Reiseimpfungen für Kinder und Jugendliche

„Viele kümmern sich zu spät und gefährden einen sicheren Impfschutz“

Nach der kalten Jahreszeit und Festtagsstimmung in den eigenen vier Wänden wächst bei vielen die Reisesehnsucht und die Lust auf exotische Sonne. Wer in den Frühjahrs- oder Osterferien eine Fernreise plant, sollte jedoch schon jetzt an den entsprechenden Impfschutz denken – nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen Nachwuchs. Das gilt vor allem für mitreisende (Klein)kinder, bei denen einige Reiseimpfungen unbedingt auf das empfohlene STIKO-Standardprogramm abgestimmt sein sollten. Der änd befragte dazu Frau Dr. Elke Maritz, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin sowie Tropenmedizin aus Freiburg und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Tropenpädiatrie & Internationale Kindergesundheit (GTP).

Mindestens zwei bis drei Monate vor Reisebeginn sollten Urlauber mit der Reiseberatung und den notwendigen Impfungen beginnen, rät Maritz.
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Frau Dr. Maritz, ab wann und wo sollte man sich vor einer Fernreise um entsprechende Impfungen kümmern?

Wichtig, insbesondere vor Fernreisen, ist eine gute Reisevorbereitung. Dazu gehören vor allem die frühzeitige Durchführung der je nach Reiseland empfohlenen Reiseimpfungen sowie die Überprüfung der Vollständigkeit von Standardimpfungen (aktueller Impfstatus nach STIKO-Empfehlungen). Eventuelle Impflücken lassen sich dabei durch Nachhol- und/oder Auffrischimpfungen schließen.

Mindestens zwei bis drei Monate vor Reisebeginn sollten Urlauber mit der Reiseberatung und den notwendigen Impfungen beginnen. Denn viele Reiseimpfungen erfordern mehrere Impftermine und somit einen langen Vorlauf. Eventuelle Impfengpässe, unvorhergesehene Infekte, die die Impfung/den Impfzeitplan und die einzuhaltenden Intervalle zwischen den Impfungen verzögern können, gehören in die zeitliche Planung. Die Impfungen sollten optimalerweise zwei Wochen vor Reiseantritt abgeschlossen sein, so dass die Wirkung des Impfstoffs gewährleistet ist und eventuelle Impfreaktionen noch vor der Reise auskuriert werden können. Auch der manchmal erst verzögert eintretende Impfschutz ist ein Thema, beispielsweise bei der Gelbfieberimpfung. Hier tritt der Impfschutz erst nach zehn Tagen ein und erst dann erlangt das Impfzertifikat bei Einreise in Endemieländer seine Gültigkeit und Akzeptanz dort. An dieser Stelle ein ganz wichtiger Hinweis: Nur dokumentierte Impfungen zählen! Eltern sollten mit ihren Kindern vor Fernreisen einen (Kinder-)Arzt mit entsprechender Erfahrung und Zusatzqualifikation in Reise-und Tropenmedizin oder tropenmedizinische Einrichtungen aufsuchen.

Was beeinflusst den zu wählenden Reise-Impfschutz?

Bei der Erstellung des Reiseimpfplans spielen das Reiseziel, die Reiseroute inklusive Transitaufenthalte und der jeweilige Reisestil (Rucksack- versus Pauschalreisetourismus) eine wichtige und zu berücksichtigende Rolle. Hierbei sollten insbesondere die aktuellen Hinweise des Auswärtigen Amtes und die länderspezifischen Impfvorschriften mit einfließen. So kontrolliert beispielsweise Pakistan als Land mit aktuellen Polioausbrüchen bei der Einreise die letzte Poliomyelitisimpfung, die nicht länger als ein Jahr zurückliegen sollte. Und für die Einreise nach Saudi-Arabien gibt es beispielsweise seit 2002 für die Haddsch-und Umrah-Pilgerzeit eine Impfvorschrift für die tetravalente Meningokokken-Impfung (ACWY). Transits beziehungsweise Zwischenstopps während der Reise können ebenfalls zusätzliche Impfungen erfordern.

Abgesehen von den STIKO/WHO-Impfempfehlungen und der Impfpflicht des jeweiligen Reiselandes sind manche Impfungen vom Reisestil abhängig, wie beispielsweise Reisen unter einfachen Bedingungen in ländliche Gebiete mit herabgesetzten Hygieneverhältnissen, Kontakt zur lokalen Bevölkerung und potentiell krankheitsübertragenden Tieren (z.B. Tollwut durch Tierbisse).

Inwieweit haben die Reisenden freie Wahl hinsichtlich ihrer Impfungen?

Hier gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen vorgeschriebenen, generell empfohlenen und bei Risiko empfohlenen Impfungen. Generell empfohlen werden die Standardimpfungen gemäß STIKO. Vorgeschriebene Impfungen durch WHO bzw. des jeweiligen Reiselandes bei Einreise sind zum Beispiel Impfungen gegen Gelbfieber oder Poliomyelitis, die sich auf bestimmte Endemieländer oder aktuelle Ausbrüche beziehen – wie bereits erwähnt.

Bei Risiko empfohlene Impfungen umfassen sogenannte Indikationsimpfungen wie beispielsweise gegen Hepatitis A, Typhus, Tollwut etc.

Generell sollte bei der individuellen Reiseberatung immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung bezüglich der bei Risiko empfohlenen Impfungen erfolgen. Wichtig dabei: die Art der Reise (ländliche Gebiete/Städtereise/Rucksack/Pauschalreise?) und das Reiseland und somit das daraus resultierende Expositionsrisiko. Weiterhin stellt sich bei Impfungen die Frage nach möglichen Allergien (z.B. Hühnereiweißallergie) und dadurch bedingten Impf-Kontraindikation; unter anderem bei der Gelbfieberimpfung. Auch chronische Krankheiten, wie beispielsweise eine Immundefizienz wie im Falle einer HIV-Infektion, können eine Kontraindikation für eine Impfung darstellen – unter anderem gegen Gelbfieber.

Was gibt es hinsichtlich der Impfabstände zu beachten – speziell bei Kindern?

Da bei Kindern, vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern, die Standardimpfungen gemäß STIKO oft noch nicht komplett sind, kann es bei simultaner Verabreichung von Standardimpfungen und Reiseimpfungen zu Wechselwirkungen/Nebenwirkungen kommen. Daher sollte zum Beispiel die Masern-Mumps-Röteln-Varizellen-Impfung nicht zeitgleich mit der Gelbfieberimpfung erfolgen, da dies die Immunantwort bezüglich Gelbfieber besonders bei Kindern unter 24 Monaten abschwächen kann. Nach einer Bluttransfusion oder der Gabe von Immunglobulinen (IgG) empfiehlt sich ein Abstand von drei Monaten zu Lebendimpfungen. Nach einer Gelbfieberimpfung sollte eine Woche, bei anderen Lebendimpfungen zwei Wochen Abstand zur Bluttransfusion/IgG-Gabe bestehen.

Andere Lebendimpfungen können untereinander zeitgleich verabreicht werden, wie beispielsweise die orale Typhusimpfung und Gelbfieberimpfung, oder im Abstand von 4 Wochen erfolgen. Bei Totimpfstoffen bestehen keine Zeitabstände untereinander. Generell müssen die empfohlenen Mindestabstände zwischen Impfungen natürlich eingehalten werden, Maximalabstände gibt es hingegen nicht. Wichtig: Jede Impfung zählt. Es sollte jedoch keine weitere Impfung verabreicht werden, solange noch Impfreaktionen aus der vorherigen Impfung bestehen.

Ab welchem Alter können Kinder denn welche Reiseimpfungen erhalten und was sind die wichtigsten Reiseimpfungen?

Das zugelassene Alter bei Reiseimpfungen im Kindesalter unterscheidet sich je nach Impfstoff. Hier einmal die Wichtigsten: Für die Impfung gegen Tollwut besteht keine Altersbegrenzung, sie kann also bereits ab Geburt bei entsprechendem Expositionsrisiko erfolgen. Die Meningokokkenimpfung (ACWY) ist ab sechs Wochen zugelassen, die Impfung gegen Japanische Enzephalitis und Meningokokken B ab zwei Monaten, gegen Influenza und Gelbfieber ab sechs Monaten. Wobei letztere wegen des erhöhten Risikos einer impfassoziierten Enzephalitis bevorzugt erst ab neun Monaten verabreicht werden sollte.

Jüngere Kinder sollten bei unvermeidbaren Reisen in Gelbfieber-Endemiegebiete frühestens ab dem sechsten Lebensmonat und nur nach kritischer, individueller, reisemedizinischer Beratung diese Impfung erhalten. Die Impfungen gegen Hepatitis A und FSME können ab einem Jahr geimpft werden, die orale Cholera-Impfung sowie die intramuskulär verabreichte Typhus-Impfung ab zwei Jahren und die orale Typhus-Impfung ab fünf Jahren.

Aus Ihrer Praxiserfahrung: Wie stehen typische Impfgegner zu empfohlenen, aber nicht vorgeschriebenen Reiseimpfungen?

Impfgegner sind meiner Erfahrung nach kritisch gegenüber jeglicher Impfung eingestellt – egal, ob Reise- oder Standardimpfung. Oft nehmen diese Eltern die schicksalshafte Erkrankung des ungeschützten Kindes eher in Kauf als das extrem geringe Risiko eines möglichen Impfschadens.

Ein Argument pro Impfung könnte sein, dass es für lebensbedrohliche, tropenmedizinische Erkrankungen wie beispielsweise die Japanische Enzephalitis oder Gelbfieber keine Therapie gibt, jedoch Impfungen einen zuverlässigen Erkrankungsschutz bieten.

Wer ist bei Reisen mit Kindern der beste Ansprechpartner: Kinder- und Jugendmediziner/innen oder Reisemediziner/innen bzw. tropenmedizinische Einrichtungen? Und wo können sich Reisende vorab gut informieren?

Kinder- und Jugendmediziner/innen sind meistens die ersten Ansprechpartner für Eltern, die mit ihren Kindern eine Reise planen. Sie sollten auf die Gefahren und Risiken der Fernreisen mit vor allem kleinen Kindern unter fünf Jahren hinweisen und die Eltern einem erfahrenen Reisemediziner bzw. einer tropenmedizinischen Einrichtung oder dem Gesundheitsamt mit tropen-/reisemedizinischer Sprechstunde zur weiteren Reiseberatung- und Vorbereitung zuweisen.

Zum Schluss noch ein paar nützliche Website-Informationen zu dem Thema:

•    WHO: http://www.who.int/ith/eu/

•    CDC: https://www.cdc.gov/travel/yellowbook/2018

•    DTG: https://www.dtg.org/empfehlungen/impfungen.html

•    CRM: https://www.crm.de/laender/

•    RKI/STIKO: www.rki.de

•    Auswärtiges Amt: https://www.auswaertiges-amt.de/reise


05.12.2018 09:12:26, Autor: Jutta Heinze