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Elektronische Gesundheitskarte: Ihre Krankenakte frei im Internet?

Es ist wohl eines der ältesten Datenschutzgesetze der Welt: das Arztgeheimnis. Es schützt nicht nur das Vertrauensverhältnis zwischen Mediziner und Patient, sondern auch das Selbstentscheidungsrecht des Patienten über seine intimsten Daten. Mit der geplanten elektronischen Gesundheitskarte könnte aber genau das unterwandert werden, fürchten Computer-Experten. Sie kritisieren, dass die Politik ein Projekt vorantreibt, bei dem ihrer Meinung nach die Sicherheit der sensiblen Patientendaten nur eine Nebenrolle spielt. Ernst zu nehmende Warnung oder bloße Panikmache?

Zumindest ein Thema, mit dem sich jeder Krankenversicherte bald auseinandersetzen muss: 80 Millionen Menschen sollen in Deutschland künftig die elektronische Gesundheitskarte nutzen, die schrittweise die bisherige Krankenversichertenkarte ablösen soll. Erste Tests des Systems laufen in wenigen Wochen an. Informationen über Behandlungen und Therapien, verschriebene Arzneimittel, Notfalldaten - nahezu alle wichtigen Patientendaten laufen dann über elektronische Datenleitungen aus der Arztpraxis auf zentrale Server. Das Bundesgesundheitsministerium ist sich sicher, dass die Daten dort vor unbefugten Zugriffen geschützt sind. Es spricht vom "persönlichen Datentresor" der Patienten. Hacker könnten ihn nicht knacken, sind sich die Politker und Ministerialbeamten sicher.

Ähnlich vollmundige Versprechungen begleiteten auch die Einführung der biometrischen Reisepässe in Deutschland im November 2005. Auf einem angeblich fälschungssicheren Chip in dem Pass sind die üblichen Passdaten und ein Lichtbild gespeichert. Ab März 2007 sollen zusätzlich zwei Fingerabdrücke folgen. Dem Computerexperten Lukas Grünewald gelang es im Juli dieses Jahres ohne Probleme, die Ausweise innerhalb von zwei Wochen zu hacken, die Daten auszulesen und auf einen anderen Chip zu übertragen.



Dass Sicherheit im Datenverkehr nur ein relativer Begriff ist, zeigte kürzlich auch ein Fall aus den USA: Der stark abgeschirmte Rechner des amerikanischen Verteidigungsministeriums wurde Anfang Mai Opfer eines Hacker-Angriffs. Die Angreifer konnten Informationen aus den Datenbanken kopieren, die Krankenversicherungsdaten von Angestellten und Behörden enthalten.

Fälle, die auch den Leitern des Projektes zur elektronischen Gesundheitskarte bekannt sind. Dennoch scheinen sie nicht an ihrem Vorhaben zu zweifeln. "Der Schutz vor Missbrauch der Gesundheitsdaten wird zusätzlich durch spezielle Strafvorschriften gestärkt", erklärt das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Internetseite und ist sich sicher, dass dies potenzielle Datendiebe abschreckt.

Doch wenn Krankenkassen sich schon nicht an die Datenvorschriften halten, ist es fraglich, ob professionelle Hacker das tun: Im Frühjahr dieses Jahres musste der hessische Datenschutzbeauftragte Michael Ronellenfitsch gegen die AOK in seinem Bundesland vorgehen. Im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit einer Versandapotheke hatte die Krankenkasse eine Datentabelle mit Namen und Anschriften von Mitgliedern mit Diabetes an den Medikamentenhändler weitergegeben. Die Kasse hatte das Unternehmen sogar gebeten, die Kunden anzuschreiben und ihnen Angebote für spezielle Medikamente zu machen.

Einen noch gröberen Verstoß gegen den Datenschutz mussten zahlreiche Patienten mit chronischen Erkrankungen im vergangenen Jahr hinnehmen: Die Angaben von Teilnehmern an Chronikerprogrammen landeten über Umwege bei einer Firma in Vietnam. Von den Krankenkassen beauftragte Privatunternehmen hatten sie unverschlüsselt über das Internet dorthin übertragen. 40.000 Patienten waren betroffen.

Wird die elektronische Gesundheitskarte künftig zu einem weiteren großen Sicherheitsrisiko für die Patientendaten? "durchblick gesundheit" befragte den Diplom-Informatiker Thomas Maus. Der Fachmann für IT-Sicherheitsfragen arbeitete für das Europäische Institut für Systemsicherheit und berät Unternehmen aller Größenordnungen in Sachen Datenschutz.

durchblick: Herr Maus, als Diplom-Informatiker haben Sie beruflich sicher sehr oft mit der Einführung von neuen Datensystemen und Informationsstrukturen zu tun. Befürworten Sie die neue elektronische Gesundheitskarte in der derzeit geplanten Form?

Nein. Ich sehe erhebliche, wenn nicht sogar unüberschaubare Risiken in den Bereichen Kosten, Praktikabilität sowie Sicherheit und Datenschutz für die Patienten.

durchblick: Glauben Sie, dass sich diese Datenschutzprobleme in naher Zukunft noch beseitigen lassen?

Kaum. In der Rahmenarchitektur zur Gesundheitstelematik - denn die Karte ist nur der sichtbare Teil eines riesigen Computernetzes, in dem die Daten gespeichert und verarbeitet werden - wird festgeschrieben, dass quartalsübergreifende Datenauswertungen zu einzelnen Patienten für berechtigte Institutionen möglich sein müssen.

Zwar sind die Daten unter einem Pseudonym abgelegt, doch besteht dieses im Wesentlichen aus Geburtsdatum, Geschlecht und Postleitzahl. Wir wissen aus der DDR, dass dort eine ganz ähnlich strukturierte Personenkennziffer der STASI dazu diente, Personendaten effizient zu finden. Geburtsdatum, Geschlecht und Postleitzahl geben die Bürger bei jeder Versicherung, Bank oder ihrem Arbeitgeber an.

Gelingt nun, etwa durch bestechliche oder genötigte Mitarbeiter in den zugriffsberechtigten Institutionen oder durch eine Sicherheitspanne, der Zugriff auf diese "pseudonymisierten" Daten, ist die Ent-Pseudonymisierung trivial. Damit ist der Diskriminierung von Menschen mit Krankheitsrisiken Tür und Tor geöffnet.

Schlimmer noch: Kennt man die Krankengeschichte der Eltern oder Großeltern, so lässt sich die Anfälligkeit der Kinder für viele Krankheiten vorhersagen. Fatalerweise ist das elektronische Rezept für praktisch alle Bürger verpflichtend. Bisher haben mir alle Ärzte bestätigt, dass sich aus den Rezepten sehr gut die Diagnose des Patienten ableiten lässt - also im Laufe der Zeit seine Krankengeschichte. Wir werden diesen Risiken praktisch alle ausgesetzt sein.

durchblick: Sehen Sie - unabhängig von den datenschutzrechtlichen Bedenken - denn Vorteile für die medizinische Versorgung durch die neue Karte?

In der jetzigen Form nicht. Es gibt viele Handhabungsprobleme: Die Ausstellung und Einlösung von Rezepten dürfte sich beispielsweise dramatisch verlangsamen, die Effizienz des Gesundheitswesens eher abnehmen.

Medikamentenwechselwirkungen zu prüfen ist sicher wichtig und segensreich, doch reicht dazu die vorgesehene Liste der Verschreibungen laut Auskunft vieler Ärzte nun einmal nicht aus.

Notärzte schildern mir immer wieder Szenarien, in denen die Notfalldaten auf der Karte nutzlos bis schädlich sind. Nur einige Beispiele: Woher weiß der Notarzt sicher, ob die Karte zum Patienten gehört? Blutgruppenangaben in Ausweisen dürfen die Notärzte auch heute nicht trauen! Wie lange muss der Notarzt nach der Karte suchen und dann Daten lesen, ehe die Behandlung anfangen darf? Wie lange muss bei Technikproblemen versucht werden, trotzdem auf die Kartendaten zuzugreifen?

Wird ein Arzt nach 36 Stunden Dienst tatsächlich besser entscheiden, weil er jetzt auf 600 Seiten Dokumentation zugreifen kann? Wird, was er in die Akte schreibt, verlässlich sein? Oder der Mangel an Qualität erkennbar? In den USA gab es schon Fälle, in denen die Krankheitsdaten in falsche Personenakten eingetragen wurden ...

durchblick: Was würden Sie als Alternative zur neuen Gesundheitskarte vorschlagen - soll alles beim Alten bleiben?

Nein, sicher nicht. Computereinsatz kann meines Erachtens in der Medizin sicherlich viele Vorteile bringen - von einem leidenschaftlichen Informatiker wie mir ist ja auch kaum eine andere Einschätzung zu erwarten. Doch Großprojekte scheitern häufig und gehen meist am Bedarf vorbei. Gefragt sind smarte Lösungen, die schnell Vorteile bringen und evolutiv zu einer Gesamtlösung entwickelt werden können.



durchblick: Ein Beispiel?

Nehmen wir das elektronische Rezept. Als Hauptargument für das elektronische Rezept wird häufig die Vermeidung des sogenannten "Medienbruchs" genannt, also die Notwendigkeit, die Daten auf dem Rezept später noch mal elektronisch zu erfassen. Das ließe sich ganz einfach und mit minimalen Kosten lösen: Auf die jetzigen Papierrezepte wird einfach ein zweidimensionaler Barcode aufgedruckt - das sind die schachbrettmusterartigen "Briefmarken", die sich heutzutage auf vielen Briefsendungen finden.

In einem solchen zweidimensionalen Barcode lassen sich etwa zwei Schreibmaschinenseiten an Daten unterbringen und auf einfachste Weise wieder in den Computer einlesen. Nun könnte man alle zur Abrechnung und auch für medizinische Statistiken oder Forschungen notwendigen Daten auf dem zweidimensionalen Barcode unterbringen - ohne dabei den Patienten in irgendeiner Weise zu identifizieren, also anonym. Wir gewännen so alle Vorteile eines eRezepts auf einer Gesundheitskarte ohne die Nachteile und behielten alle Handhabungsvorteile des wohlbekannten Papierrezepts.

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Die elektronische Gesundheitskarte - der Stand der Dinge
Eigentlich sollte schon jeder Krankenversicherte in Deutschland die neue Gesundheitskarte in den Händen halten. Doch die Einführung des Systems verzögert sich immer mehr - mehrfach brachten logistische und elektronische Probleme den Zeitplan durcheinander. Experten rechnen nun mit einer flächendeckenden Einführung nicht mehr vor Ende 2008.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit will das Bundesgesundheitsministerium aber erste Erfolge vorweisen - und drückt aufs Tempo. Nach Angaben beteiligter Informatik-Unternehmen sind die technischen Lösungen noch nicht ausgereift, trotzdem ordnete das Ministerium erste Tests in ausgewählten Arztpraxen an. Dort sollen Techniker spezielle Geräte aufstellen, die die Daten der neuen Karten lesen können.

Allerdings haben weder Ärzte, Patienten oder die an dem Projekt beteiligten Informatiker einen Nutzen von der kurzfristig gestarteten Aktion: Auf den Karten werden zunächst keine Daten gespeichert, die nicht auch schon auf der bisherigen Versichertenkarte zu finden sind. Die mit Spannung erwarteten Tests des elektronischen Rezepts oder der Datenleitungen zwischen Praxen, Apotheken und Krankenkassen bleiben aus.

"Auf den Karten werden nur die Versichertenstammdaten gespeichert und die Ärzte müssen die Papierrezepte weiter nutzen", erklärt Daniel Poeschkens, Sprecher der vom Ministerium eingesetzten Betreibergesellschaft, die das Projekt überwacht. Seiner Meinung nach werden die Tests deshalb auch kaum wichtige Erkenntnisse liefern, die das System voranbringen. Viele Beteiligte gehen sogar davon aus, dass sich das Projekt so nur unnötig verzögert. Die Sprecher des Gesundheitsministeriums könnten es jedoch als Erfolg verkaufen, dass die ersten Tests mit der neuen elektronischen Gesundheitskarte beginnen.

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Mi, 15.11.2006 15:54 / Jan Scholz Druckversion Mail Zurück Weiter

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