Kinder mit Hypertonie

Ein Übel bleibt selten allein

Kinder und Jugendliche mit Bluthochdruck haben gegenüber Gleichaltrigen mit normalem Blutdruck ein 2,1fach höheres Risiko für Übergewicht, ein 3,6mal höheres Risiko für abdominale Adipositas und ein 1,5mal höheres Risiko für Insulinresistenz. Zu diesem Ergebnis kam die „PEP Family Heart Studie Nürnberg“, in der 7.076 Kinder und Jugendliche in einem Alter zwischen 3 und 18 Jahren auf acht Risikofaktoren untersucht wurden, z.B. Übergewicht, abdominale Adipositas, Blutfettwerte, Nüchternzuckerwerte. 361 der Teilnehmer hatten Bluthochdruck.

Wer als Kind oder Jugendlicher hohen Blutdruck sowie eine Hypercholesterinämie hat und zudem noch raucht, ist offenbar besonders gefährdet, bereits im mittleren Alter Gedächtnis- und Lernstörungen zu haben.
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Diese Studienergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Untersuchung auf weitere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn bei einem Kind oder Jugendlichen ein Risikofaktor vorliegt, und bei Bedarf einer entsprechenden Behandlung. Die Studie von Professor Dr. Peter Schwandt (Arteriosklerose Präventionsinstitut, München und Nürnberg) und seinen Kollegen wurde auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren sind langfristig nicht allein für das Herz relevant. Denn wer als Kind oder Jugendlicher hohen Blutdruck sowie eine Hypercholesterinämie hat und zudem noch raucht, ist offenbar besonders gefährdet, bereits im mittleren Alter Gedächtnis- und Lernstörungen zu haben – und zwar auch dann, wenn er in der Lebensmitte keine Hypertonie, Hypercholesterinämie oder andere kardiovaskuläre Risikofaktorem mehr hat. Gezeigt hat dies eine Langzeit-Kohortenstudie, die letztes Jahr veröffentlicht wurde.

An der Studie nahmen 3.596 Kinder und Jugendliche, die zu Beginn der Studie (1980) drei bis 18 Jahre alt waren. Die Beobachtungsdauer betrug 31 Jahre. Alle drei bis neun Jahre wurden bei den Studienteilnehmern kardiovaskuläre Risikofaktoren geprüft (Blutdruck, Lipid-Werte, BMI, Nikotin-Abusus). Für unterschiedliche Altersgruppen (6 bis 12 Jahre, 12 bis 18 und 18 bis 24 Jahre) wurde die kumulative Exposition gegenüber den einzelnen Risikofaktoren ermittelt. Bei 2026 Studienteilnehmern (Alter 34 bis 49) wurden dann im Jahr 2011 kognitive Fähigkeiten (etwa Erinnerungs- und Lernvermögen) geprüft. In der Kindheit hoher systolischer Blutdruck, erhöhtes Serum-Gesamtcholesterin und Nikotin-Abusus waren in der Lebensmitte mit verminderten kognitiven Leistungen assoziiert. Dieser Zusammenhang blieb statistisch signifikant, wenn kardiovaskuläre Risikofaktoren der Probanden in ihrem mittleren Alter herausgerechnet wurden.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Übergewicht sind darüber hinaus auch für die Leber der Kinder und Jugendlichen relevant. So leidet laut der Leitlinie „Nicht-alkoholische Fettlebererkrankungen“ etwa jedes zehnte Kind in Deutschland an einer nicht-alkoholischen Fettleber-Erkrankung (NAFLD: nonalcoholic fatty liver disease). Verläuft die Erkrankung schwer, entwickelt sich aus der NAFLD eine „Nicht-alkoholische Fettleberhepatitis“ (NASH: nonalcoholic steatohepatitis). Die Betroffenen laufen Gefahr, eine lebensbedrohliche Leberzirrhose zu entwickeln und mitunter auch an Leberkrebs zu erkranken – ähnlich wie Menschen mit hohem Alkoholkonsum.

„Bei Kindern erfolgt die Diagnose, wenn fünf bis zehn Prozent des Lebergewichts aus Fett besteht“, erklärt Professor Christian Trautwein (Uniklinik RWTH Aachen). Der Gastroenterologe empfiehlt, bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen immer auch eine Fettlebererkrankung abzuklären (Ultraschalluntersuchung, Leber-Enzyme).

„Wir schätzen, dass in Deutschland etwa 4.000 Kinder und Jugendliche direkt von der aggressiv fortschreitenden Verlaufsform bedroht sind“, so der Gastroenterologe. Darüber hinaus kann sich die NAFLD auch im Laufe von Jahrzehnten zu einer NASH entwickeln. Die Patienten haben dann im späten Erwachsenenalter mit den Auswirkungen einer lebenslangen Fehlernährung zu kämpfen, die nicht selten bereits im Kindes- und Jugendalter begonnen hat. Damit es zu solch schweren Verläufen gar nicht erst kommt, sei es entscheidend, frühzeitig gegenzusteuern. „Mit Sport, gesunder Ernährung und einer Normalisierung des Körpergewichts können Patienten bewirken, dass sich die Fettablagerungen in der Leber vollständig zurückbilden“, erinnert Trautwein. „Um der Fettleber-Epidemie und den schweren Folgeerkrankungen zu begegnen, müssen wir aber nicht nur die Patienten frühzeitig behandeln, sondern auch als Gesellschaft aktiv werden“, fordert der Gastroenterologe. „Wir sollten alles dafür tun, dass ein gesunder Lebensstil schon bei den Jüngsten zur Norm wird“.

Dass mit der Prävention der Adipositas und damit auch der Fettleber bereits bei Kleinkindern begonnen werden sollte, lässt sich auch aus einer 2014 publizierten US-Studie mit den Daten von fast 8.000 Kindern ableiten („New England Journal of Medicine“).

Danach sind Kinder, die bereits bei Aufnahme in einen Kindergarten übergewichtig sind, besonders gefährdet, innerhalb von wenigen Jahren adipös zu werden. Nach Angaben der Studien-Autoren waren bei Aufnahme in einen Kindergarten von den im Mittel 5,6 Jahre alten Kindern bereits 12,4 Prozent adipös (über der 95-Perzentile) und 14,9 Prozent übergewichtig (über der 85-Perzentile). Nicht einmal zehn Jahre später, in einem Durchschnittsalter von 14,1 Jahren, waren knapp 21 Prozent adipös und 17 Prozent übergewichtig. Berechnungen ergaben, dass fünfjährige übergewichtige Kinder im Vergleich zu normalgewichtigen Gleichaltrigen ein viermal höheres Risiko haben, innerhalb einer Dekade adipös zu werden (kumulative 9-Jahres-Inzidenz 31,8 versus 7,9 Prozent).

04.09.2018 13:52:48, Autor: Dr. med. Thomas Kron