Wegen schlechter Luft

Bis zu 33 Millionen schwere Asthma-Anfälle weltweit

Eine US-Studie bestätigt die Schädlichkeit von Ozon und Feinstaub für die Atemwege. Bis zu 30 Prozent aller Kliniknotaufnahmen wegen Asthma-Attacken seien auf Ozon und Feinstaub zurückzuführen.

Pulmonale Schäden sind nur eine mögliche Folge der Luftbelastung mit Ozon, Feinstaub und NO2. Die Luftverschmutzung, und hier in erster Linie Feinstaub, sei für jährlich mehr als vier Millionen Todesfälle verantwortlich.
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Die Autoren der Studie versuchten durch eine Kombination von epidemiologischen Daten zur Asthma-Prävalenz und -Inzidenz sowie Satelitten-Daten zur Luftbelastung mit Ozon und Feinstaub einzuschätzen, wie wie viele Aufnahmen in Notfallambulanzen und Asthma-Neuerkrankungen durch Feinstaub (Partikelgröße durchschnittlich 2,5 µm, Ozon und NO2 verursacht sein könnten. Ihren Schätzungen zufolge waren 2015 neun bis 23 Millionen Notfallaufnahmen wegen Asthma-Beschwerden auf Ozon und fünf bis zehn Millionen auf Feinstaub zurückzuführen, insgesamt also bis zu 33 Millionen. Dies enstpreche acht bis 20 sowie vier bis neun Prozent aller Notfallaufnahmen weltweit.

NO2 führte den Berechnungen zufolge 2015 zu 0,4 bis 0,5 Millionen Asthma-Notfällen. Die Studienergebnisse sollten nach Angaben der Autoren als vorläufig betrachtet werden, da sie sehr auf Schätzungen beruhten und es einige Unsicherheiten gebe. Weitere Studien seien daher erforderlich, um validere Daten zu erhalten.

Pulmonale Schäden sind bekanntlich nur eine mögliche Folge der Luftbelastung mit Ozon, Feinstaub und NO2. Die Luftverschmutzung, und hier in erster Linie Feinstaub, sei für jährlich mehr als vier Millionen Todesfälle verantwortlich. Die meisten Todesfälle mit knapp 60 Prozent entstünden hierbei als Folge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, berichteten kürzlich der Mainzer Kardiologe Professsor Thomas Münzel und seine Kollegen im „European Heart Journal“.

Noch ein Problem: kardiovaskuläre Schäden

Thomas Münzel hatte mit Kollegen aus Großbritannien und den USA die für Gefäßschäden durch Luftverschmutzung ursächlichen Mechanismen dargestellt. Zentrale Forschungsfragen waren hierbei, welche Bestandteile der Luftverschmutzung (Feinstaub, Ozon, Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid und Schwefeldioxid) besonders schädlich für das Herz-Kreislauf-System sind und über welche Mechanismen die Gefäße geschädigt werden.

„Dieser Bericht ist ein weiterer wichtiger Beitrag unserer Arbeitsgruppe Umwelt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass – in Bezug auf die gefäßschädigende Wirkung der Luftverschmutzung – der Feinstaub eine herausragende Rolle spielt“, kommentierte Münzel. „Besonders der Ultrafeinstaub macht uns hierbei große Sorgen. Dieser hat die Größe eines Virus. Wenn der Ultrafeinstaub inhaliert wird, dann geht er über die Lunge sofort ins Blut, wird von den Gefäßen aufgenommen und bewirkt lokal eine Entzündung. Das bedingt letztlich mehr Atherosklerose und führt somit zu mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ Interessant sei sicher auch die Tatsache, dass in Bezug auf die viel diskutierten Dieselabgase in erster Linie der Feinstaub und nicht das Stickstoffdioxid, die beide bei der Verbrennung von Dieselbrennstoff entstehünden, negative Auswirkungen auf die Gefäßfunktion habe.

Kleinkinder besonders gefährdet

Unter den rund 4,5 Millionen Menschen, die nach Angaben von Wissenschaftlern 2015 vorzeitig an den Krankheitsfolgen von verschmutzter Außenluft gestorben sein sollen, waren auch 237.000 Kinder unter fünf Jahren; sie starben an Atemwegsinfektionen. Das ergab eine Untersuchung des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie und der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Zum Vergleich: Im selben Jahr starben 87.000 Kleinkinder an HIV/AIDS, 525.000 an Durchfallerkrankungen und 312.000 an Malaria.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben 2015 rund eine Million Kleinkinder unter fünf Jahren an Infektionen der unteren Atemwege. Feinstaub mit Partikeln kleiner als 2,5 Mikrometern (PM2,5) spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Konzentration von Feinstaub, denen Menschen auf der Welt im Schnitt ausgesetzt sind, ist zwischen den Jahren 2000 und 2015 von etwa 40 auf 44 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gestiegen. Das liegt mehr als das Vierfache über der Konzentration von 10 Mikrogramm, die von der WHO als Grenzwert empfohlen wird. Zudem trägt das Reizgas Ozon zu gesundheitlichen Auswirkungen der Atemwege bei.

Die Herkunft des Feinstaubs ist von Land zu Land unterschiedlich: So überwiegt in Indien die Verbrennung von feste Brennstoffe zum Kochen und Heizen, während in den USA Kraftwerke, Verkehr und Landwirtschaft als größte Quellen gelten. Auch wenn verschmutzte Innenraumluft ebenfalls ein großes Gesundheitsrisiko darstellen kann, geht es einer neuen Studie zufolge um die Umgebungsluft („The Lancet Planetary Health“) .

Die jeweilige Belastung durch Feinstaub und Ozon haben die Autoren Jos Lelieveld (Universität Mainz), Andy Haines und Andrea Pozzer mit einem etablierten globalen Atmosphärenchemiemodell ermittelt. Diese Werte verknüpften sie mit Daten über die Bevölkerungsstrukturen sowie Krankheiten und Todesursachen in den einzelnen Ländern. So kamen sie für das Jahr 2015 auf weltweit 270.000 vorzeitige Todesfälle durch Ozon und 4,28 Millionen Opfer von Feinstaub.

Die Krankheiten, die letztlich zum Tod führten, waren bei 727.000 Menschen Entzündungen der tiefen Atemwege, bei 1,09 Millionen chronische Lungenerkrankungen, bei 920.000 zerebrovaskuläre Erkrankungen, bei 1,5 Millionen Herzerkrankungen und bei 304.000 Lungenkrebs. „Die ermittelten Zahlen sind vorsichtig geschätzt, weil wir weitere Krankheiten, die ebenfalls mit der Luftverschmutzung im Zusammenhang stehen könnten, nicht berücksichtigt haben“, so Jos Lelieveld.

Die Wahrscheinlichkeit, wegen schlechter Atemluft zu sterben, ist in Afrika besonders hoch. Denn in Ländern mit niedrigem Durchschnitteinkommen führen heilbare Krankheiten oft zum Tod, weil viele Kinder unterernährt sind und die medizinische Versorgung mangelhaft ist. Im Tschad ist das Risiko für Kinder, an der Luftverschmutzung zu sterben, gegenüber dem weltweiten Mittel sogar fast auf das Zehnfache erhöht. Auch die Lebenserwartung sinkt wesentlich. In Subsahara-Afrika verliert jedes Kind im Durchschnitt vier bis fünf Lebensjahre durch verschmutzte Umgebungsluft.

„Um die Todesfälle von Kindern durch Luftverschmutzung zu verhindern, ist eine Dreifach-Strategie nötig“, sagt Atmosphärenforscher Lelieveld: „Ausreichende Ernährung, eine verbesserte medizinische Versorgung und bessere Luftqualität.“

02.11.2018 11:51:52, Autor: Dr. med. Thomas Kron