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Der Kassenpatient im Jahr 2005 |
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| Autor: | Bollwerk |
| Datum: | 14.04.2005, 18:23 Uhr |
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Die derzeitige Bundessozialministerin Ulla Schmidt macht allen gesetzlich versicherten Patienten, d.h. den Angehörigen einer sog. Krankenkasse, immer wieder weiß, sie könnten medizinisch optimal behandelt werden.
Mittlerweile spricht sie zwar nur noch "abgespeckt" von "notwendigen" Behandlungen, die jeder Patient ohne Ansehen seiner Krankenversicherung bekommen würde.
Sie unterstellt dabei aber, dass kaum ein Patient diese nur scheinbar kleine Änderung ihrer Wortwahl wirklich korrekt einschätzen kann.
Tatsächlich sollte jeder Kassenpatient wissen, wie dramatisch sich seine Situation vor allem in den letzten Jahren in Wirklichkeit zugespitzt hat:
1) Jedem Kassenpatient stehen nur Maßnahmen zu, wie sie im Sozialgesetzbuch Nr. 5, §12, genau klassifiziert sind. Das bedeutet: Jede Maßnahme, sei sie diagnostischer oder therapeutischer Natur, darf danach nur "notwendig" sein, sie darf nicht besser als "ausreichend" sein, sie muss außerdem "wirtschaftlich" und "zweckmäßig" sein.
Die Anfangsbuchstaben dieser vier Begriffe zungengerecht sortiert ergibt das neue Schlagwort "WANZ".
Was bedeutet das für den Kassenpatienten:
In den vergangenen Jahren waren die Ärzte oft recht großzügig zum Wohle ihrer Patienten tätig. Das bedeutete, sie haben sicher viele Dinge auch dann ihren Patienten zu Gute kommen lassen, wenn sie den eben genannten strengen Vorgaben eigentlich nicht gerecht wurden, d.h. über sie hinausgingen.
Aufgrund einer wohl kaum zu noch überbietenden, ja dilettantischen und chaotischen Politik in unserem Land, die leider auch im Gesundheitswesen ungebrochen dramatische Züge eingenommen hat, werden fast alle Leistungsträger, insbesondere auch die niedergelassenen Fachärzte schon seit vielen Jahren nicht mehr annähernd adäquat bezahlt. Diese Katastrophe nahm bereits unter dem früheren Minister Seehofer seinen unheilvollen Ausgang, wurde aber mittlerweile auf Betreiben von Frau Schmidt beschleunigt. Dazu nur ein Zitat von Ulla Schmidt vom 21.06.2003: "Man muss endlich Schluss machen mit der Ideologie der Freiberuflichkeit". In diesem Sinne geht es der heutigen Regierung also letztlich um die Abschaffung der niedergelassenen Ärzteschaft, was man am besten bereits durch langfristig angelegtes, intensives Aushungern bewerkstelligen kann.
Und genau das ist zurzeit intensiv im Gange.
Als Reaktion darauf werden in den nächsten Wochen und Monaten viele Kassenpatienten bei ihren gewohnten Ärzten zunehmend merken, dass diese nun in bisher ungewohnt strengem Maße die zuvor erwähnten gesetzlichen Vorgaben auslegen werden müssen.
1.1) "Notwendig" bedeutet deshalb in Zukunft, dass man nur noch solche diagnostische und therapeutische Maßnahmen bekommt, die wirklich medizinisch zwingend erforderlich sind. Das bedeutet u.a. auch, dass man vielleicht lange Wartezeiten für einen Termin in Kauf nehmen muss, die ungleich länger sein könnten, als jemals bisher erlebt. Das Bundessozialgericht hat den Begriff der "Notwendigkeit" vor einigen Jahren genau dargelegt: Eine Maßnahme ist demnach "notwendig", wenn sie zur Heilung, oder wenn eine Heilung nicht möglich ist, zur Linderung einer Erkrankung, "unersetzlich" und "unvermeidbar" ist. Das kann nur der Sie behandelnde Arzt sachlich und fachlich beurteilen, keine Kasse, kein medizinischer Dienst und auch sonst niemand anderes, schon keiner aus Politik, Verwaltung oder bei Gericht.
1.2) "Ausreichend" bedeutet alles andere als "optimal". Da Sie alle einmal in der Schule waren, wissen Sie den Unterschied zwischen "ausreichend", "gut" und "sehr gut" bestimmt einzuschätzen. "Optimal" ist noch besser als "sehr gut". "Ausreichend" bedeutet also, dass Sie in Zukunft nur noch einen "Mindeststandard", als etwas Besseres als "mangelhaft", bekommen können.
1.3) "Zweckmäßig" heißt, dass eine Methode wissenschaftlich einwandfrei belegbar sein muss. Wenn also z.B. Zweifel an der Wirksamkeit einer Methode bestehen sollten, dann wird man sie nicht auf Kassenkosten einsetzen. Gerade in der Medizin gibt es aber eine Vielzahl von Methoden, die medizinisch "sinnvoll" sind, aber den bereits genannten drei WANZ-Kriterien nicht entsprechen. Sie werden sie alle in Zukunft selbst bezahlen müssen! Das gilt auch für solche Maßnahmen, die von Ihren Krankenkassen als "abgegolten durch sogenannte Komplexziffern" bezeichnet werden. Erfüllen sie nicht schon die bisher genannten Kriterien im strengen Sinn, wird sie Ihnen kaum ein Arzt in Zukunft noch ohne Extra-Bezahlung anbieten.
1.4) "Wirtschaftlich" bedeutet natürlich, dass Ihr Arzt angehalten ist, Ihnen die im Vergleich zu anderen Methoden preiswerteste Maßnahme anzudienen.
Ihr Arzt bekommt schon seit Jahren seine Leistung nicht mehr in DM oder heute EURO-Beträgen berechnet. Vielmehr unterwirft er sich einer Bewertung nach Punkten, wobei der Punktwert
1) erst nach über sechs Monaten Ihrem Arzt bekannt gemacht wird und er erst dann weiß, was er schließlich für seine lange vorher erbrachte Leistung tatsächlich bekommt.
2) seit vielen Jahren ausschließlich nach unten floatet, d.h. von Quartal zu Quartal immer weniger wert ist. Das liegt vor allem daran, dass allein Ihr Arzt und nicht Ihre Krankenkasse oder der Staat das Risiko für neue und aufwändigere Diagnostika oder Therapien, bzw. für immer mehr Menschen mit höherem Alter (demographischer Faktor) oder für neue, besser erkennbare Erkrankungen u.v.a. trägt.
Das Schlimme ist dabei noch, dass auf Druck der Politik die ihr unterstellten Ärzteverbände (sie sind nämlich keine Gewerkschaft sondern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts) jedem Wunsch der Krankenkassen nach immer geringeren Vergütungen bisher nachgegeben haben und ihre eigenen Ärzte somit furchtbar im Stich lassen.
Ihr Arzt ist heute einer Schlacht ausgeliefert, in der ihm sämtliche Unterstützung fehlt.
Viele Ärzte sind heute schon faktisch pleite. Immer seltener können Sie deshalb noch eine über die sehr strenge Auslegung der vorgenannten Kriterien hinausgehende, vernünftige Medizin anbieten. Eine Mehrklassengesellschaft im Gesundheitswesen ist bereits seit langem Realität, auch wenn sie von Politikern und gar Ärztefunktionären immer wieder gerne verneint wird. Das sind jedoch schlichtweg Lügen!
Geben Sie bitte nicht Ihrem Arzt die Schuld für die langfristigen Versäumnisse offensichtlich inkompetenter Politiker. Er ist mittlerweile am Ende seine Möglichkeiten angelangt und wird dennoch versuchen, sich um Sie, seinen Patienten, weiterhin nach Kräften zu bemühen.
Er ist, wie auch ich meine, in seinem Wirken sehr vielen heute maßgeblichen Politkern haushoch überlegen. Dass das deutsche Volk dies immer noch zu schätzen weiß, spiegeln die vielen Umfragen wieder, die uns Ärzte nach wie vor weit vorn in der Achtung der Bevölkerung sehen, während der Politiker "unangefochten" weit hinten rangiert.
Heute müssen wir erkennen, dass eben viele dieser "Zunft" tatsächlich kaum etwas anderes verdient haben. Leider aber werden sie dabei auch von vielen Vertretern einer ebenso wenig kompetenten, meist bewusst einseitigen und sehr selbstgerechten Medienlandschaft in manchmal kaum nachvollziehbarer Weise hofiert. Im Ergebnis sind jedoch allein Sie, der Patient, der Leidtragende. Lange Zeit haben die meisten Ärzte immer wieder versucht, Sie das nicht spüren zu lassen. Doch heute ist das ihnen im immer geringeren Maße noch möglich. Die Zukunft ist zurzeit leider ausgesprochen düster, und Land ist keines in Sicht. |
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