Wartezeiten

Augenarzttermine – warum sind sie so rar?

Die medizinisch-technische Entwicklung schreitet in der Augenheilkunde schnell voran
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Montagmorgen, kurz vor 8 Uhr. Die Augenarztpraxis hat noch nicht geöffnet, doch vor der Eingangstür hat sich bereits eine lange Patientenschlange gebildet – kein seltenes Bild in manchen Regionen Deutschlands. Augenarzttermine sind vielerorts, besonders auf dem Land, dünn gesät. Und das liegt vor allem daran, dass die Augenheilkunde mit allerlei Herausforderungen zu kämpfen hat. Welche das sind, erklärt „durchblick gesundheit“.

Punkt 1: Die Menschen werden immer älter
Der sogenannte demografische Wandel ist in vollem Gange, die Menschen werden immer älter. Und das wirkt sich ganz besonders auf die Arbeit der Augenärzte aus. Kaum eine andere Facharztgruppe ist so stark von dieser Entwicklung betroffen. Nach Angaben des Berufsverbandes der Augenärzte (BVA) sind mittlerweile mehr als 40 Prozent der Patienten in Deutschlands Augenarztpraxen älter als 70 Jahre. Und das ist auch logisch, denn schließlich leiden alte Menschen viel häufiger an Augenkrankheiten, die oft sogar chronisch sind. Und diese erfordern eine besonders intensive Betreuung.

Warum zahle ich beim Augenarzt so oft drauf?

Wie bei kaum einem anderen Arzt müssen Patienten beim Augenarzt viele Untersuchungen selbst bezahlen. Es handelt sich dabei um sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL). Ein Beispiel hierfür ist die optische Kohärenztomografie (OCT), mit der der Augenarzt mithilfe eines Laserlichts die einzelnen Netzhautschichten ganz genau untersucht. Die meisten Augenärzte wenden diese Methode mittlerweile als Standardkontrolluntersuchung bei Netzhauterkrankungen wie der altersbedingten Makuladegeneration an, weil sie am effektivsten und für den Patienten am wenigsten belastend ist. Dennoch wurde die OCT (noch) nicht als Kassenleistung definiert, das heißt, die Krankenkassen übernehmen dafür nicht die Kosten. Und so sieht es auch bei vielen anderen Untersuchungsmethoden in der Augenheilkunde aus. Eine große Rolle dabei spielt sicherlich der rasante medizinisch-technische Fortschritt. Es werden ständig neue Hightechgeräte für Augenuntersuchungen entwickelt. Aber es dauert einfach sehr lange, bis deren Nutzen offiziell anerkannt wird.

„Die Alterung der Bevölkerung führt in den Augenarztpraxen zu steigender Mehrarbeit“, sagt der Vorsitzende des BVA, Prof. Bernd Bertram. Patienten mit chronischen Augenleiden wie etwa der altersbedingten Makuladegeneration würden ihren Augenarzt bis zu 20 Mal im Jahr aufsuchen. „Damit sind wir Augenärzte – neben den Gynäkologen – diejenigen Fachärzte, die am meisten in Anspruch genommen werden.“

Zur Veranschaulichung ein paar Zahlen: Laut Statistik der Bundesärztekammer (BÄK) gibt es zurzeit etwa 7.300 praktizierende Augenärzte in Deutschland, rund 6.000 davon arbeiten im ambulanten Bereich, also in einer (eigenen) Praxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum. Diese 7.300 Augenärzte versorgen nach Angaben der BÄK ungefähr 22 Millionen Patienten im Jahr. Die tatsächliche Zahl der Patienten-Kontakte ist aber noch viel höher und liegt bei rund 40 Millionen – denn viele Patienten suchen ihren Augenarzt mehrmals jährlich auf. Bis zum Jahr 2030 rechnen Augenärzte mit 7,7 Millionen zusätzlichen Behandlungsfällen aufgrund altersbedingter Augenkrankheiten. Die Zahlen zeigen also: Deutschlands Augenärzte haben viel zu tun!

Punkt 2: Höhere Ansprüche an die eigene Sehkraft
Noch vor einigen Jahrzehnten galt man bereits mit 60 Jahren als uralt. Eine Alpenüberquerung mit 65, eine Karibik-Kreuzfahrt mit 75, Auto fahren mit 85? Damals undenkbar. Und auch das Smartphone war vor 30 Jahren allenfalls eine Utopie. Heutzutage hingegen bleiben viele Menschen rüstig und mobil bis ins hohe Alter. Folglich legen sie auch großen Wert auf ein gutes Sehvermögen. „Die Nachfrage nach Augenarztterminen ist durch gewachsene Ansprüche an das Sehvermögen im höheren Lebensalter stärker gestiegen als die Kapazitäten. Dass die Menschen Smartphones nutzen, gab es vor 20 Jahren noch nicht“, sagt Dr. Annette Rommel. Sie ist Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Thüringen, einem Bundesland, wo in bestimmten Regionen ein besonders großer Mangel an Augenarztterminen herrscht.   

Punkt 3: Eine rasante technische Entwicklung in der Augenheilkunde
Die technische Entwicklung in der Augenheilkunde schreitet rasant voran. So lassen sich Augenkrankheiten heute heilen oder lindern, die noch vor einigen Jahren zum Erblinden des Patienten oder zumindest zu einer dramatischen Verschlechterung seiner Sehfähigkeit geführt hätten. Insbesondere die sogenannte intravitreale operative Medikamenteneingabe (IVOM), bei der Medikamente ins Augeninnere injiziert werden, sowie die optische Kohärenztomografie, mit der man die IVOM überwacht, hätten den Alltag in den Augenarztpraxen grundlegend verändert, betont der Berufsverband der Augenärzte. Nun ist es ja zunächst einmal eine sehr erfreuliche Entwicklung, dass die medizinisch-technischen Möglichkeiten in der Augenheilkunde immer besser werden. Allerdings führt dieser rasante Fortschritt auch dazu, dass die Behandlungen in den Augenarztpraxen immer aufwendiger werden und somit immer mehr Zeit in Anspruch nehmen. Auch das trägt zum Terminmangel bei.

Punkt 4: Unpassende Verteilung der Arztsitze
Ärzte dürfen sich in Deutschland nicht nach Belieben irgendwo mit einer eigenen Praxis niederlassen. Wie viele Haus- oder Facharztsitze es in einer Stadt oder einer bestimmten Region gibt, ist streng geregelt, und zwar durch die sogenannte Bedarfsplanung. Sie soll vermeiden, dass es irgendwo zu wenige oder zu viele Ärzte gibt. Auf Grundlage einer bundesweiten Richtlinie stellen die Kassenärztlichen
Vereinigungen und die Krankenkassen in den einzelnen Bundesländern einen Bedarfsplan auf. Er gibt Auskunft darüber, wie viele Arztsitze in welchen Regionen noch frei sind. Problem dabei: Die bundesweiten Vorgaben berücksichtigen häufig nicht die besonderen Entwicklungen in den einzelnen Fachgruppen. In der Augenheilkunde wären das zum Beispiel der rasante medizinisch-technische Fortschritt sowie die höheren Ansprüche der Patienten. So passiert es dann immer wieder, dass Regionen laut Bedarfsplanung auf dem Papier als gut versorgt mit Augenärzten gelten, in der Realität dort aber ein Mangel an Augenärzten – und folglich auch ein Terminmangel – herrscht.

Punkt 5: Geringe Vergütung der Grundleistungen
Ein niedergelassener Augenarzt bekommt für eine konservative, also nicht operative Behandlung eines gesetzlich versicherten Patienten eine Grundpauschale zwischen 18 und 26 Euro pro Quartal – egal, ob der Patient in den drei Monaten einmal oder achtzehnmal in der Praxis auftaucht. Bei den augenärztlichen Grundleistungen wie der Sehschärfenbestimmung oder der Kontaktlinsenkontrolle ist das Honorar des Augenarztes also begrenzt; die Ärzte sprechen von „Budgetierung“. Laut Berufsverband der Augenärzte werden 70 Prozent der konservativen Leistungen in der Augenheilkunde mit der Grundpauschale abgegolten. Anders sieht es bei den operativen Leistungen aus. Für eine Operation erhalten Augenärzte immer einen festen Betrag, unabhängig davon, wie viele Eingriffe sie pro Quartal durchführen.

Nach Angaben des BVA fließt für die 1,4 bis 1,6 Millionen Operationen, die Augenärzte pro Jahr durchführen, ein höheres Gesamthonorar als für die 40 Millionen Fälle, in denen die Augenärzte ambulante, nicht operative Grundleistungen erbringen. Hier liege ein deutliches Missverhältnis vor, kritisiert der Verband – und fordert schon seit Langem eine bessere Vergütung der augenärztlichen Grundleistungen beziehungsweise ein Ende der Budgetierung.  

Wenn Augenärzte mit Operationen so viel mehr verdienen als mit den Grundleistungen, dann ist es eine logische Folge, dass sie in ihren Praxen – sofern sie die notwendigen Kenntnisse haben – hauptsächlich operative Eingriffe vornehmen und für die Basisuntersuchungen entsprechend weniger Zeit bleibt. Wer beim Augenarzt also lediglich seine Sehschärfe bestimmen, sich eine Brille verordnen oder seine Kontaktlinsen kontrollieren lassen möchte, wird dafür mitunter länger auf einen Termin warten müssen. In der Regel gilt beim Augenarzt aber wie bei allen anderen Fachärzten auch: Patienten mit akuten Leiden bekommen noch am selben Tag einen Termin.

Punkt 6: Patienten nehmen Termine nicht wahr
Immer wieder kommt es vor, dass Patienten vereinbarte Termine nicht wahrnehmen – oft sogar, ohne abzusagen. Das befördert den Terminmangel bei den Augenärzten natürlich ebenfalls. „Ein solches Verhalten ist rücksichtslos gegenüber anderen Patienten und deshalb völlig inakzeptabel“, sagt KV-Thüringen-Chefin Rommel. Die Schuld dafür sieht sie auch in der Politik. Einige Politiker gäben Patienten trotz des begrenzten Budgets in der ärztlichen Versorgung immer wieder ein unbegrenztes Leistungsversprechen. Das fördere eine entsprechende Flatrate-Mentalität bei den Versicherten – und lasse sie unverantwortlich mit Terminen umgehen.      


durchblick gesundheit • Ausgabe 62 • Oktober–Dezember 2018

 

23.10.2018 15:25:37, Autor: Sarah Knoop