Übergewicht

„Überschüssige Kilos wurzeln in der Kindheit“

Vom kleinen rundlichen Wonnenproppen zum übergewichtigen Erwachsenen? Ja, in ganz vielen Fällen! Offenbar entscheidet nämlich bereits die frühe Kindheit über späteres Übergewicht oder gar Adipositas, ergaben Ergebnisse einer kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie unter der Leitung der Kinder- und Jugendmedizinerin Prof. Antje Körner aus Leipzig. Die Arbeitsgruppenleiterin am Center for Pediatric Research Leipzig (CPL) des dortigen Universitätsklinikums erläuterte dem änd die wichtigsten Forschungsergebnisse mitsamt ihren Auswirkungen auf die Praxis.

Körner: „Babyspeck ist nicht niedlich, sondern gefährlich!“
© Straube/Universitätsklinikum Leipzig

Frau Prof. Körner, in Ihrer Forschungsarbeit haben Sie sich mit den Zusammenhängen zwischen Alter und Übergewicht beschäftigt. Worum ging es genau?

Adipositas stellt inzwischen auch bei Kindern ein unübersehbares und dringliches Problem dar, das ernsthafte gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann – beispielsweise Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes bereits in jungen Jahren. Vielleicht mal ein paar Zahlen aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS dazu: Im Alter zwischen 3 und 17 Jahren leiden 8,7 Prozent der Kinder an Übergewicht und 6,3 Prozent an Adipositas – knapp 2 Millionen Kinder bringen hierzulande also deutlich zu viel auf die Waage.

In der Studie haben wir uns vor allem mit zwei Fragen beschäftigt:

1. Wann beginnt Adipositas, wann zeigt sie sich?

2. Gibt es so etwas wie ein kritisches Alter?

Fast jeder hat dazu irgendeine Meinung, aber Studien mit großen Fallzahlen, die eine Beantwortung dieser Frage zulassen, sind Mangelware.

Dafür haben wir in unserer Längsschnittstudie Daten zum Gewichtsverlauf von mehr als 51.000 Kindern zwischen 0 und 18 Jahren analysiert. Die Daten stammten aus dem CrescNet, einem Register zur kontinuierlichen und langfristigen Beobachtung des Wachstums und der Gewichtsentwicklung von Kindern.

Was kam dabei heraus und wie hoch ist die Gefahr, dass aus „propperen“ Babys und Kleinkindern später übergewichtige Jugendliche und junge Erwachsene werden?

Wir haben anhand der Datenauswertung gesehen, dass Übergewicht sehr sehr früh beginnt, nämlich im frühen Kindesalter noch deutlich vor Beginn des Schulalters. Konkret formuliert: Wenn Kinder im ersten oder zweiten Lebensjahr bereits übergewichtig oder adipös sind, stehen die Chancen für ein Normalgewicht im Jugendalter gerade mal bei 50 zu 50. Bei übergewichtigen Dreijährigen bleiben die überschüssigen Pfunde in der Regel bestehen und diese Kinder schleppen in fast 90 Prozent der Fälle später auch als Jugendliche massives Übergewicht mit sich herum.

Dynamisch betrachtet findet der größte Gewichtszuwachs im Alter zwischen 2 und 6 Jahren statt, und auch danach sammeln sich Jahr für Jahr weitere Kilos an, die die Adipositas mehr und mehr manifestieren oder verschlimmern.

Inwieweit spielen auch das Gewicht der Eltern und das Geburtsgewicht eine Rolle hinsichtlich des Risikos für späteres Übergewicht?

Zu dieser Fragestellung haben wir unter anderem Daten aus dem LIFE Child Forschungsprojekt herangezogen. Kinder von Eltern mit Übergewicht besitzen demnach ein deutlich höheres Risiko für Übergewicht als Kinder von Müttern mit Normalgewicht. Dahinter verbergen sich mehrere mögliche Erklärungsansätze. Zum einen ist da die genetische Komponente, die für eine gewisse „Empfänglichkeit“ sorgt, die jedoch nicht „schicksalhaft“ ist. Hinzu kommen etablierte Lebensstilfaktoren und das Lebensumfeld bezüglich Ernährung, Bewegung und Tagesstruktur in den Familien, was die Kinder mitleben. Kinder lernen nun mal durch Nachahmung. Wenn also die Eltern und Geschwister regelmäßig zwischendurch snacken oder sich überwiegend von kalorienreichem Fastfood ernähren, werden sie es ebenfalls tun.

Hinzu kommt, dass Nahrung inzwischen jederzeit und überall ohne jeden körperlichen Aufwand verfügbar ist, die auf unsere evolutionäre Programmierung der „Gewichtsverteidigung“ trifft. Unsere Urmütter und -väter mussten jagen oder in den Wäldern sammeln gehen, um etwas Essbares zu finden. Dabei haben sie sich körperlich angestrengt, Übergewicht hatte dadurch kaum eine Chance. Im Gegenteil – es waren die Individuen im Vorteil, die auf Energiereserven zurückgreifen konnten. Heutzutage reicht aber der Griff in einen gut gefüllten Kühlschrank.

Wer bereits als kleines Kind zu überflüssigen Kilos neigt, wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener damit zu kämpfen haben. Setzt die Gewichtsbekämpfung mit diversen Diäten und Schulungsprogrammen im Erwachsenenalter dann nicht viel zu spät an?

Auf jeden Fall! Zu allererst müssen wir zu einem Umdenken anregen, also eine neue Betrachtungsweise in den Köpfen der Bevölkerung anstoßen. Babyspeck ist eben nun mal nicht einfach nur niedlich und wächst sich auch später nicht zurecht! Er stellt vielmehr eine große Gefahr für gesundheitsgefährdendes anhaltendes Übergewicht dar – das kann man gar nicht oft genug betonen und publik machen.

Wichtig dabei ist, den Präventionsgedanken in den Vordergrund zu rücken, es also gar nicht bis zum gefährlichen Übergewicht kommen zu lassen. Klassische Schulungen bringen erfahrungsgemäß nicht allzu viel, Trainingsprogramme schon eher. Denn diese setzen nicht nur auf reine Wissensvermittlung, sondern Verhaltensänderungen durch Training – fokussieren sich also nicht rein auf die Ernährung. Beispielsweise gehören Bewegung und auch psychologische Komponenten mit dazu. Es gibt hierzulande viele Modelle.

Für besonders erfolgsversprechend halte ich das bereits erwähnte Lernen durch Nachahmung im positiven Sinne. Kinder, die von klein auf mit gemeinsam am Familientisch verzehrten, selbst gekochten und abwechslungsreichen Mahlzeiten groß werden, sich viel bewegen, einen abwechslungsreichen Tagesablauf auch ohne lange Medienzeiten haben und die für den kleinen Hunger zwischendurch ein Stück Obst oder einen Joghurt bekommen, werden diese Gewohnheiten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit übernehmen.

Solche Vorbildfunktion sollten neben den Elternhäusern auch die Kitas und Schulen weiter verfolgen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass das einfacher gesagt als getan ist.

Erfordern die Erkenntnisse Ihrer Arbeit möglicherweise ein Umdenken in der ambulanten Praxis/Beratung seitens der Kinder- und Jugendärzte sowie der Hausärzte?

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Übergewicht in bereits sehr jungen Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit erfordert. Kinder- und Jugendärzte, die die Kleinen ja regelmäßig und gerade in diesem Alter in den U-Untersuchungen sehen, sollten idealerweise sehr frühzeitig Alarm schlagen und beratend eingreifen. Und zwar gerne nicht erst dann, wenn die Gewichtsperzentile bereits sichtlich überschritten ist, sondern bereits, wenn anhand der Gewichtsdynamik ein rasanter Gewichtszuwachs ersichtlich ist.


04.11.2018 12:19:37, Autor: Interview: Jutta Heinze