Augenprobleme bei Kindern durch digitale Medien

Wie viel Smartphone schadet Kinderaugen?

Mausarm, Tabletschulter, Handydaumen... Es gibt bereits einige Krankheitsbilder, die in direkter Verbindung zur Nutzung digitaler Medien stehen. Reihen sich demnächst die „Smartphone- und Tablet-Augen“ in diese Aufzählung ein? Denn Augenprobleme bei Kindern und Jugendlichen, ausgelöst durch übermäßigen Gebrauch von PCs, vor allem aber Smartphones und Tablets, geraten zunehmend in den Fokus – so auch auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ophthalmologie (DGO). Der änd sprach dazu mit der Augenärztin Prof. Bettina Wabbels, Leiterin der Abteilung für Orthoptik, Neuro- und pädiatrische Ophthalmologie an der Universitäts-Augenklinik Bonn.

„Viele kleine Kinder nutzen Smartphones und Tablets zu intensiv“, warnt die Augenärztin Prof. Wabbels.
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Frau Prof. Wabbels, warum gerät die Nutzung digitaler Medien – speziell von Smartphones und Tablets – zunehmend ins Blickfeld von Augenärzt(inn)en?

Viele Eltern machen sich in unserem medial geprägten Zeitalter Sorgen über die intensive elektronische Mediennutzung ihrer Kinder und entsprechend Gedanken darüber, wie sie den Konsum begrenzen können. Dabei zählen aber nicht nur die pädagogische und psychosoziale Bewertung, sondern auch die augenärztliche Betrachtungsweise. Denn die intensive und lange Naharbeit hat natürlich auch ophthalmologische Auswirkungen.

Das Problem für die Augen ist dabei die intensive und lange Naharbeit, wie sie durch die Nutzung von Tablets und Smartphones entsteht. Viele Kinder und Jugendliche nutzen diese Geräte tagtäglich stundenlang – mit einem in der Regel sehr geringen Abstand zwischen Augen und Tablet oder Smartphone, den allein die recht kleine Bildschirmgröße bedingt.

Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche sich durch die häufige Beschäftigung mit diesen Medien weit seltener draußen – also im Tageslicht – aufhalten.

Gibt es dafür konkrete Hinweise?

Dass intensive Naharbeit und ein Mangel an Tageslicht Kurzsichtigkeit fördert, wissen wir unter anderem durch Beispiele aus der jüdischen und asiatischen Bevölkerung. Dort lesen Kinder früher und mehr als bei uns und halten sich seltener draußen auf. Je mehr Tageslicht die jungen Augen erreicht, desto weniger wächst der Augapfel und umso geringer ist das Risiko einer umweltbedingten Kurzsichtigkeit.

Dementsprechend hat sich die Zahl junger Asiaten mit Kurzsichtigkeit in den vergangenen Jahren enorm erhöht; mittlerweile leiden beispielsweise 95 Prozent der 20-jährigen Koreaner an einer Myopie – in Deutschland liegt der Anteil in dieser Altersgruppe inzwischen bereits bei fast 50 Prozent.

Ich gehe fest davon aus, dass auch bei uns die Zahlen weiter ansteigen werden, wenn sich die ophthalmologischen Folgen der intensiven Smartphone- und Tabletnutzung manifestieren.

Kommen für diese länderabhängigen Zahlenunterschiede möglicherweise auch genetische Gründe in Frage?

Zum Teil schon, aber nicht ausschließlich. Zweifellos spielt bei Kurzsichtigkeit die genetische Belastung eine große Rolle – rund die Hälfte ist anlagebedingt. Den hohen Stellenwert umweltbedingter Faktoren, zu denen sowohl eine geringe Tageslichtexposition als auch die vermehrte Naharbeit an Tablets und Smartphones gehören, beweist beispielsweise ein Vergleich zwischen Malaysia und Singapur. Der Genpool der Bevölkerung ähnelt sich stark. Dennoch leidet die malaysische junge Bevölkerung weit weniger häufig an Kurzsichtigkeit als die gleiche Altersgruppe in Singapur – weil junge Menschen in Singapur deutlich häufiger Naharbeit verrichten und seltener ans Tageslicht kommen als ihre Nachbarn etwas weiter nördlich.

Ein anderes Beispiel stammt aus China anhand einer hierzulande durchaus hinterfragenswerten Vergleichsuntersuchung: Schulkinder, die ihre Pausen draußen an der frischen Luft verbrachten, litten (später) halb so oft an Kurzsichtigkeit wie diejenigen Schüler, denen Indoor-Pausen auferlegt wurden.

Frau Prof. Wabbels, welche Augenprobleme beobachten Sie vermehrt bei Kindern und Jugendlichen, die sich auf die häufige Nutzung von Smartphones, Tablets und PCs zurückführen lassen?

An erster Stelle steht die Gefahr der Zunahme von Kurzsichtigkeit, für die die Weichen bereits in jungen Jahren gestellt werden und die häufig im Grundschulalter beginnt. Neben der für viele Betroffene lästigen Abhängigkeit von einer Sehhilfe stellen sich damit noch weit ernstere Probleme, die als Folge einer (starken) Myopie später auftreten können: Makulaerkrankungen, ein erhöhter Augeninnendruck mit der Gefahr eines Glaukoms („grüner Star“) oder sogar Netzhautablösungen.

Aber wir beobachten – teilweise auch durch Studien untermauert – durchaus weitere Augenprobleme in Verbindung mit einem frühen und intensiven Gebrauch von Handys, Tablets und auch PCs. Wobei bei letzteren der Abstand zwischen Augen und Bildschirm üblicherweise deutlich größer ist als bei Handys und Tablets, die Naharbeit also nicht so intensiv und damit ganz so bedenklich ist.

Zu den konkreten weiteren kindlichen und jugendlichen Augenproblemen durch den starken Konsum dieser Medien: Gereizte, trockene und müde Augen kommen immer wieder vor, und auch der Blickwechsel zwischen Nähe und Ferne fällt häufig schwer. Möglicherweise steht auch ein verringertes räumliches Vorstellungsvermögen mit einer frühen Handy- und/oder Tabletnutzung in Verbindung. Jenseits des ophthalmologischen Tellerrands sind auch Schlafstörungen ein Thema, ausgelöst durch den hohen Blaulichtanteil der Bildschirme, der die Ausschüttung des schlaffördernden Hormons Melatonin bremst.

Wie stellt sich denn die DOG dazu – gibt es altersabhängige konkrete Empfehlungen zur täglichen Nutzungsdauer digitaler Medien aus augenärztlicher Sicht?

Die DOG unterstützt die Empfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zur täglichen Nutzungsdauer auch aus ophthalmologischer Sicht. Die Empfehlung bezieht sich übrigens auf alle Bildschirmmedien (kombinierte Bildschirmmedienzeit), schließt also auch Fernseher, Spielekonsolen etc. mit ein!

• ≤ 3 Jahre: idealerweise keine Nutzung (v.a. aus augenärztlicher Sicht keine Smartphones und Tablets)

• 4-6-Jahre: max. ½ Std. täglich

• Grundschulalter: max. 1 Std. täglich

• > 10 Jahre bis zu 2 Std. täglich (zusätzlich zum Gebrauch für die Schule)

Übrigens liegen rund 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen bei der Mediennutzung über diesen Empfehlungswerten! Wobei wir Augenärzte Fernsehen und PC-Nutzung nicht ganz so kritisch sehen wegen des größeren Sehabstands.

Im Alltag lässt sich das ja oft schwer kontrollieren, die Kids haben ihre Handys ja in der Schule dabei und sind nachmittags oft allein zuhause, bis die Eltern von der Arbeit heimkommen.

Schwierige Situation! An erster Stelle steht da zweifellos die Vorbildfunktion der Eltern. Wenn Kinder von klein auf damit großwerden, dass Mama und Papa ständig und möglicherweise sogar während gemeinsamer Aktivitäten mit ihren Handys und Tablets beschäftigt sind, erscheint das für sie „normal“. Klare Familienabsprachen wie beispielsweise ein Handyverbot bei gemeinsamen Mahlzeiten und Gesprächen können den vernünftigen Umgang erlebbar machen.

Ansonsten helfen klare Absprachen und schlimmstenfalls eine eingeschränkte Nutzungsdauer mittels technischer Einstellungen.

Leider gehen viel zu viele Eltern bei der Mediennutzung mit keinem guten Beispiel voran oder aber verwenden elektronische Medien quasi als Babysitter, um ihre Kinder bei Laune zu halten.

Ganz wichtig ist speziell aus augenärztlicher Sicht: Ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen möglichst keine elektronischen Medien mehr nutzen, um Schlafstörungen durch den Blaulichtanteil der Screens zu vermeiden – das gilt übrigens auch für Erwachsene und schließt auch E-Reader mit ein. Mittlerweile filtern einige Gerätehersteller den Blaulichtanteil heraus – sicher eine gute Idee, aber der Erfolg dieser Maßnahme bleibt abzuwarten.

Digitale Medien werden ja zunehmend in den Schulalltag integriert und sind in höheren Klassen vielerorts inzwischen Voraussetzung für das Anfertigen von Hausaufgaben oder Präsentationen. Zwei Stunden reichen allein dafür manchmal nicht aus. Wie können sich die Kinder dann vor Augenproblemen schützen?

Tageslicht ist die beste Myopieprophylaxe. Kinder und Jugendliche sollten daher idealerweise täglich zwei Stunden im Freien verbringen, um eine hohe Lichtmenge zu „tanken“. Denn je mehr Tageslicht die Augen erreicht, umso weniger wächst der Augapfel. Dafür muss nicht einmal die Sonne scheinen. Eine Stunde draußen bei bedecktem Himmel liefert mehr Licht als eine voll beleuchtete Wohnung innerhalb von 24 Stunden!

Bei der Nutzung zählt dann der Bildschirmabstand: mindestens 30 Zentimeter bei Smartphones und Tablets und 70 Zentimeter zum PC-Monitor sollten es idealerweise mindestens sein.

Bei längeren Bildschirmphasen sollte man zwischendurch immer mal wieder in die Ferne schauen und regelmäßig kleine Pausen einlegen – bei trockenen, gereizten und müden Augen bringen entsprechende Präparate aus der Apotheke Linderung.

18.11.2018 07:29:29, Autor: Interview: Jutta Heinze für den änd