Sepsisbekämpfung

„Man braucht ein paar Verrückte und ein bisschen Geld“

Zum Welt-Sepsis-Tag Mitte September schlugen Ärzte, Patientenschutzorganisationen, Krankenkassen und Politiker (erneut) Alarm: Im Kampf gegen Sepsis bestehe noch viel Luft nach oben, denn mehr als jeder vierte dadurch bedingte Todesfall gelte als vermeidbar. Zu diesem Verbesserungspotenzial und daraus resultierenden Forderungen und Möglichkeiten sprach der änd mit dem Anästhesisten und Intensivmediziner PD Dr. Matthias Gründling, Leiter des Sepsisdialogs an der Universitätsmedizin Greifswald.

Gründling: „Für das Sepsis-Notfallmanagement benötigen wir mehr Früherkennung, intensive Schulungsprogramme und Labor-Schnellauswertungen.“
© UMG/Jahnke

Herr Dr. Gründling, um die Brisanz des Themas zu verdeutlichen: Wie sieht hierzulande die aktuelle Datenlage aus?

Die offizielle Statistik basiert auf Daten von 2013, also 280.000 von den Krankenhäusern gemeldeten Sepsis-Fällen. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit geht aber von einer jährlichen Zunahme von rund 5,3 Prozent aus, so dass wir in diesem Jahr mit zirka 350.000 Blutvergiftungen rechnen könnten. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, weil Krankenhäuser nur die unter „Sepsis“ kodierten Fälle melden. Untersuchungen der Universität Jena dazu ergaben weit höhere Fallzahlen – um bis zu 50 Prozent!

Ausgehend von der offiziellen Statistik stirbt hierzulande alle sechs bis acht Minuten ein Patient an den Folgen einer Sepsis, also rund jeder dritte daran Erkrankte. Demnach liegen Blutvergiftungen auf der Liste der krankheitsassoziierten Todesursachen auf Platz drei hinter Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Und weltweit ist Sepsis die häufigste infektionsbedingte Todesursache.

Auch finanziell ist Sepsis ein Thema. Die durch Blutvergiftungen hervorgerufenen verlängerten Krankenhausaufenthalte mit hohem pflegerischen und intensivmedizinischen Aufwand verursachen im Gesundheitssystem jährliche Mehrkosten von ungefähr 1,8 Milliarden Euro. 70 Prozent der Patienten bringen ihre Sepsis übrigens bereits ins Krankenhaus mit.

Liegt die vermutete hohe Dunkelziffer möglicherweise auch an einer schwierigen Diagnostik?

Das ist gut möglich, denn eine Sepsis äußert sich oft recht unspezifisch. Und genau das ist das Problem. Zu den typischen Symptomen gehören Atemnot, ein beschleunigter, fadenförmiger Puls, niedriger Blutdruck, nachlassende Diurese (dunkler Urin), Durst, kalte und marmorierte Extremitäten, Fieber und Schüttelfrost. Die Betroffenen verspüren ein starkes Krankheitsgefühl und sind häufig müde und verwirrt. Hinzu kommen lokale Infektionszeichen, beispielsweise eine Lungen- oder Harnwegsentzündung. Auch Verletzungen liefern zusätzliche Hinweise auf eine mögliche Sepsis. Aber die sehr unspezifischen Anzeichen machen die Diagnose einer Blutvergiftung nicht ganz einfach, gerade bei älteren Patienten werden sie oft verkannt. Wir brauchen daher einen geschärften „Sepsis-Blick“ – sowohl in der Medizin als auch in der Bevölkerung. Eine Blutvergiftung zeigt sich eben fast nie durch einen rot verlaufenden Strich Richtung Herz – auch wenn dieser Irrglaube noch immer weit verbreitet ist.

Wo sehen Sie Potenzial hinsichtlich der Sepsis-Prophylaxe?

Da fallen mir gleich mehrere Ansätze ein. Neben einer effektiven Infektionsbehandlung samt sinnvollem Umgang mit Antibiotika bezüglich einer Resistenzentwicklung geht es auch darum, nosokomiale Infektionen zu vermeiden. Dabei geht es beispielsweise um eine gute Händehygiene, das Vermeiden unnötiger invasiver Maßnahmen und die Prophylaxe von Katheterinfektionen.

Ganz wichtig ist auch eine Pneumokokkenimpfung für Patienten, denen die Milz entfernt wurde, oder die älter als 65 Jahre sind. Nach einer Milz-OP erhalten aber vermutlich nur rund die Hälfte aller Patienten eine Pneumokokken-Impfung. Da besteht noch deutlicher Nachbesserungsbedarf bezüglich der Kommunikation zwischen den Krankenhäusern, den behandelnden Ärzten und den Laboren.

Und wie bereits angesprochen: Wir brauchen weit mehr Sensibilität und dementsprechend Aufklärungsmaßnahmen für diese Erkrankung, weil sie sich oft tarnt und daher verkannt wird.

Sepsis als häufigste vermeidbare Todesursache in Deutschland – ein bitteres Fazit! Welche Rolle spielen dabei die Diagnostik und Behandlung?

An erster Stelle steht, die Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen. Denn es geht um Zeit, bei der wirklich jede Minute zählt. Das durch Mikroorganismen (z.B. Bakterien und Pilze inklusive deren Gifte) hervorgerufene und aus dem Ruder gelaufene Entzündungsgeschehen sorgt nämlich innerhalb weniger Stunden für Störfunktionen an allen lebenswichtigen Organen. Bei nicht rechtzeitiger Diagnose und Behandlung drohen ein septischer Schock mit daraus folgendem (oft tödlich verlaufendem) multiplen Organversagen.

Um dies zu verhindern, brauchen wir in Deutschland eine flächendeckende schnelle und moderne mikrobiologische Sepsis-Diagnostik, die, anders als aktuell nur in der Kernarbeitszeit, 24 Stunden täglich sieben Tage die Woche zur Verfügung steht. Hinzu kommt ein Notfall-Management auf Basis eines konsequenten Qualitätssicherungsprogramms.

Wie gut das funktioniert, zeigt unser seit 2008 implementierter Greifswalder Sepsisdialog. Wir untersuchen unsere Intensivpatienten seit nunmehr zwei Jahren systematisch auf Keime in Blutkulturen, das Schnell-Labor identifiziert potenzielle Sepsis-Auslöser innerhalb von nur ein bis sechs Stunden. Üblicherweise gibt es Ergebnisse erst nach 24 bis 48 Stunden. Durch die schnell verfügbaren Laborergebnisse können wir sehr zügig gezielte und gegen den ermittelten Keim gerichtete Antibiotika einsetzen. Eine speziell geschulte und deutschlandweit einzige Sepsis-Krankenschwester unterstützt dabei in Greifswald das Team aus Medizinern, Mikrobiologen, Hygienikern und Pflegekräften.

Dadurch stieg die Zahl der entdeckten Sepsisfälle erwartungsgemäß erst einmal an, allerdings bei parallel sinkender Letalität. Inzwischen konnten wir in Greifswald die Sterberate in den vergangen 10 Jahren um ein Drittel reduzieren. Die frühzeitige Identifizierung einer Sepsis ist daher überlebenswichtig für die betroffenen Patienten.

Macht das Greifswalder Modell denn Schule?

Nein, bislang hat das noch keiner nachgemacht, und das wurmt mich wirklich. Trotz aller Bemühungen sind die Sinne für Sepsis einfach noch nicht genug geschärft. Auf Initiative unseres ehemaligen Gesundheitsministers Gröhe hat die WHO das Thema nun zumindest auf dem Schirm und es ist auf internationaler Ebene angekommen.

Die momentane Lage halte ich für einen Skandal: Selbst wenn eine Sepsis erkannt ist, wird die abgenommene Kultur nicht sofort untersucht. Dadurch verzögern sich gezielte Gegenmaßnahmen um etliche wertvolle Stunden und bis dahin erhalten die Patienten erst einmal ein Breitspektrum-Antibiotikum – inklusive der damit verbundenen Folgen wie einer möglichen Resistenzentwicklung oder einer Schädigung des Darmmikrobioms.

Dabei braucht es eigentlich – sehr salopp formuliert – nur ein paar Verrückte und ein bisschen Geld, um die Situation entscheidend zu verbessern. Also motivierte Mediziner, Hygieniker etc., die sich mit Engagement diesem Stiefkindthema widmen und es weiter nach vorn treiben. Dafür muss man dann sicher auch ein paar Personalkosten mehr aufbringen.

Selbst ohne die Schnelldiagnostik rund um die Uhr, die in Greifswald auch erst seit zwei Jahren zum Einsatz kommt, konnten wir mit unserem Qualitätssicherungsprogramm die Todesfälle durch Sepsis deutlich senken.

Was passiert denn aktuell im Bereich Sepsisbekämpfung?

Großen Einsatz in puncto Aufklärung zeigt hier das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS); in ihrem aktuellen Weißbuch nimmt das Thema einen großen Stellenwert ein. Überwiegend mahlen die gesundheitspolitischen Mühlen eher langsam. Beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) wurde im Sommer von der Patientenvertretung ein Antrag gestellt, wirksame Qualitätssicherungsmaßnahmen zur Erkennung und Behandlung von Sepsis zu entwickeln. Bis ein entsprechender Beschluss dann praxisrelevant wird, können mehrere Jahre vergehen.

Und ebenfalls im Sommer haben die Länder das Bundesgesundheitsministerium aufgefordert, zum Thema Sepsis am Robert-Koch-Institut (RKI) eine Expertengruppe einzusetzen, um die Forderungen der WHO nach verbesserter Prävention, Diagnostik und klinischem Management umzusetzen.

Welche Rolle spielen niedergelassene Ärzte beim Thema „Sepsis“?

Die Niedergelassenen haben eigentlich immer den Schwarzen Peter, wenn es um die Entscheidung geht, jemanden wegen eines Sepsisverdachts ins Krankenhaus einzuweisen. Fehlentscheidungen liegen auf der Hand aufgrund des diffusen Krankheitsbildes und der langen Wartezeiten auf entsprechende Laborergebnisse. Wichtig ist, dass niedergelassene Mediziner das Erkrankungsbild Sepsis verstärkt auf dem Schirm haben und bei einem Verdacht quasi auf Basis eines schriftlichen Leitfadens screenen. Hilfreich könnte auch ein Procalcitonin-Test sein, mit dem sich lebensbedrohliche Infektionen recht gut vorhersagen lassen. Die Bestimmung des Wertes wird inzwischen bezahlt, die Labore ermitteln den Wert im Laufe eines Tages. Für den Procalcitonin-Wert existieren mittlerweile auch Schnelltests, die innerhalb von 20 Minuten ein Ergebnis liefern – allerdings sind damit recht hohe Anschaffungskosten für die Praxen verbunden, die sich vermutlich im niedergelassenen Bereich nicht rechnen.


17.10.2018 11:16:23, Autor: Jutta Heinze