur die Ärzte. Zu spüren bekommen das alle gesetzlich Versicherten und nicht mal nur die, die bei Billigkassen versichert sind. „Die Wenigzahler sorgen dafür, dass pro Patient weniger Geld aus dem Honorartopf der Ärzte übrig bleibt“, warnt der Bremer Chirurg Dr. Jörg-Andreas Rüggeberg. „Je mehr Patienten in Billigkassen eintreten, desto weniger Leistungen bekommt der Einzelne von seinem Arzt.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin kann das mit Zahlen belegen. Weil dort viele Versicherte in Kassen mit niedrigeren Kopfpauschalen gewechselt sind, ist für den Zeitraum zwischen 1995 und 2005 ein zweistelliger Millionenbetrag aus dem Finanztopf verschwunden, aus dem die Honorare für die Ärzte bezahlt werden.

Das Privileg der Billigkassen, so viel weniger einzahlen zu müssen, stammt noch aus dem Jahr 1991. Der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer hatte jede Kasse ausrechnen lassen, wie viel sie im Durchschnitt für eines ihrer Mitglieder ausgibt – heraus kam die Kopfpauschale.

Glücklich konnten sich diejenigen Kassen schätzen, die zu diesem Zeitpunkt vor allem junge und gesunde Mitglieder hatten. Ihre Ausgaben waren sehr viel geringer als die der Kassen mit älteren Versicherten. Weil die Kopfpauschalen seit Jahren kaum steigen, zahlen diese Kassen auch heute noch die damals festgelegten niedrigeren Summen. Dass sie heute vielleicht nicht mehr hauptsächlich junge und gesunde Mitglieder haben, spielt dabei keine Rolle. Und auch neu gegründete Krankenkassen hatten relativ viel Spielraum, wenn sie ihre Kopfpauschale festlegten, und konnten mit niedrigen Kopfpauschalen einsteigen.

Wenn Sie dennoch in eine günstigere Kasse wechseln wollen, müssen Sie damit rechnen, dass Sie das mehr und mehr zu spüren bekommen. Ein Hamburger Gynäkologe drückt es so aus: „Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat in der Gesundheitsversorgung keinen Platz. Das müssen wir den Patienten klarmachen.“ Allerdings gibt es auch Kassen, die trotz hoher Kopfpauschalen niedrigere Beiträge bieten.

Luise P. hat ihre Konsequenzen bereits gezogen: Sie will beim Arzt nicht länger warten oder auf wichtige Untersuchungen verzichten und ist jetzt wieder bei einer Ersatzkasse versichert.



Das verbirgt sich hinter der „Kopfpauschale“

Egal, wie oft Sie im Jahr zum Arzt gehen: Ihre Krankenkasse zahlt immer die gleiche Summe für Ihre Behandlung und die Ihrer mitversicherten Angehörigen durch Ihren Arzt – die so genannte Kopfpauschale. Sie hat ihr Soll damit erfüllt.

Das Geld landet in einem Honorartopf, den die Ärzte unter sich aufteilen müssen. Deshalb weiß Ihr Arzt auch nie, wie viel er mit Ihrer Behandlung verdient. Das erfährt er in der Regel erst ein Vierteljahr später, wenn das Geld verteilt ist.

Schon seit Jahren bleiben die Kopfpauschalen fast gleich – und das, obwohl es immer mehr ältere Menschen gibt und moderne Behandlungsmethoden sehr viel teurer sind als früher. Es ist sogar gesetzlich festgelegt, dass sie nur ganz geringfügig steigen dürfen.


Di, 24.04.2007 11:44 / Britta Loehr Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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