ACC-Update zur herzgesunden Ernährung

„Vielen Ernährungshypes fehlt die wissenschaftliche Basis“

Bereits im vergangenen Jahr beschäftigten sich US-amerikanische Wissenschaftler des American College of Cardiology (ACC) mit der Frage, welche Lebensmittel nachweislich einen Benefit fürs Herz bieten und welche Ernährungstipps und -hypes eher keinen Sinn machen oder sogar schaden können. Nun ist Teil zwei des Leitfadens erschienen, der weitere Lebensmittel genauer unter die Lupe genommen hat. Der änd bat Prof. Martin Halle, Internist, Kardiologe und kardiologischer Präventivmediziner DGPG® an der TU München, im Interview um eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und eine Stellungnahme dazu.

Halle: „Wir müssen Patienten über kardioprotektive Stoffe in Nahrungsmitteln aufklären und ihnen konkrete Ernährungstipps an die Hand geben.“
© Peter von Felbert

Herr Prof. Halle, Dr. Freeman und Kollegen beschäftigten sich ja bereits 2017 mit dem Thema herzgesunde Ernährung und bewerteten in einem Review verschiedene Lebensmittel hinsichtlich ihres potenziellen Herzschutzes. Worum ging es dabei genau?

In der primären als auch sekundären Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen spielt die Ernährung fraglos eine entscheidende Rolle. In den Medien kursieren immer wieder Ernährungstrends, die sowohl einzelne Nahrungskomponenten als auch Diäten in den Fokus stellen hinsichtlich ihrer potenziell gesundheitsfördernden oder möglicherweise schädlichen Wirkung. Der wissenschaftliche Hintergrund dazu fehlt jedoch in vielen Fällen. Dieses Review beschreibt detailliert die aktuelle Studienlage von verschiedenen Lebensmitteln, die im Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen in der Diskussion stehen. Im Fokus dabei: Fette/Öle mitsamt ihres atherogenen beziehungsweise herzschützenden Potenzials, Fruchtsäfte/Smoothies, die antioxidative Wirkung von Beeren und grünem Blattgemüse sowie vegane Ernährung.

Das Review spricht vor allem klinisch tätige Ärzte an und enthält dementsprechend wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen zur primären und sekundären Prävention für Patienten mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko.

Was waren die wichtigsten Ergebnisse dieses ersten Konsensuspapiers?

Gleich vorweg: nichts Erstaunliches, sondern eher die Bestätigung von bereits Bekanntem!

Nahrungsfette:
Natives Olivenöl lag unter den Nahrungsfetten bezüglich des kardiovaskulär protektiven Effekts (Reduktion von LDL-Cholesterin und Triglyceriden, Erhöhung HDL) weit vorn und deutlich vor Raps- und Sonnenblumenöl. Letztere konnten aber zumindest das LDL-Cholesterin günstig beeinflussen. Weit weniger gut weg kamen Palm- und Kokosnussöl mit ihrem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren, von deren Verwendung wir aus kardiologischer Sicht abraten.

Beeren und grünes Blattgemüse:
Antioxidantien- und Anthocyanin-reiche Beeren wie Blau- und Erdbeeren scheinen einen protektiven Herz-Effekt zu besitzen und auch den Blutdruck zu senken. Positive Effekte zeigten sich auch bei grünem Blattgemüse wie beispielsweise Spinat. Drei Portionen täglich reduzieren nicht nur das Risiko für Diabetes, sondern in Verbindung mit einer kohlenhydratarmen Ernährung auch für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Hinsichtlich hoch dosierter Antioxidantien wie beispielsweise Vitamin E oder Selen ermittelten die Autoren keinen Benefit für Herz und Kreislauf.

Nüsse:
Mehrere Studien wiesen für Nüsse einen lipidsenkenden und kardiovaskulär protektiven Effekt nach. Nicht zu unterschätzen ist allerdings der recht hohe Kaloriengehalt, der in Ernährungsempfehlungen für manche Patienten unbedingt Berücksichtigung finden muss.

Fruchtsäfte und Smoothies:
Beide erfuhren in den letzten Jahren einen großen Hype, obwohl sie gegenüber Obst in seiner natürlichen Form keinerlei Vorteile aufweisen. Man sollte die damit verbundene Kalorienzufuhr ebenso kritisch im Auge behalten wie den möglicherweise enthaltenen Zusatz von Süßungsmitteln.

Spezielle Ernährungsweisen:
Das Review bestätigte ein deutlich erhöhtes kardiales Risiko durch eine fett- und zuckerreiche Ernährung mit viel Frittiertem sowie Eier- und Fleischspeisen. Dagegen zeigt die Studienlage zu einer pflanzenbasierten und somit überwiegend veganen und vegetarischen Ernährung eine deutliche Risikominderung hinsichtlich metabolischen und kardialen Erkrankungen.

Immer mehr Menschen erhoffen sich von einer glutenfreien Ernährung ebenfalls gesundheitspositive Auswirkungen. Dieser Effekt lässt sich wissenschaftlich nicht nachvollziehen. Nur wer nachweislich an einer Glutenunverträglichkeit/Zöliakie leidet, sollte sich glutenfrei ernähren.

Die kürzlich veröffentlichte Arbeit des Bostoner Expertenteams hat sich für Teil 2 weitere Lebensmittel/Ernährungsweisen vorgeknöpft – welche waren das?

In der aktuellen zweiten Übersichtsarbeit ging es beispielsweise um den Effekt von Getränken wie Milchprodukten, Kaffee, Tee, Energydrinks und Alkohol auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Außerdem wurden die wissenschaftlichen Studien zu Hülsenfrüchten, Pilzen, Meeresalgen inklusive anderer fermentierter Lebensmittel und Omega-3-Fettsäuren beleuchtet. Darüber hinaus wiesen die Autoren des Reviews auf die Schädlichkeit von zugesetztem Zucker hin und bewerteten die Einnahme von Vitamin B12-Präparaten.

Gab es auch hier spannende Bewertungen, und möglicherweise sogar solche, die die bisherige allgemeine Einschätzung einer herzgesunden Ernährung auf den Kopf stellen?

Auch in diesem Review gibt es zwar keine ganz neuen Erkenntnisse, jedoch stellt der Artikel eine sehr gute Zusammenfassung der Studienlage bezüglich der verschiedenen Nahrungsmittel im Hinblick auf das kardiovaskuläre Risikoprofil zusammen. Ein guter Leitfaden, um Patienten einen Überblick und individuelle Empfehlungen zu geben, an welcher „Schraube“ man bezüglich der Verbesserung der Ernährung drehen kann! Hier die wichtigsten Ergebnisse zu den im zweiten Review untersuchten Nahrungsmitteln:

Getränke:
Kaffee und Tee wirken kardioprotektiv, dementsprechend gilt die Empfehlung, reichlich davon zu trinken. Studien zeigen, dass gerade ein hoher Kaffeekonsum von mehr als vier Tassen pro Tag das kardiovaskuläre Risiko senken kann. Energydrinks sollten dagegen vermieden werden – aufgrund ihres blutdrucksteigernden Potentials und möglicher weiterer kardialer Nebenwirkungen wie beispielsweise Arrhythmien. Bezüglich Alkohol besteht weiterhin der Rat, den Konsum auf ein niedriges Level von maximal einem Glas pro Tag für Frauen und zwei Gläsern für Männer zu minimieren.

Bei Milchprodukten gibt es keinen einheitlichen Konsens. Es scheint so, dass diese das LDL-Cholesterin erhöhen, jedoch ist die Studienlage bezüglich kardiovaskulärer Effekte nicht konsistent. Als Hauptlieferant von gesättigten Fettsäuren und Natrium empfiehlt sich laut diesem Review eine Reduktion von Vollmilchprodukten zugunsten von fettreduzierten Milchprodukten.

Omega-3-Fettsäuren:
Erneute Bestätigung fanden (marine und pflanzliche) Omega-3-Fettsäuren aufgrund ihres kardioprotektiven Effekts als regelmäßiger Bestandteil der Ernährung.

Hülsenfrüchte/Pilze/Probiotika:
Überzeugend stellte sich die positive kardiovaskuläre Wirkung von Hülsenfrüchten dar, deren regelmäßiger Verzehr mit einem geringeren KHK-Risiko, einer Blutdrucksenkung und verbesserten Glukose- und LDL-Werten einhergeht. Bei der Bewertung von Pilzen zeigte sich ein möglicher protektiver kardiovaskulärer Effekt, jedoch ohne hohe Evidenz der Studienlage. Das gleiche gilt für probiotisch wirkende Seealgen und andere natürliche Probiotika.

Vitamin B12-Supplementierung:
Obwohl Vitamin B12 nachweislich den Homocysteinspiegel senkt, ergaben große randomisierte Studien keinen Benefit durch die Einnahme entsprechender Präparate. Deswegen sollten explizit nur Personen mit einem Vitamin B12-Mangel Supplemente einnehmen.

Wie bewerten Sie als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) die Ergebnisse aus den USA? Würden Sie diese Bewertungen „unterschreiben“ oder sehen Sie etwas anders?

Insgesamt liefert die Arbeit einen guten Überblick über die wesentlichen Nahrungsmittel, die im Zusammenhang mit gesundheitsförderlichen als auch schädigenden Effekten stehen. Bei vielen Nahrungsmitteln wurden Studien mit hoher Qualität (RCTs) durchgeführt, so dass es hohe Evidenz für einen protektiven Effekt gibt.

Wichtig sind immer konkrete Empfehlungen und auch Nicht-Empfehlungen, über die wir die Patienten ebenfalls unbedingt aufklären müssen – beides stellt das Review gut dar.

Was mir jedoch fehlt, sind die Ergebnisse der PURE-Studie, die 2017 im Lancet diskutiert wurden. In dieser Studie zeigte sich eine erhöhte Sterblichkeit bei hohem Kohlenhydratkonsum, wohingegen Fette nicht zu einer erhöhten Gesamtsterblichkeit führten. Außerdem waren Fette nicht mit kardiovaskulären Erkrankungen, Myokardinfarkten und der kardiovaskulären Mortalität assoziiert – die Studie dokumentierte sogar ein inverses Verhältnis von gesättigten Fettsäuren mit dem Auftreten von Schlaganfällen. Dies sind wichtige Ergebnisse, die in einem solchen Artikel nicht fehlen dürfen.

Herzgesunde evidenzbasierte Ernährung – wie sieht die zusammengefasst aus?

Was möglichst oft, und was eher selten auf dem Teller landen sollte, ergibt sich im Prinzip aus den Antworten zuvor. Zusammengefasst heißt das also: Ein ausgewogener Mix aus Kohlenhydraten, Proteinen und hochwertigen Fetten wie Olivenöl, Minimierung des Fleischverzehrs (insbesondere Wurst) und regelmäßige Fischmahlzeiten basierend auf Omega-3-reichen Sorten wie Lachs oder Makrele. Zur täglichen herzgesunden Basisernährung gehören auch Beeren – idealerweise in unverarbeiteter Form –, grünes Blattgemüse und Hülsenfrüchte. Zuckerhaltige Getränke und Lebensmittel sollten hingegen möglichst wenig konsumiert werden, (ungesüßter) Tee und Kaffee dafür gern und reichlich. Maßhalten gilt beim Alkohol, ein moderater Konsum von ein bzw. zwei Gläsern täglich zum Essen (Männer/Frauen) scheint jedoch protektive Effekte zu besitzen.

Darüber, dass in verschiedenen Lebensmitteln kardiovaskulär schützende Stoffe stecken, sollten wir unsere Patienten aufklären. Oft sind es ganz einfache Tipps. Ich rate beispielsweise gerne, „bunt zu essen“ – das heißt, dass von jeder Farbe etwas auf dem Teller sein sollte. Wer diesen Ratschlag bei jeder Mahlzeit beherzigt, nimmt automatisch protektiv wirkende Stoffe zu sich. Grundsätzlich wird eine Ernährungsumstellung nur erfolgen, wenn die Empfehlungen für den Patienten auch längerfristig einzuhalten sind. Das klappt am besten mit kleinen Schritten – man macht nicht von heute auf morgen aus einem erklärten Fleischliebhaber einen Veganer!


02.09.2018 08:53:13, Autor: Jutta Heinze