Die elektronische Gesundheitskarte: Chaos à la Toll Collect?


© Gematik
Kommt das Gespräch auf das Projekt „E-Card“, gerät Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ins Schwärmen: Das Wunderkärtchen soll den Papierkrieg in Praxen und Kliniken deutlich reduzieren, die Behand-lung von Patienten ver-bessern und helfen, kräftig Geld im Gesundheitswesen zu sparen. Funktionieren soll das – theoretisch – so: Der Arzt schiebt die Gesundheitskarte in ein spezielles Lesegerät. Der Patient muss gleichzeitig, wie etwa bei der EC-Karte, einen geheimen PIN-Code eingeben, dann ist der Blick des Arztes auf die elektronische Krankenakte auf dem Computerschirm frei. Er kann nun seinerseits Diagnosen, Laborergebnisse oder Behandlungen ergänzen. Verordnet er ein Medikament, speichert er die erforderlichen Daten direkt auf die Chipkarte, die wiederum der Apotheker ausliest und das Medikament aushändigt. In Notfällen sollen so auch Rettungskräfte rasch an wichtige Informationen wie Blutgruppe, Allergien oder Medikamente kommen.

Doch was, wenn so hochvertrauliche Informationen in falsche Hände gerieten? „Wenn es zu unbefugtem Zugriff auf Patientendaten kommt, wird nicht nur die Intimsphäre des Patienten verletzt – auch der Arzt wird Schwierigkeiten haben nachzuweisen, dass er seine Schweigepflicht nicht verletzt hat“, warnt der Diplom-Informatiker Thomas Maus. Hacker könnten in den zentralen Rechner eindringen, auf dem Patientendaten gespeichert würden. Der Datenklau kann aber auch bereits viel früher passieren: während der Übertragung aus Klinik, Apotheke oder Praxis auf den Rechner oder umgekehrt. Genau das ist Mitgliedern des Chaos Computer Clubs (ein Zusammenschluss von Computer-Hackern) bereits gelungen: Sie knackten Patientendaten aus einem Testprojekt.

Und auch Ärzte und Patienten beschleicht ein mulmiges Gefühl: „Wir haben große Sorge, dass ein geplanter zentraler Großserver die Tür aufmachen kann für einen möglichen Missbrauch von Krankendaten durch Kassen und andere staatliche Organe. Damit würde der Patient sein Recht auf eine Intim-sphäre verlieren“, warnt beispielsweise Dr. Klaus Wagner vom Landesverband Hamburg der Ärzteorganisation Hartmannbund – und er steht nicht allein da: Von über 4.600 Medizinern und Patienten, die kürzlich an einer Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein teilnahmen, lehnten über 92 Prozent die neue Gesundheitskarte ab. Neben der Kritik an der Datensicherheit zweifeln Mediziner aber auch an der Alltagstauglichkeit der elektronischen Gesundheitskarte. So dauerte beispielsweise das Ausstellen eines simplen Rezeptes mithilfe der E-Card in Testläufen teilweise mehrere Minuten. Hochgerechnet auf alle Rezepte, die ein Hausarzt täglich ausstellt, kommen da Stunden an Wartezeit für den Mediziner zusammen – unmöglich im laufenden Praxisbetrieb. Und auch der Umstand, dass der Patient zur Freischaltung seiner Daten seine PIN-Nummer eingeben soll, lässt Praktikern kalte Schauer über den Rücken laufen: „Wir haben schon Probleme damit, dass die Patienten ihre Karte überhaupt dabei haben, weil sie sie manchmal vergessen – wie soll Oma Meier dann auch noch immer ihre PIN-Nummer parat haben? Das gibt ein Chaos“, befürchtet beispielsweise der Zahnarzt Dr. Martin Widera aus Bremen.

Viele Ärzte drohen wegen der schlechten Planung des Projektes bereits mit einem Boykott. Wollen sie ein Medikament verordnen, könnten sie beispielsweise weiterhin auf das gute alte Papierrezept setzen. Diese Möglichkeit muss und wird es immer weiter geben, falls einmal der Rechner ausfällt oder Daten verloren gehen. „Alles in allem ist das mal wieder so richtig ein Projekt vom grünen Tisch“, klagt ein Arzt, „Leidtragende sind letztlich wieder mal vor allem wir Ärzte. Denn für uns stellen sich da auch rechtliche Fragen“, berichtet er. „Im Gesetz steht, dass der Patient letztlich Herr seiner Daten sein soll, also auch entscheiden kann, bestimmte Informationen in der elektronischen Krankenakte zu löschen. Was aber passiert beispielsweise, wenn ich mich als Arzt darauf verlasse, dass die Krankenakte vollständig ist – und meinem Patienten im Vertrauen darauf beispielsweise entsprechende Medikamente verordne, die sich dann aber nicht mit denen vertragen, die der Patient zwar nimmt, aber vielleicht aus der Akte gelöscht hat, beispielsweise Viagra? Wer haftet denn dann bei schlimmen Nebenwirkungen? Doch wieder wir Ärzte!“, warnt er.

Bliebe noch der Vorteil, dass auf der neuen Karte Notfalldaten wie Blutgruppe, Unverträglichkeiten von Medikamenten oder Vorerkrankungen gespeichert werden. Doch selbst das halten viele Ärzte für überflüssig: Welcher Sanitäter oder Notarzt durchsucht, wenn jede Sekunde zählt, die Hand- oder Brieftasche eines bewusstlosen Verkehrsopfers nach einer Chipkarte? Und wie dann an die PIN-Nummer gelangen?

Trotz aller Probleme und Hindernisse will die Regierung am Projekt der elektronischen Karte festhalten – und sorgt für Goldgräberstimmung in der IT-Industrie: Die Unternehmen wollen ein großes Stück vom Milliarden-Kuchen abbekommen, hoffen auf das große Geschäft mit der Karte oder technischem Zubehör und drängen sich in die Testprojekte.

Doch die kommen nicht wirklich voran, Erinnerungen an das Toll-Collect-Desaster werden wach. Zu viele Beteiligte, Kompetenzstreitigkeiten – die Verantwortlichen haben die technische Komplexität des neuen Systems gründlich unterschätzt. Immerhin müssen sich hier rund 300 Krankenkassen, 125.000 niedergelassene Ärzte, 22.000 Apotheken und 2.000 Kliniken in 16 Bundesländern auf eine einheitliche Vorgehensweise einigen.

Schon seit Januar 2004 steht im Gesetz, dass die neue Krankenversichertenkarte „bis spätestens zum 1. Januar 2006“ einsatzbereit sein soll. Doch keiner der rund 80 Millionen Bundesbürger hält derzeit eine funktionsfähige Karte in den Händen. Noch nicht einmal die vorgesehenen Testphasen haben ihren ursprünglichen Zeitrahmen eingehalten. Auf die Fragen von Patienten nach dem Starttermin für das neue System können Ärzte also derzeit nur mit den Achseln zucken.

Eines ist den Medizinern jedoch klar: Auf der Finanzierung der E-Card bleiben sie zum großen Teil sitzen. Rund 25 Prozent der Investitionskosten und 60 Prozent der Betriebskosten müssen Schätzungen zufolge die Ärzte übernehmen. Es ist zwar eine Regelung vorgesehen, nach der die Ärzte pro eingelesener Chipkarte nach und nach etwas Geld zurückbekommen. Die hohen Anfangskosten für die nötige Technik aber bleiben – und treffen viele Praxen hart. Mit wie viel die verlorene Zeit zu Buche schlägt, die die Mediziner für langsame Datenübertragung vergeuden, vermag hingegen kaum jemand überhaupt zu kalkulieren.

Insgesamt kostet die Einführung der neuen Karte nach Angaben des Gesundheitsministeriums rund 1,4 Milliarden Euro. Branchenkenner schätzen den Finanzbedarf hingegen eher auf vier bis fünf Milliarden Euro. Geld, das sich der Staat früher oder später aus der Tasche der Patienten und der Ärzte holt. „Was für ein Wahnsinn“, meint deshalb auch der Hausarzt Steffen Kroll aus Bielefeld. Ulf Zierau aus Berlin sagt: „So viel Geld, der Nutzen bleibt fraglich – und wir müssen beispielsweise bei wirklich wichtigen Dingen wie Medikamenten für unsere Patienten immer mehr knausern ...“

Neue Gesundheitskarte in Österreich: Ärzte berichten von Pleiten und Pannen

In Österreich haben die Patienten im vergangenen Jahr bereits eine neue Gesundheitskarte erhalten – und damit bislang keine guten Erfahrungen gemacht. In einem eigens dafür eingerichteten Internettagebuch des Österreichischen Hausärzteverbandes berichten Mediziner regelmäßig über ihre Erfahrungen im Umgang mit der Karte.

Die Berichte dort lesen sich wie eine Aneinanderreihung von Pannen-Beschreibungen: „Heute wieder Totalausfall bis 11 Uhr. Der Supergau ist Routine geworden, das System ist ein Schmarrn, die Ausfälle gehören dazu“, beschwert sich dort ein Hausarzt. Ein anderer berichtet von permanenten Problemen mit den Lesegeräten: „Heute um 8.30 Uhr kann unser System plötzlich eine Patientenkarte nicht lesen. Das kommt öfter vor. Karte putzen, zweiter Versuch – wieder nichts …“

Auch die Maßnahmen, die bei einem Systemausfall helfen sollen, geraten heftig in die Kritik. Ein Mediziner berichtet: „Der gestrige Systemausfall war österreichweit. In den Medien behaupten Sprecher des Hauptverbandes, es wäre nicht schlimm gewesen, da der Offlinebetrieb reibungslos funktionierte. Dem war aber nicht so.“ Viele Ärzte beschweren sich dort auch über die Mehrarbeit für die Mediziner und das Praxispersonal. „Die Realität macht alle Lobpreiser dieser Innovation lächerlich“, bringt es ein Hausarzt auf den Punkt.

29.08.2006 16:22:40, Autor: Jan Scholz