Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten

„Industrie mehr in die Pflicht nehmen“

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) fordert eine ambitionierte Strategie gegen sogenannte nichtübertragbare Krankheiten in Deutschland: „Die Regierung muss dem Gesundheitsschutz Vorrang vor den Interessen der Industrie einräumen.“

Die Fachgesellschaften fordern unter anderem ein Verbot der Außenwerbung für Tabakprodukte.
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In New York tagen gerade die Vereinten Nationen zu diesem Thema. Deutschland ist in Bezug auf verbindliche Maßnahmen gegen zwei Hauptrisikofaktoren – Übergewicht und Rauchen – Schlusslicht. „Die neue Nationale Reduktionsstrategie ist die große Chance, hier etwas aufzuholen“, sagt Barbara Bitzer, Sprecherin von DANK, die an dem UN-Treffen teilnimmt. „Die Regierung muss dem Gesundheitsschutz Vorrang vor den Interessen der Industrie einräumen.“

DANK, ein Zusammenschluss von 17 medizinischen Fachgesellschaften, Verbänden und Forschungseinrichtungen, fordert eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung, steuerliche Anreize für gesündere Rezepturen, ein Verbot von Werbung für ungesunde Produkte, die sich an Kinder richtet, sowie spürbare Tabaksteuererhöhungen und das längst überfällige Verbot der Außenwerbung für Tabakprodukte.

Von den Maßnahmen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen Übergewicht empfiehlt, hat Deutschland laut einer Mitteilung von DANK fast nichts umgesetzt; auch Maßnahmen zur Förderung des Nichtrauchens würden seit Jahren nur sehr zögerlich ergriffen. Grund sei vor allem die Lobbyarbeit der Industrie, auf die die poitisch Verantwortlichen zu viel Rücksicht nähmen. Positiv bewerte DANK aber, dass Deutschland bei dem UN-Treffen durch den Staatssekretär des Bundesgesundheitsministeriums Lutz Stroppe erstmalig hochrangig vertreten ist.

Ein erster kleiner Schritt, die deutsche Bevölkerung besser vor ungesunder Ernährung zu schützen, könnte die neue Nationale Reduktionsstrategie für weniger Zucker, Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln werden, die bei einem Runden Tisch im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bearbeitet wird. Allerdings bleibe abzuwarten, inwiefern die Strategie wirklich wirksame Maßnahmen enthält. „Ernährungsministerin Julia Klöckner muss ihre Aufgabe wahrnehmen, eine gesunde Ernährung für alle Bevölkerungsschichten möglich zu machen“, sagt Bitzer.

DANK fordert, dass die Nationale Reduktionsstrategie für die Industrie unbedingt verpflichtend sein soll. „Freiwillige Vereinbarungen haben sich als praktisch wirkungslos erwiesen“, sagt Bitzer, „das zeigt das Beispiel zur Werbung für ungesunde Produkte, die sich an Kinder richtet.“ Trotz vollmundiger Versprechen preist die Industrie ihre Dickmacher weiterhin gezielt und massiv bei Kindern an und nimmt damit die gesundheitlichen Folgen billigend in Kauf.

Die Wirkung verpflichtender Maßnahmen hingegen sei mittlerweile gut belegt, etwa bei Steuern auf Softdrinks: Diese senken nachweislich den Absatz der ungesunden Produkte und führen dazu, dass die Industrie den Zuckergehalt reduziert, um die steuerliche Abgabe zu vermeiden. „In vielen Ländern werden die Verbraucher mittlerweile durch staatliche Maßnahmen vor hochkalorischen, ungesunden Produkten geschützt“, sagt Bitzer, „auch die deutsche Bevölkerung hat einen Anspruch auf diese Form der Gesundheitsvorsorge.“

Dieser Anspruch auf Gesundheitsvorsorge gelte ebenso beim Schutz vor den gesundheitlichen Gefahren des Rauchens, denn auch hier gehöre Deutschland im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern. Die effektivste Maßnahme zur Senkung des Tabakkonsums, eine deutliche Erhöhung der Tabaksteuer, wurde in Deutschland seit 2005 nicht mehr eingesetzt. Deutschland ist außerdem das einzige Land in der Europäischen Union, das noch uneingeschränkt großflächige Plakatwerbung für Tabakprodukte erlaubt. Mit einer spürbaren Tabaksteuererhöhung und einem umfassenden Tabakwerbeverbot könnte Deutschland einen bedeutenden Beitrag zum Schutz der Bevölkerung vor den Gesundheitsgefahren des Rauchens leisten.

Mit ein Grund dafür, dass sich DANK für ein konsequenteres Vorgehen gegen Industrie und Lobbyisten stark macht, sind die zum Beispiel die unbefriedigenden Effekte von Präventions-Programmen beim Übergewicht. Das Problem sei, dass sie kaum Ansätze zur systemischen Veränderung der obesogenen Umwelt enthielten. Das Verhalten könne jedoch nur verändert werden, wenn auch die Verhältnisse verändert werden, die einen ungesunden Lebensstil begünstigen. Die Strategie, die allein auf Verhaltens-Prävention und nicht auch auf Verhältnis-Prävention setze, sei gescheitert, ein Paradigmenwechsel erforderlich, so die DANK.

DANK steht mit seinen Vorschlägen und Forderungen nicht alleine. So haben auch WHO-Wissenschaftler schon vor einigen Jahren gefordert, Kinder besser vor den „ausgeklügelten Werbepraktiken“ der Lebensmittelindustrie zu schützen. „Besorgniserregende Ausmaße“ habe etwa die digitale Vermarktung von „ungesunden“ Lebensmitteln bei Kindern angenommen, kritisierten die Wissenschaftler des WHO-Regionalbüros für Europa.

27.09.2018 12:00:34, Autor: Dr. med. Thomas Kron