Kinder- und Jugendernährung

„Bei diversen vegetarischen Kostformen droht ein Nährstoffmangel“

Schätzungen des Vegetarierbunds Deutschland (VEBU) zufolge ernährt sich jeder zehnte Bundesbürger vegetarisch. Rund jeder 100. isst vegan, verzichtet also komplett auf tierische Lebensmittel. Vor allem junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren gehören zu den Anhängern vegetarischer Kostformen, aber auch Kinder und Jugendliche erhalten oder wählen bewusst zunehmend diese Ernährungsvarianten. Was dabei aus medizinischer Sicht zu beachten ist und welche Risiken eine vegetarische Ernährung möglicherweise für Heranwachsende bergen kann, besprach der änd mit dem Kinder- und Jugendmediziner Prof. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin vom Dr. von Haunerschen Kinderspital am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Koletzko: „Vegetarische Ernährung in jungen Jahren erfordert gut informierte Eltern und Jugendliche.“
© Dr. von Haunersches Kinderspital, München

Herr Prof. Koletzko, die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat kürzlich eine Stellungnahme zu vegetarischen Kostformen im Kindes- und Jugendalter veröffentlicht. Was war der Grund?

Die Zahl junger Familien mit Interesse an unterschiedlichen Formen von vegetarischer Ernährung hat in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen. Deshalb sehen sich Kinder- und Jugendärzte häufiger mit Fragen dazu konfrontiert – und auch mit Kindern, die bestimmte Lebensmittel meiden. Deshalb haben wir die Datenlage zu diesem Themenbereich zusammengefasst, um praktische Empfehlungen zur ärztlichen Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit vegetarischen Ernährungsformen zu geben.

Veganer, Ovo-Laktovegetarier, Pescotarier, Flexitarier und, und, und: Unter den Begriff „vegetarische Kostformen“ fallen diverse Ausprägungen, wie unsere redaktionelle Zusammenstellung weiter unten zeigt. Vor allem welche Varianten erfordern einen kritischen Blick und gezielte Beratung in Bezug auf die Kinder- und Jugendernährung?

Kinder und Jugendliche haben vor allem aufgrund ihres Wachstums im Vergleich zu Erwachsenen einen deutlich höheren Nährstoffbedarf pro kg Körpergewicht. Durch eine ausgewogen ausgewählte, gemischt vegetarische Ernährung mit Eiern und Milchprodukten lässt sich die notwendige Nährstoffzufuhr meist decken. Aber auch hier besteht ein erhöhtes Risiko einer Unterversorgung zum Beispiel mit Eisen und Zink, die wir aus pflanzlichen Lebensmitteln schlecht aufnehmen können, und der Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA), deren Hauptlieferant Meerestiere darstellen.

Eine über längere Zeit eingehaltene ausschließlich pflanzliche (vegane) Ernährung führt ohne regelmäßige Nährstoffsupplementierung zu einem Mangel an Vitamin B12 und häufig auch an weiteren Nährstoffen wie Eisen, Zink, Jod, DHA, Calcium, Protein und Energie. Bei Kindern mit veganer Ernährung können ernste klinische Folgen wie Gedeihstörungen und Mangelernährung, Blutarmut oder neurologische Schädigungen auftreten.

Insgesamt setzt eine vegetarische Ernährung im Kindesalter einen hohen Informationsstand der Eltern und Kinder bzw. Jugendlichen voraus und erfordert eine gezielte Betreuung durch den Kinder- und Jugendarzt, gegebenenfalls auch in Zusammenarbeit mit einer entsprechend erfahrenen Ernährungsfachkraft.

Inwieweit können gut informierte Eltern potenzielle Nährstoffengpässe bei ihren Kindern mit einer sorgfältig zusammengestellten Ernährung auffangen? Und für wie realistisch halten Sie dies in der praktischen Umsetzung?

Für vegetarische Ernährungsformen entscheiden sich Familien bewusst und befassen sich dann auch oft mit den Einzelheiten der Lebensmittelauswahl. Hier besteht ein großes Potenzial, durch gezielte und auf die individuelle Situation eingehende Beratung deutliche Verbesserungen zu erreichen. Eltern möchten grundsätzlich das Beste für ihre Kinder und sind oft bereit, Modifikationen der Ernährungsweise und eine Nährstoffsupplementierung durchzuführen, wenn ihnen die Hintergründe einsichtig sind.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein: Wissen junge Vegetarier beziehungsweise deren Eltern um die möglicherweise kritische Nährstoffversorgung und haben diese verantwortungsvoll im Blick?

Hier gibt es ein breites Spektrum unterschiedlicher Situationen. Viele Vegetarier sind gut und sachlich informiert und können Stärken und Schwächen der von ihnen gewählten Ernährungsform rational bewerten. Und etliche Veganer wissen um die durch ihre Ernährungsweise bedingte unzureichende Vitamin B12-Zufuhr und führen eine regelmäßige Supplementierung durch. Es gibt aber auch Jugendliche und Familien, die von im Internet und von Heilslehrern verbreiteten Desinformationen fehlgeleitet und mit Daten und Fakten oft nur schwer erreichbar sind. Hier ist eine auf den Einzelnen eingehende, geduldige und wiederholte ärztliche Beratung nicht selten am Ende doch wirksam.

Wie können niedergelassene Kinder- und Jugendärzte dazu beitragen, einer Mangelversorgung durch vegetarische Kostformen entgegenzuwirken?

Im Rahmen der pädiatrischen Betreuung und gerade auch der Vorsorgeuntersuchungen soll auch nach der Ernährungsform gefragt werden. Bei vegetarisch und anderweitig restriktiv ernährten Kindern erfordern besonders das Wachstum und die körperliche und neurologische Entwicklung einen genauen Blick, gegebenenfalls sollte auch eine pädiatrisch erfahrene Ernährungsfachkraft ins Spiel kommen. Je nach Einzelfallabwägung helfen eventuell auch Blutuntersuchungen bei der Einschätzung der Nährstoffversorgung. Bei unzureichender Zufuhr und bei Unterversorgung gilt: gezielte Beratung zur Ergänzung der Lebensmittelauswahl und zur Nährstoffsupplementierung.

Das Thema „Ernährung“ setzt sich in der medizinischen Ausbildung ja nur recht langsam durch. Wo stoßen die behandelnden Ärzte an ihre Grenzen und welche konkreten Tipps geben Sie hinsichtlich der Beratung von jungen Vegetariern?

Im Medizinstudium kommt der Physiologie und den Auswirkungen der Ernährung bei Gesunden und Kranken nicht der Stellenwert zu, den sie in der ärztlichen Praxis und auch hinsichtlich der gesundheitlichen Auswirkungen in der Bevölkerung hat. In der pädiatrischen Aus- und Weiterbildung nimmt die Ernährung einen deutlich größeren Raum ein als wahrscheinlich in jedem anderen Fachgebiert. Dennoch ist auch hier noch mehr zu tun. Auch deshalb bietet zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin regelmäßig Intensivkurse zur pädiatrischen Ernährungsmedizin an.



Tabelle: Vegetarische Kostformen im Überblick

Quelle: Modifiziert nach: „Vegetarische Kostformen im Kindes- und Jugendalter“, Stellungnahme der Ernährungskommission der DGKJ e.V., 2018


Kostform

Ausgeschlossene Lebensmittel

Reduzierte Nährstoffzufuhr

Flexitarisch

(überwiegend vegetarisch)

Fleisch- und Fischprodukte – allerdings gelegentlicher Verzehr kleiner Mengen

Fleisch: Vit. B12, Zink, Eisen, tierisches Protein

Fisch: Jod, Omega-3-Fettsäuren (z.B. DHA)

Nur geringe Reduktion der Nährstoffzufuhr!

Ovo-Lakto-Vegetarisch

Fleisch- und Fischprodukte

Fleisch: Vit. B12, Zink, Eisen, tierisches Protein

Fisch: Jod, Omega-3-Fettsäuren (z.B. DHA)

Lakto-Vegetarisch

Fleisch- und Fischprodukte, Eier

Wie oben, durch Verzicht auf Eier zusätzlich tierisches Protein, Vit. A und D

Ovo-Vegetarisch

Fleisch- und Fischprodukte, Milch und Milchprodukte

Wie oben, durch Verzicht auf Milchprodukte zusätzlich tierisches Protein, Calcium, Jod, Vit. B12, B2, D und A

Pesco-Vegetarisch

Fleischprodukte

Wie oben, jedoch mit Fisch

Vegan

Alle tierischen Produkte (Fleisch, Fisch, Milch, Eier, Honig)

Wie oben, vor allem Vit. B12!

21.10.2018 08:07:27, Autor: Interview: Jutta Heinze