Leichenschau - Das letzte Mal ist nie Routine: Hausbesuch bei einem Toten

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1.200 Mord- und Totschlagsfälle bleiben in Deutschland jährlich unentdeckt, schätzen Experten. „Wenn auf jedem Grab eines Ermordeten ein Licht brennen würde, wäre es auf unseren Friedhöfen nachts hell“, witzeln Rechtsmediziner. Um das möglichst zu verhindern, fordert das Gesetz die sogenannte Leichenschau: Ein Mediziner muss den frisch Ver­blichenen genau unter die Lupe nehmen, um die Todesursache festzustellen. Dazu gibt es genaue Regeln und komplizierte Formulare, die der Mediziner am Verstorbenen abzuarbeiten hat, will er sich gesetzeskonform verhalten. Allerdings hat Bayern hier eine andere Vorstellung von Gründlichkeit als etwa Berlin oder Sachsen. Ordnungsgemäßes Sterben ist in Deutschland immer noch Ländersache.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist jeder Arzt zur Leichenschau verpflichtet – selbst wenn er das jahrelang nicht mehr gemacht hat. Klären soll er unter anderem die Todesart, die er später in den Totenschein eintragen muss. Als Todesart kann er „natürlich“, „nicht natürlich“ oder „ungeklärt“ angeben. Als natürliche Todesart gilt ein Tod durch eine Krankheit, die der Arzt genau benennen muss. Nicht natürliche Todesarten sind Unfallfolgen, Mord, Selbstmord, Vergiftungen und Behandlungsfehler.

Wie das alles herauszufinden ist, wissen Bürokraten genau: Noch am Fundort soll der Arzt den Leichnam vollständig entkleiden und von allen Seiten untersuchen – einschließlich Kopfhaut und Körperöffnungen. Wie das auf dem Bahnhofsvorplatz oder bei Karstadt in der Lebensmittelabteilung funktionieren soll, das bleibt dann dem Arzt überlassen. „Ziehen Sie mal eine Leiche zwischen 15 türkischen Trauergästen aus. Das ist glatter Selbstmord“, sagt ein erfahrener Leichenbeschauer.

Und dennoch: Mediziner, die die Vorschriften für die Leichenschau nicht penibel beachten, riskieren eine Strafe. Dabei ginge es auch anders, zeigt das Beispiel Bremen. Als erstes Bundesland habe Bremen einen vorläufigen Totenschein eingeführt, erklärt Dr. Michael Birkholz, Direktor des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin am Klinikum Bremen-Mitte. Darauf kann der gerufene Arzt den Tod bescheinigen, die eigentliche Leichenschau aber zu einem späteren Zeitpunkt durchführen.

Auch in ruhigerer Umgebung ist es für Ärzte alles andere als angenehm, eine Leiche zu entkleiden. „Oft haben die Angehörigen zu Hause auch schon die Gemeindeschwester gerufen und der Tote ist bereits gewaschen und angezogen“, erzählt der Hausarzt Dr. Karsten Bieler (Name von der Redaktion geändert). „Das muss man alles wieder auseinanderreißen.“ Hier seien Erfahrung und Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Trauernden gefragt. Meist hätten die Angehörigen aber Verständnis, wenn man behutsam mit ihnen spreche.

So manches Mal versuchen die Anverwandten allerdings auch, den Mediziner zu beeinflussen. Denn: Vermerkt er auf dem Totenschein „Todesursache ungeklärt“, weil er sie in der Situation vielleicht wirklich nicht reinsten Gewissens und zweifelsfrei feststellen kann, muss die Polizei ermitteln. Auf dem platten Land kommt dann der Dorfklatsch schnell in Gang. Gibt der Mediziner allerdings dem Druck nach und trägt auf dem Totenschein ein, was er nicht hundertprozentig sicher festgestellt hat, verletzt er geltendes Recht. Besonders tief sitzt er natürlich in der Patsche, stellt sich hinterher heraus, dass die Angehörigen vielleicht sogar selbst ein wenig beim Sterben nachgeholfen haben.

Doch sogar die Gesetzeshüter selbst drängen häufig genug darauf, dass der Arzt einen natürlichen Tod attestiert: „Ich habe schon öfter erlebt, dass die Kripo sagt: ‚Herr Doktor, bescheinigen Sie mal natürlichen Tod‘“, berichtet Bieler. So sei er vor einigen Monaten zu einem ihm unbekannten Mann gerufen worden, der seit mehreren Stunden tot auf der Toilette gesessen habe. „Der 63-Jährige lebte allein, hatte keinen Hausarzt und eine Krankengeschichte war nicht bekannt“, erzählt der Allgemeinmediziner. Er wusste also rein gar nichts von ihm. Erkältet sei der Mann gewesen, hätten die Angehörigen berichtet.

Die Todesursache habe Bieler nicht feststellen können und deswegen „unbekannt“ angekreuzt: „Das kann ein Schlaganfall gewesen sein. Aber wissen Sie denn, ob der Mann Schlaftabletten genommen hat oder ob die ihm jemand in der Whiskyflasche eingeflößt hat?“, fragt er. Die Polizei hat diese Frage anscheinend weniger interessiert. Polizei und Standesamt hätten laufend angerufen und ihn gedrängt „natürlicher Tod“ anzugeben, berichtet Bieler. Denn bei ungeklärter Todesart müsse die Polizei einen Bericht an die Staatsanwaltschaft schreiben. Die entscheide, ob Ermittlungen aufgenommen würden. „Das machen diese Herren nur ungern. Das kann ich sogar verstehen.“

Einen Toten entkleiden, genau inspizieren, schockierte Angehörige trösten und gleichzeitig immer mit mindestens einem Fuß in der juristischen Schlinge. Dafür erhalten Mediziner rund 33 Euro plus Anfahrtspauschale. „Kein Kundenservice kommt für diesen Preis, um Ihnen nach genauer Untersuchung mitzuteilen, dass Ihr Geschirrspüler den Geist aufgegeben hat“, ätzt ein Hamburger Hausarzt.

Der Mediziner wird für dieses Geld schon einmal nachts von Angehörigen aus dem Bett geklingelt oder muss seine Sprechstunde unterbrechen. Und der Hausbesuch bei einem Toten geht auch ihm an die Nieren. Selbst bei alten Hasen fährt die Ungewissheit immer mit, was sie am Ort des Geschehens erwartet. Häufig kennt der Arzt den Verstorbenen und dessen Angehörige lange, sodass ihm der Tod und die Trauer der Hinterbliebenen besonders nahe gehen. Trifft der Arzt dann noch auf eine Familientragödie, kann es auch dem erfahrensten Mediziner zu viel werden (siehe Kasten unten). Verarbeiten muss der Arzt das Erlebte dann ganz allein.

Alleingelassen fühlen sich viele Ärzte auch mit der Frage, wo sie denn eigentlich das nötige Wissen zu einer Leichenschau überhaupt herbekommen sollen. „Im Studium hab ich das mal gehabt, danach nie wieder“, sagt ein Gynäkologe aus Niedersachsen. Er ist als Frauenarzt genauso verpflichtet wie beispielsweise Orthopäden, Urologen oder Augenärzte, eine Leichenschau durchzuführen – etwa im Notdienst. „Das wird in der Ausbildung nicht direkt trainiert“, pflichtet ihm Bieler bei. Er selbst habe während seiner Klinikzeit Glück gehabt und viel gelernt. Aber man brauche Erfahrung und ein Gefühl dafür, wann mehr hinter einem Todesfall stecken könnte.

Rechtsmediziner verlangen deswegen, speziell ausgebildete amtliche Leichenbeschauer einzuführen. Die Frage sei, was der Gesellschaft die Aufklärung von Tötungsdelikten wert sei, unterstreicht Birkholz: „Wenn das Messer noch in der Brust steckt, muss man nicht Gerichtsmediziner sein.“ Das seien nicht die Fälle, die übersehen würden. Das erkenne der Augenarzt auch. „Aber den Rest nicht.“ Doch bis sich die zuständigen Minister der Bundesländer auf diese oder eine andere Lösung einigen, wird wohl noch viel Zeit ins Land gehen. Die Ärzte müssen so lange alleine zusehen, wie sie zurechtkommen – und behalten im Zweifelsfall den Schwarzen Peter.

„Ich träume noch heute von den Bildern.“ Ein Hausarzt berichtet von einer Leichenschau

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Oft war der Tod lange abzusehen, wenn ein Hausarzt zu einer Leichenschau zu einem ehemaligen Patienten gerufen wird. Doch manchmal finden Ärzte dort regelrechte Tragödien vor. Dann gilt ihre Sorge zuallererst den Angehörigen – sie selbst müssen ganz allein mit der schrecklichen Situation fertig werden. Der Hausarzt Hauke Wolf (Name von der Redaktion geändert) schildert für „durchblick gesundheit“ eines seiner schlimmsten Erlebnisse.
­Der Tag wollte mal wieder kein Licht spenden. Ein typischer Dezembermontag mit Sprühregen und einem ungemütlichen Wind. Trotz des montäglichen Andrangs verlief der Tag zunächst erfreulich reibungslos. Doch als die letzte Patientin der Vormittagssprechstunde um 14:00 Uhr im Sprechzimmer saß, wurde die Praxistür durch heftiges Klopfen erschüttert: Ein seit den ersten Tagen meiner Niederlassung als Patient bekannter Mittfünfziger stand zitternd und weiß wie ein Laken vor der Tür.

„Ich habe eben meine Kinder tot aufgefunden!“, brachte er panisch hervor. Seine inzwischen erwachsenen Kinder sind mir von Geburt an als Hausarzt bekannt. Meine erste Reaktion war neben dem ersten Schrecken aber eher Ungläubigkeit. Saß doch eine seiner Töchter gerade im anderen Sprechzimmer. Nur mit Mühe brachte ich aus dem Mann heraus, dass es sich um den ältesten Sohn und seine Ehefrau handelte: „Sie liegen gemeinsam in der Badewanne und es ist alles voller Blut.“ Nachdem es mir gelungen war, den Vater etwas zu beruhigen, fragte ich ihn, ob ich seine Tochter einweihen dürfe? Die folgenden Abläufe kommen mir auch heute noch wie ein böser Film vor, der vor meinen Augen noch einmal abläuft:

Zunächst rief ich die örtliche Polizeidienststelle an. Dann kümmerte ich mich wieder um Tochter und Vater. Kurz darauf bat mich die Polizei, möglichst bald zu kommen. Das junge Paar hatte sich ein bezauberndes Haus gebaut. Trotz des lausigen Wetters waren die Räume hell und freundlich. Die Einrichtung hatte eine charmante Mischung aus modernen und antiken Accessoires. Komisch, welche Gedanken mir in dem Moment durch den Kopf gingen. Mein Gehirn versuchte offensichtlich, so gut es konnte, von dem grausigen Anblick, der mir bevorstand, abzulenken: Die Badewanne hatte Übergröße und war in eine künstlich angelegte Grotte integriert. Die Wanne war gefüllt – mit einem Blut-Wassergemisch. Darin lag der Mann. Auf seinen rechten Arm war der Kopf seiner Frau gebettet. Beide waren schon einige Stunden tot. Mehr war vorläufig nicht zu erkennen.

Nun musste die Kripo verständigt werden. Dann informierte ich meine Praxis. Die Nachmittagssprechstunde sollte abgesagt werden. Warum? Ich hätte ja nach der Bergung der beiden die Leichenschau durchführen können. Wieder wunderte ich mich über meine Gedankengänge. Ich wäre mir schäbig und als Verräter gegenüber den Eltern, Geschwistern und vor allem gegenüber den beiden Toten vorgekommen sein, wenn ich jetzt einfach so weitergearbeitet hätte.

Die Kripo kam eine gute Stunde später. Die Sache sah wie ein typischer gemeinsamer Selbstmord aus. Nach reichlich Fotos und einer ersten Sichtung des Tatortes, sollte zunächst das Wasser abgelassen werden. Die Hightech-Wanne hatte reichlich Dreh- und Druckknöpfe. Aber was wir auch versuchten, immer fing irgendwas an zu sprudeln oder zu laufen. Also mussten sie aus der roten Brühe gezogen werden. Zuerst der junge Mann: typische Schnittverletzungen am Unterarm. Das scharfe Messer lag noch auf der Wannenkante. Dann die junge Frau: keine Schnittverletzungen! Am seitlichen Schädel fand sich eine Schlagverletzung und am Hals typische Würgemale. Das Zungenbein war gebrochen – ein deutliches Zeichen für einen gewaltsamen Tod.

Ich konnte es kaum fassen. Dieser friedliche, hilfsbereite, sympathische junge Mann, den ich seit Kindheit an kannte, hatte seine Frau getötet und dann sich selbst. Mir kamen die Tränen. Gegen so etwas bin ich auch in all den Jahren, in denen ich als Hausarzt Leichenschauen durchführt habe, nicht abgestumpft. Von den Bildern träume ich noch heute.

Bis endlich die letzten Formalia erledigt waren, war es nahezu 18:00 Uhr. Ich habe dann noch zwei Stunden Sprechstunde gemacht. Alles war wie in Trance. Um 23:00 Uhr bin ich noch zu den Angehörigen gefahren. Einen wirklichen Trost konnte ich ihnen nicht geben. Den hatten sie aber auch gar nicht erwartet. Es sind vielmehr die Nähe und die Vertrautheit nach so vielen Jahren, die den Menschen während derartiger Extremsituationen hilft. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass es noch Hausärzte gibt. Aber sie sind eine aussterbende Spezies. ­

26.08.2008 16:45:37, Autor: Anja Schulte-Lutz / März 2008