Metaanalyse

Vitamin-Pillen nutzlos gegen Schlaganfall und Herzinfarkt

Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralien senken nicht das Risiko, an einem Hirninfarkt oder einer Herzkrankheit zu sterben. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Übersichtsstudie mit mehr als zwei Millionen Teilnehmern. Verbraucher sollten ihr Geld deshalb lieber in einen Sportverein investieren und auf eine gesunde Ernährung achten, raten Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG).



Trotz mehr als dürftiger wissenschaftlicher Nutzen-Belege ist die Selbstmedikation mit Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln in den letzten Jahren zunehmend beliebter geworden.
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Trotz mehr als dürftiger wissenschaftlicher Nutzen-Belege ist die Selbstmedikation mit Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) in den letzten Jahren zunehmend beliebter geworden, auch in Deutschland. Die steigende Tendenz belegt unter anderen eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Nach Angaben der Autorin Dr. Hildtraud Knopf „weist in Deutschland die Selbstmedikation mit Vitamin-, Mineralstoff-Präparaten und NEM eine hohe Prävalenz auf, die im zeitlichen Verlauf signifikant zugenommen hat“. „Der Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln ist weltweit zu einem milliardenschweren Markt angewachsen, denn immer mehr Menschen greifen aus gesundheitlichen oder ästhetischen Gründen zu NEM, zunehmend auch Sportler. Im Breitensport nehmen schätzungsweise 50–85 % und im Leistungssport 35–100 % der Befragten NEM ein, vor allem Letztere greifen deutlich regelmäßiger darauf zurück“, berichtet auch ein Autorenteam um Professorin Maria Kristina Parr von der Freien Universität Berlin im Bundesgesundheitsblatt.

In Deutschland setzte der Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin A, C, D und E, mit Kalzium, Magnesium oder Eisen im Jahr 2015 laut Verbraucherzentrale Bundesverband rund 1,1 Milliarden Euro um. Dass dieses Geld schlecht angelegt ist, bestätigt nun eine Metaanalyse zum Einsatz der Präparate gegen Schlaganfall und Herzinfarkt.

Insgesamt 3249 Studien aus den Jahren 1970 bis 2016 haben US-Mediziner um den Kardiologen Dr. Joonseok Kim, Juniorprofessor an der University of Alabama in Birmingham, für die Metaanalyse berücksichtigt. Um zu klären, wie die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln das Risiko für Schlaganfälle und Herzerkrankungen beeinflusst, analysierten die Forscher 18 besonders hochwertige Studien, an denen insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen teilgenommen hatten.

Sterblichkeit ist mit und ohne Nahrungsergänzung gleich

„Das Ergebnis ist ernüchternd und lautet, dass es keinen Nutzen einer solchen Maßnahme für die Gesamtbevölkerung gibt“, sagt Professor Dr. Peter Berlit, DGN-Generalsekretär und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. Fasst man die Sterblichkeit für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen, so war das relative Risiko (RR) bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln exakt 1,00. Das bedeutet: Es machte keinen Unterschied, ob die Teilnehmer eine Extradosis Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente einnahmen oder nicht. Zum gleichen Ergebnis kamen die Forscher – im Rahmen der statistischen Schwankungen – bei der separaten Betrachtung von kardialer (RR 1,02), Tod durch Schlaganfall (RR 0,95) und der Häufigkeit von Schlaganfällen (RR 0,98).

Lediglich das Risiko für Herzerkrankungen schien mit einem RR von 0,88 für Nahrungsergänzungsmittel zu sprechen. Es besteht aber auch hier kein Zusammenhang: Zieht man lediglich die höherwertigen, sogenannten randomisierten und kontrollierten Studien zur Berechnung heran, ergibt sich ein relatives Risiko von 0,97. „Zu diesem unbefriedigenden Resultat kommt noch das alarmierende Ergebnis einer systematischen Metaanalyse von 78 randomisierten Studien aus dem Jahr 2012 durch die Cochrane Collaboration, wonach die Nahrungsergänzung mit Antioxidantien nicht nur nicht hilft, sondern sogar die Sterblichkeit erhöht!“, so Berlit.

Dabei hatten die Forscher sich in der aktuellen Studie die Mühe gemacht, auch Untergruppen zu erkennen, die möglicherweise doch von Nahrungszusätzen profitieren könnten. Das Ergebnis blieb jedoch stets negativ, egal, wie lange die Präparate eingenommen wurden, wie alt die Studienteilnehmer waren, ob Mann oder Frau, Raucher oder Nichtraucher, sportlich oder nicht.

Erst vor wenigen Monaten ergab auch eine Übersichtsarbeit von Wissenschaftlern (Universität von Toronto) den mangelnden kardiovaskulären Nutzen der Nahrungsergänzungsmittel („Journal of the American College of Cardiology“).

Die Autoren werteten197 randomisierte und kontrollierte Studien (Publikationszeitraum Januar 2012 bis Oktober 2017) aus. Die Frage war, ob Nahrungsergänzungsmittel kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sowie kardiovaskulär bedingte Todesfälle und die Gesamtmortalität beeinflussen. Nach Angaben der Autoren fanden sie weder für Multivitamin- und Kalzium-Präparate noch für Vitamin C und D signifikante Belege für einen positiven Effekt auf kardiovaskuläre Parameter und Gesamtmortalität. Für Vitamin-B-Komplexe und Folsäure-Präparate lieferte die Metaanalyse hingegen positive Daten zur Schlaganfall-Reduktion. Die Einnahme von Niacin und Antioxidanzien ging allerdings mit einer erhöhten Gesamtsterberate einher.

Es gibt bessere Investitionen in die Gesundheit

„Mit Multivitamin-Tabletten werden jährlich Milliardenumsätze gemacht, die Metaanalyse zeigt jedoch klar, dass diese Pillen weder Schlaganfälle verhindern noch die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken“,so der 1. Vorsitzende der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG), Professor Dr. Armin Grau, zu der aktuellen Studien-Auswertung: „Von diesen Pillen profitieren nur Hersteller und Verkäufer. Es sei hingegen eindeutig erwiesen, dass Salat, Obst und Gemüse Gefäßerkrankungen entgegenwirkten. „Wenn man schon Geld ausgeben will, dann ist es ist viel lohnenswerter, in einen Sportverein oder ein Fitnessstudio zu investieren als in Vitamine und Mineralstoffe“, rät Berlit.


03.09.2018 12:30:19, Autor: Dr. med. Thomas Kron