Billigpillen-Politik schadet den Patienten

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Kritisiert die Gesundheits- Sparpolitik der Regierung scharf: Dr. Hans-Robert Böhme
Über vier Millionen Pillenpackungen wandern täglich über deutsche Apothekentresen. Das kostet die Kassen jährlich über 25 Milliarden Euro für Medikamente – Tendenz steigend. Mit immer neuen Spargesetzen wollen Gesundheitspolitiker die Kosten für Arzneimittel drücken und setzen den Rotstift vor allem bei den Ärzten an. Sie sollen nur noch möglichst billige Medikamente verordnen. Der Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie Dr. Hans-Robert Böhme erklärt: „Hier wird nicht mehr mit, sondern an Arzneimitteln gespart.“ Der Mediziner, der auch Vorlesungen zu diesem Thema hält, warnt: Die Sparwut schade mehr, als sie nutze, vor allem dem Patienten. Ohne die ständige Einmischung der Politik in die Behandlung würden die Patienten viel effektiver mit Medikamenten versorgt, erklärt der Experte im Gespräch mit „durchblick gesundheit“. durchblick: Ärzte verordnen häufig zu viele und zu teure Medikamente, behauptet die Politik und legt den Medizinern strikte Spargesetze auf. Wer seinen Patienten zu viel verordnet, muss Strafe zahlen. Sparen die Kassen so nicht viel Geld? Nein. Wenn ein Mediziner ein Medikament verschreibt, ist das doch nur ein Teil der gesamten Behandlung. Ein Beispiel: Es gibt Krankheiten, gegen die ein Arzt Medikamente einsetzen kann, die sehr viel Geld kosten – die aber so gut sind, dass der Patient schneller gesund wird oder nicht ins – teure – Krankenhaus muss. Es ist einfach unsinnig, immer nur allein auf die Medikamentenkosten zu schielen. Um beim Beispiel zu bleiben: Darf der Arzt dieses teure Medikament aufgrund der Spargesetze nicht verschreiben, wird der Patient langsamer gesund oder braucht vielleicht noch andere, zusätzliche Behandlungen. Unter dem Strich ist das dann sogar teurer. durchblick: Wie hat sich die wirtschaftliche Situation der Kliniken in den vergangenen Jahren geändert? Die Häuser müssen extrem hart um ihr Überleben kämpfen. Wir haben seit mehreren Jahren eine Gesundheitspolitik, die einen massiven Kostendruck auf die Kliniken und auch auf die niedergelassenen Ärzte ausübt. Gleichzeitig sind allgemeine Kostenentwicklung, medizinischer Fortschritt, und demografische Entwicklung ja nicht stehen geblieben. Da klafft die Schere immer weiter auseinander. durchblick: Von teuren Medikamenten gibt es oft auch billigere Varianten, die sogenannten Generika. Diese enthalten den gleichen Wirkstoff. Wenn die Ärzte diese Nachahmerpräparate verschreiben, kann das nicht sparen helfen? Das meinen das Bundesgesundheitsministerium und dessen Zuarbeiter, die sich fälschlicherweise Experten nennen. Es stimmt aber einfach nicht, dass die Nachahmerpräparate immer genauso gut sind. Denn nur, weil zwei Medikamente den gleichen Wirkstoff enthalten, sind sie nicht automatisch gleich gut. Ein Blick auf den Beipackzettel eines Medikamentes zeigt: In einer Tablette beispielsweise steckt ja in der Regel weit mehr als nur der eigentliche Wirkstoff. Es macht auch einen großen Unterschied, wie stark die Wirksubstanz zerkleinert wurde. Ist ein Pulver beispielsweise sehr fein zermahlen, wird der Wirkstoff vom Körper sehr schnell aufgenommen. Er wirkt schneller und eventuelle Nebenwirkungen treten auch schneller auf. Ist die Substanz gröber zerkleinert, gelangt der Wirkstoff nur langsam in den Körper. Eventuell gelangt dann die für die gewünschte Wirkung nötige Wirkstoffkonzentration gar nicht ins Blut. Zumindest reagiert der Körper anders. Da gibt es viele Varianten. Auf jeden Fall sagt der Wirkstoff in der gleichen Dosierung allein noch längst nicht, ob ein Medikament gleich gut wirkt. durchblick: Aber wieso drängen Politiker dann die Ärzte, billigere Pillen zu verschreiben? Das hat zwei Gründe: Politiker denken generell nur an kurzfristige politische Erfolge. Außerdem haben sie von den wissenschaftlichen Aspekten der Arzneimitteltherapie nun wirklich keine Ahnung. Mein Vorwurf allerdings ist, dass sie diesen Sachverstand offenbar auch gar nicht haben wollen. Fachgesellschaften und Experten werden zu wenig gehört oder ihre Ratschläge schlichtweg ignoriert. Die Richtlinien dieser Spar- und Begrenzungsgesetze für die Ärzte sind oft überholt oder schlichtweg wissenschaftlich fehlerhaft. Leider lassen sich auch immer wieder Wissenschaftler vor den Karren der Politik spannen, da sie es auf Macht und hoch bezahlte Posten abgesehen haben. Was einem da manchmal als Expertenmeinung von Institutionen und Ministerien verkauft wird, lässt viele Kollegen verzweifeln. Letztendlich leiden Ärzte und Patienten unter den falschen Entscheidungen. durchblick: In welchem Maße? Wenn sich der Staat nicht ständig einmischen würde, könnten die Kranken besser versorgt werden. Ärzte müssten nicht dauernd auf die Kosten schielen und Strafzahlungen fürchten. Man sieht doch, was passiert, wenn ein Arzt plötzlich gezwungen ist, aus Kostengründen einem Patienten ein anderes Medikament zu verschreiben. Das belastet das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Der Patient wiederum wundert sich, dass er plötzlich, sagen wir mal, eine blaue anstatt der bislang grünen Pille bekommt. Er wird misstrauisch und liest sich den Beipackzettel durch. Angesichts der Nebenwirkungen, die da nun mal drinstehen müssen, stellen sich dem Patienten die Nackenhaare hoch – und häufig nimmt er sie dann gar nicht erst ein. Gerade bei Senioren ist das ein echtes Problem. durchblick: Medikamente, die im Müll landen – das klingt nicht nach Geld sparen. In vielen Fällen ist das aber leider Realität. Die sparsamste Therapie ist immer die, die wissenschaftlich am besten begründet ist. Spargesetze verschlimmern nur die Lage. Die Politik sollte aber auch nicht vergessen, dass Ärzte keine Sparkommissare sind. Sie sollen Patienten gesund machen. durchblick: Wenn das alles so ist – wieso befolgen viele Ärzte trotzdem diese Spargesetze widerstandslos? Die Ärzte sind oft mit Bürokratie und wirtschaftlichen Problemen so belastet, dass sie nicht mehr die Zeit und Energie finden, sich für eine Arzneimitteltherapie auf neuen wissenschaftlichen Grundlagen einzusetzen. Viele haben da bereits resigniert oder werden täglich medial und von Krankenkassen beeinflusst. Die niedergelassenen Mediziner haben auch oft leider nicht das nötige Fachwissen. Sie haben zuletzt an der Uni etwas über Pharmakologie gehört – dabei gelten die wissenschaftlichen Erkenntnisse gerade in diesem Fachgebiet sehr schnell als veraltet. durchblick: Stichwort wissenschaftlicher Fortschritt: Die Politik behauptet auch sehr häufig, viele neue und teure Medikamente wären eigentlich gar keine Verbesserung, und spricht von „Scheininnovationen“. Angeblich böten diese nur winzige Molekülvarianten zu den bereits erhältlichen und günstigeren Medikamenten. Was ist da dran? Und genau damit greift die Regierung schon wieder in das System ein, ohne den Rat seriöser Wissenschaftler zu befolgen. Es kann einfach nicht sein, dass Politiker verfügen: „Bei diesem Medikament ist die chemische Struktur des Wirkstoffes nur minimal verändert worden. Deshalb verbessert es die Behandlung von Patienten nicht.“ Wir haben vielleicht die gleiche Grundstruktur des Wirkstoffs. Aber selbst winzige Veränderungen können große Wirkungen haben. Beispielsweise löst sich ein Medikament dann schwerer in Wasser auf oder reichert sich im Gehirn viel stärker an als im Blut. Schon reagiert der Körper ganz anders auf das Medikament. durchblick: Ständig steigen die Arzneimittelausgaben der Kassen. Lässt sich also eigentlich nichts dagegen tun? Doch schon. Aber wir müssen uns auch darüber klar sein, dass eine gute Arzneimittelbehandlung ihren Preis hat. Die Forschung an neuen Arzneien kostet nun mal Geld. Geld, das die Firmen wieder hereinholen müssen. Zweitens werden wir ja auch immer älter. Eigentlich erfreulich – eine höhere Lebenserwartung bedeutet aber auch mehr Medikamente, gerade für Senioren. Und drittens ist die Politik selbst ja auch nicht unschuldig daran, dass den Kassen die Kosten für Arzneimittel davonlaufen. durchblick: Warum? Auf Medikamente gilt in Deutschland der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Geld, das der Fiskus gleich wieder einstreicht. Das gibt es so sonst nirgends in Europa, meist gilt hier der halbe Mehrwertsteuersatz. So ist Vater Staat selbst Kostentreiber, das verschweigt er aber gerne. Bedauerlich ist auch, dass die Politik in ihrer Regulierungswut einen gesunden Wettbewerb unter den Arzneimittelherstellern verhindert und den Ärzten dabei im Wege steht, eine sinnvolle Therapie zu verordnen. durchblick: Wie könnte sich die Lage verbessern? Die Politik muss die Fachgesellschaften in die Entscheidungen über Medikamente einbinden und nicht einfach auf die Ärzte einprügeln. Darüber hinaus müsste den Medizinern endlich eine effektive Fortbildung in diesem Bereich ermöglicht werden. Sie benötigen Unterstützung – nicht Bestrafungen. Da schiebe ich nicht nur der Politik den Schwarzen Peter zu: Die Ärzte zahlen viel Geld an die Ärztekammern, die oft teure und unsinnige Fortbildungen anbieten. Sie sollten lieber die Pharmakotherapie mehr in den Mittelpunkt stellen. Nicht zuletzt gilt es auch, den Informationsaustausch zwischen Klinik und Praxis zu verbessern. Die Arzneimittelversorgung in Deutschland würde so effektiver und auch kostengünstiger.

03.08.2007 15:51:39, Autor: Jan Scholz