Stressforschung

„Die gesundheitlichen Auswirkungen von Dauerstress werden weit unterschätzt“

In Deutschland fühlt sich knapp ein Viertel der Menschen häufig gestresst, ein weiteres gutes Drittel steht beruflich oder privat zumindest manchmal unter Strom. Diese Zahlen aus der TK-Stressstudie 2016 untermauern die seit etlichen Jahren zunehmenden stressbedingten Krankschreibungen. Über die Folgen von langanhaltendem Stress auf den Organismus sprach der änd mit Prof. Jörg Bojunga, Leiter des Schwerpunkts Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin an der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Frankfurt und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).

Bojunga: „Schon Kinder sollten den Umgang mit Stress erlernen und ihre psychische Widerstandskraft trainieren.“
© Universitätsklinik Frankfurt

Herr Professor Bojunga, wie erklären Sie sich die zunehmenden Klagen über Stress und die damit verbundenen Krankschreibungen?

Fraglos nimmt Stress heutzutage einen immer größer werdenden Stellenwert ein und wird dadurch mehr und mehr zu einem Problem, das gesundheitlichen Schaden anrichten kann. Zum einen haben wir mehr Stress als früher, zum anderen aber auch einen veränderten Umgang damit und eine andere Wahrnehmung von Stress. Die gestiegene soziale Erwartungshaltung spielt dabei eine wichtige Rolle. Stress scheint häufig dazuzugehören im heutigen Arbeitsleben, fast schon vergleichbar mit einem Statussymbol. Denn wer Stress hat, hat viel zu tun und ist damit wichtig. Hinzu kommt die zunehmende Digitalisierung. Nahezu alles wird heute erfasst, gemessen und ausgewertet – vom Schrittzähler bis hin zu Facebook-Likes. Auch das kann Stress verursachen.

Was passiert denn bei einer Stressreaktion?

Vielleicht vorweg: Stressreaktionen besitzen in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine durchaus sinnvolle Funktion. Denn das Freisetzen bestimmter Hormone ermöglichte unseren urzeitlichen Vorfahren, in bedrohlichen Situationen schnell flüchten oder auch kämpfen zu können gemäß dem Motto „fight or flight“. Aber heutzutage geht es ja nicht mehr um eine Kampf-Flucht-Situation, bei der die freigesetzten Stresshormone dann durch körperlichen Einsatz auch wieder abgebaut werden. Denn es wird nicht mehr geflüchtet oder gekämpft, sondern der Stress entsteht mittlerweile am Schreibtisch oder in den eigenen vier Wänden und findet wenig Abbaumöglichkeiten. Die Auslösesituation und Stressreaktion passen nicht mehr zusammen.

An einer Stressreaktion sind sowohl Hormonorgane und das sympathische Nervensystem beteiligt. Das sind zum Beispiel der Hypothalamus, die Hypophyse sowie die Nebenniere mit diversen Hormonausschüttungen (u.a. CRH, ACTH, Vasopressin, Adrenalin und Cortisol).
Hypothalamus und Hypophyse setzen in bedrohlichen Situationen Steuerhormone frei, die wiederum die Freisetzung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol in den Nebennieren auslösen. Dadurch gerät der Körper in eine Art Alarmmodus. Er läuft quasi hochtourig und ist dadurch in der Lage, hohe Leistungen zu erbringen angesichts eines angestiegenen Blutzucker- und Blutdruckspiegels und erhöhter Aufmerksamkeit samt Aktivierung aller Sinne. Weitere körperliche Reaktionen auf eine direkte Stresssituation: geweitete Pupillen, Muskelanspannung, erhöhte Atem- und Pulsfrequenz, aktivierte Blutgerinnung und vermindertes Schmerzempfinden. Diese Reaktionen werden übrigens unabhängig davon ausgelöst, ob Menschen Stress als positiv oder negativ empfinden.

Gelegentliche Stresssituationen lassen sich nicht immer vermeiden – wo wird es denn kritisch, wann drohen gesundheitliche Auswirkungen?

Stress ist etwas Natürliches und gehört zum Leben! Wie allerdings die Betroffenen ihn wahrnehmen, damit umgehen und welche Lösungsstrategien sie parat haben, entscheidet darüber, ob der Stress als eine Belastung oder vielleicht auch als Motivator wahrgenommen wird.

Kritisch wird es immer dann, wenn andauernd zu viele Stresshormone im Blut kursieren – es also zu andauernd hohen Cortisol- und Adrenalinspiegeln kommt, der Betroffene keine Möglichkeiten zur Problemlösung hat und es keinen Freiraum für eine Erholung gibt

Probleme können also insbesondere dann auftreten, wenn Stress nicht eine zeitlich begrenzte Anspannungssituation darstellt, sondern der Mensch andauernden, langfristigen und wiederkehrenden Stresssituationen ohne Entspannungsphasen ausgesetzt ist. In der Folge fühlen sich die Betroffenen überfordert, blockiert und gehemmt, sie sind gereizt, erschöpft und ängstlich. Jeder kennt jedoch auch Situationen mit zeitlich begrenzter Anspannung, die mit einer gewissen Herausforderung verbunden sind. Ein Sportler vor einem Wettkampf oder eine Mutter vor der Geburt stehen beispielsweise unter hohem Eustress. Der sorgt für zusätzlich freigesetzte Kräfte und manchmal sogar Glücksgefühle.

Inwieweit Stress beim Einzelnen gesundheitliche Probleme bereiten kann, hängt aber letztendlich von der Person selbst ab. Wir wissen inzwischen, dass die genetische Prädisposition, aber auch die Epigenetik dabei einen großen Stellenwert besitzen. Ebenfalls hinein spielen Umweltfaktoren wie die Berufssituation und die schon erwähnte erworbene Fähigkeit der Stressbewältigung. Ein wichtiger Punkt ist hier die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen; also das Vertrauen, dass sich die Probleme des Alltags bewältigen lassen. Diese psychische Widerstandsfähigkeit nennt man Resilienz – etwas, das man auch erlernen kann. Dies sollten idealerweise schon Kinder trainieren, um für spätere Krisenbewältigungen gut gerüstet zu sein!

Die maximale Stressvariante ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die die Betroffenen in eine Art Dauerstress versetzt und häufig psychiatrische Interventionen erfordert.

Welche gesundheitlichen Auswirkungen von Stress sind mittlerweile eindeutig belegt?

Die Liste der stressinduzierten gesundheitlichen Folgen ist lang. Zu den für die Betroffenen direkt spürbaren Auswirkungen, die bei andauernd hohem Stresshormonpegel recht früh auftreten können, gehören Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Depressionen, Ängste und Suchtmittelmissbrauch. Auch Kopf- und Rückenschmerzen zählen dazu. Offenbar besteht auch ein Geschlechterunterschied: Gestresste Frauen klagen eher über Rücken- und Kopfschmerzen, Männer neigen häufiger zu schädlichem Alkohol- oder Arzneimittelkonsum oder Autoaggression bis hin zum Suizid.

Die Aktivierung der Stresshormonachse führt auch zu Veränderungen des Immunsystem. Das Immunsystem kann geschwächt werden mit den entsprechenden Folgen, aber auch eine Fehlregulierung mit vermehrtem Auftreten von Autoimmunerkrankungen ist beschrieben.

Die Langzeit-Auswirkungen eines dauerhaft erhöhten Stresspegels sind vor allem aber Risikofaktoren für typische Volkskrankheiten: für Übergewicht, Hypertonie, Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Ein weiterer und sehr wichtiger Punkt ist der Einfluss von Stress auf das Hormonsystem. Denn hohe Stresshormonspiegel hemmen beispielsweise die Produktion der Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen – mit weitreichenden Folgen. Sexuelle Unlust kann darauf zurückführen sein und verursacht möglicherweise weiteren (Beziehungs)-Stress. Bei Frauen können unter Dauerstress vermehrt Zyklusstörungen bis hin zur Amenorrhoe inklusive damit verbundenem unerfülltem Kinderwunsch auftreten. Untersuchungen belegen, dass Stress auch die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Bei Männern können neben der stressbedingten Unlust Erektionsprobleme auftreten. Außerdem gefährden dauerhaft erniedrigte Sexualhormone die Knochengesundheit.

Gibt es Strategien, die gesundheitsgefährdendem Stress wirklich etwas entgegensetzen können? Die seit Jahren von den Krankenkassen etablierten Maßnahmen scheinen ja bislang wenig Erfolge zu zeigen.

Jeder Mensch ist individuell. Dementsprechend gibt es auch keine Einheitslösung zur Stressbewältigung, die für jedermann wirksam ist. Viele Menschen nutzen körperliche Bewegung zum Stressabbau, dies kommt der ursprünglichen Intention der Stressreaktion und dem Abbau von Stresshormonen auch am nächsten. Andere wiederum finden sich eher in erfüllenden Tätigkeiten wie Ehrenämtern und Hobbys oder beim Meditieren wieder. Schlussendlich geht es immer darum, persönlichen Freiraum zur Erholung, zum „Runterkommen“ zu erlangen. Der Weg dorthin kann aber individuell sehr unterschiedlich aussehen. Inzwischen bieten zahlreiche Krankenkassen Kurse zur Stressbewältigung an, häufig als Entspannungs- und Meditationskurse. Dies ist sicher ein sehr lobenswerter Ansatz. Ich bin mir aber nicht sicher, ob diese Kurse den individuellen Bedürfnissen immer gerecht werden. Neben entspannenden Tätigkeiten benötigen gestresste Menschen vor allem auch die Fähigkeiten, Stresssituation zu bewältigen, damit umgehen zu können – Wichtiges von vielleicht weniger Wichtigem trennen zu lernen. Sie benötigen neben Entspannung also auch eine Art persönliches Handwerkszeug im Umgang mit Stress.

Da die Mehrzahl der Menschen berichtet, dass sie Stress vor allem im Arbeitsleben empfinden, scheint mir dieser Bereich wichtig. Gefragt sind dabei nicht nur die „Stressgeplagten“, sondern auch deren Vorgesetzte. Sie sind ja letztendlich verantwortlich für das Wohl ihrer Mitarbeiter und müssen geschult werden für den Umgang mit Stress am Arbeitsplatz. Das Einbeziehen von Chefs und Kollegen in die Lösung von Stresssituationen am Arbeitsplatz ist oft hilfreich. Und möglicherweise kann es auch einmal sinnvoll sein, Mediatoren hinzuziehen.

Was sollte niedergelassene Mediziner hellhörig machen, an Stress als Auslöser von beschriebenen Krankheitsbeschwerden zu denken? Und wie sollten sie dann reagieren?

Gleich vorweg: Von Messungen der Stresshormonspiegel halte ich wenig. Stress ist keine Labordiagnose. Viel wichtiger ist der persönliche Kontakt zum Patienten mit einem entsprechenden Vertrauensverhältnis. Denn nur dann kann der behandelnde Arzt anhand gezielter Fragen herausfinden, inwieweit Stress als Ursache mancher Beschwerden in Betracht kommt. Das kostet natürlich Zeit, die im Alltag oft nicht vorhanden ist. Aber unterm Strich würde das weit mehr bringen. Und ein vielleicht vernachlässigtes Thema: Auch die behandelnden Ärzte sollten sensibilisiert sein für ihren eigenen Stress, unter dem sie ja durchaus leiden.

24.09.2018 14:06:37, Autor: Jutta Heinze