Geschlechtskrankheiten

Neuer Selbsttest soll Früherkennung verbessern

Ein neuer Selbsttest soll die Früherkennung von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) verbessern. Zusammen mit der AIDS-Hilfe NRW hat das „Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin“ der Ruhr-Universität Bochum dieses Angebot für die Untersuchung zuhause entwickelt. Jetzt soll es flächendeckend in ganz Deutschland eingeführt werden.

Arne Kayer (rechts) entnimmt eine Blutprobe aus seinem Zeigefinger.
© TS, änd

„Es geht darum, Menschen zu erreichen, die wir bislang nicht erreicht haben, weil die Sprache nicht stimmte, die Wege nicht stimmten,“ betonte Professor Norbert H. Brockmeyer bei der Vorstellung des neuen Testangebots anlässlich des weltweiten „Tags der sexuellen Gesundheit am 4. September 2018. „Die Menschen, die in Ostwestfalen-Lippe wohnen, finden andere Angebote vor als die Menschen im Ballungsraum Ruhrgebiet, in Berlin oder München, wo es viele Beratungsstellen gibt“, so der Forschungsdirektor der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum und Ärztliche Leiter des „Walk In Ruhr (WIR) – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin“ mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen bei den STI. Aber auch in Großstädten und Ballungsräumen gebe es Menschen, die Beratungsstellen nicht aufsuchten. „Und da die Zahl der STI in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen ist, werden neue und innovative Angebote gebraucht“, ist Brockmeyer überzeugt. Jährlich würden inzwischen rund 7.500 Syphilis-Erkrankungen, 25.000 Infektionen mit Gonokokken, 250.000 mit Chlamydien und 3.600 mit dem HI-Virus gezählt. Hinzu komme, dass Geschlechtskrankheiten in Deutschland zu spät erkannt werden. „Der Anteil der sogenannten Spätdiagnosen liegt bei 50 bis 60 Prozent.“. Mit dem neuen Selbsttest-Angebot „test it“ soll diese Zahl künftig sinken.

„Das Vorgehen ist simpel“

„Das Vorgehen ist simpel. Das kann jeder durchführen“, erläuterte Brockmeyer. Die Schachtel mit dem Selbsttest-Kit enthält neben umfangreich bebilderten Informationsblättern und Anleitungen alles, um zuhause eine Blutprobe, eine Urinprobe, einen Rachenabstrich und einen Analabstrich entnehmen zu können. Damit seien alle möglichen Infektionswege eingeschlossen, betonte der Mediziner. Die Proben werden dann mit der Post zu einem Labor im ostwestfälischen Bad Salzuflen geschickt, das sie auf HIV, Treponema pallidum (Syphilis), Gonokokken, Chlamydien und Mykoplasmen untersucht. „Damit werden die fünf wesentlichen STI abgebildet“, so Brockmeyer. „Zusätzlich können noch die Nierenwerte bestimmt werden.“ Das sei bei HIV-Infizierten und bei Nutzern der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) wichtig. Die Untersuchungsergebnisse werden anschließend telefonisch von einem Arzt des WIR übermittelt. Damit unterscheidet sich „test it“ ganz deutlich von dem HIV-Selbsttest, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt hat und der ab Herbst dieses Jahres erhältlich sein soll. Denn er soll freiverkäuflich sein und auch ein vorheriger Arzt-Kontakt soll – im Gegensatz zu „test it“ – nicht nötig sein. „Das wird ähnlich sein wie bei einem Schwangerschaftstest“, sagte Arne Kayser von der AIDS-Hilfe Bochum. Dabei werde die Probe zuhause entnommen und man erhalte nach einigen Minuten auch das Ergebnis zuhause. „Und da muss man dann eh noch mal ins medizinische System, um eine Bestätigung des Ergebnisses zu bekommen.“

Ärztliches Beratungsgespräch als Voraussetzung

Wer hingegen den STI-Selbsttest „test it“ bestellen will, kommt um ein ärztliches Beratungsgespräch nicht herum. „Der vorherige Arztkontakt ist wichtig. Das ist Arztrecht und damit unumgänglich. Und dann kann man sich die Test-Kits über das Internet bestellen“, schilderte Brockmeyer. Das geht auch im Abonnement zum Beispiel für ein Jahr, um sich quartalsweise testen zu können. Im Preis von 32 Euro pro Kit ist bereits das Porto für das Einsenden der Proben an das Labor, die Kosten für die Untersuchung der Proben und die Übermittlung des Ergebnisses enthalten. „Der persönliche Kontakt zu einem Arzt ist vorher wie hinterher wichtig“, erklärte Oliver Schubert von der AIDS-Hilfe NRW, der als Zielgruppe für das neue STI-Selbsttest-Angebot vor allem homosexuelle Männer sieht. „Die Menschen werden nicht allein gelassen, bekommen Antworten auf ihre Fragen und in der Ergebnisbesprechung erhalten sie bei einem positiven Befund Informationen über weitere Behandlungsmöglichen und Anlaufstellen.“

Chlamydien-Infektionen: „Das System ist nicht stimmig“

Und das sei wichtig, denn wenn zum Beispiel eine Syphilis diagnostiziert werde, müsse der Betroffene zum Arzt, betonte Brockmeyer. „Aber wenn er Chlamydien hat, können wir ihm ein Rezept schicken und dann nimmt er sieben Tage die Medikamente und damit ist es gut.“ Gerade im Hinblick auf Chlamydien sieht Brockmeyer weiteres Potenzial beim neuen Selbsttest-Angebot. Rund zehn Prozent der Zwanzigjährigen seien mit dem Erreger infiziert, der bei der Geburt auf Neugeborene übertragen werden und bei ihnen schwere Infektionen verursachen kann. „Die Mädchen können sich kostenfrei testen lassen. Aber nur zwölf Prozent von ihnen lassen sich testen.“ Dass sich Jungen und junge Männer nicht kostenfrei testen lassen können, sei „ein Manko in Deutschland“. Das führe dazu, dass sich die Mädchen behandeln ließen, anschließend zu ihrem Partner zurückgingen und sich dann erneut infizierten. „Das System in Deutschland ist nicht stimmig“, kritisierte er.

Große Resonanz auf STI-Selbsttest

Arne Kayser von der Bochumer AIDS-Hilfe sieht weiteres Potenzial für den neuen STI-Selbsttest bei Berufstätigen, „die keine Zeit haben, zum Arzt oder in eine Beratungsstelle zu gehen und sich dort testen zu lassen“. Daher werde jetzt versucht, das neue Angebot „sehr schnell in die Fläche zu bringen“, kündigte Brockmeyer an. Die AIDS-Hilfe, der öffentliche Gesundheitsdienst sowie Ärzte in Klinik und Praxis seien bereits im Rahmen von Fortbildungen informiert worden. „Unser Angebot und ein Pilotprojekt in Bayern sind die einzigen Projekte, die in diesem Kontext laufen.“ Entsprechend groß sei die Resonanz auf „test it“. So hätten bereits die ländlichen Kreise Paderborn und Unna angekündigt, sich dem Projekt anschließen zu wollen, um Risikogruppen besser zu erreichen. Außerdem habe das Gesundheitsamt des Kreises Olpe im Sauerland das Präventionsangebot angefragt sowie niedergelassene Gynäkologen, Urologen, Dermatologen und Hausärzte aus dem gesamten Bundesgebiet.

STI-Selbsttest wird evaluiert

Darüber hinaus soll das Projekt wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. „Wir werden überprüfen, ob wir die Menschen mit dem Test erreichen, die wir erreichen wollen“, erläuterte Brockmeyer Dazu wurde ein spezieller Online-Fragebogen entwickelt, der die Akzeptanz und die Umsetzbarkeit des Selbsttest-Angebotes erfassen soll. Mit Hilfe der anonym erhobenen Daten soll es dann möglich sein, das Angebot entsprechend anzupassen und zu optimieren. Wann erste Ergebnisse der Evaluation vorliegen werden, ist noch unklar.

03.09.2018 16:35:55, Autor: Aus Bochum berichtete für den änd: Thomas Schwarz