Ernährungsmedizin

Ungesund sind vor allem Extreme

Laut einer neuen Studie scheint eine Ernährung mit wenig Kohlenhydraten (Low Carb) eher schädlich als nützlich zu sein. Das widerspricht vielen modernen Diäten. Das letzte Wort scheint aber noch nicht gesprochen.

Weniger gesund als viele denken: eine kohlenhydratarme Ernährung.
© Jenifoto/Fotolia.com

Wohl nie zuvor hätten sich die Menschen so stark für ihre Ernährung interessiert wie derzeit. Was sich unter anderem daran zeige, dass immer mehr neue Zeitschriften und Onlineportale dazu konkurrierten, bemerkte einmal Garbor Steingart, der ehemalige Herausgeber des „Handelblatts". So gebe es für Gesundheitsapostel „EatSmarter" und das Veganer-Magazin „Kochen ohne Knochen“. Publizistische Gegenwehr leiste zum Beispiel „Beef“, ein Kochmagazin, das nach eigenen Angaben zeigt, was Männer in der Küche lieben.

Es verwundert daher wohl kaum, dass Ernährungs-Studien immer wieder große Aufmerksamkeit wecken - so auch erneut beim diesjährigen Kongress der europäischen Kardiologen-Gesellschaft in München. Eine Ernährung mit sehr wenig Kohlenhydraten (Low Carb) sei gefährlich und sollte gemieden werden, hieß es dort. „Menschen mit einer Low-Carb-Ernährung haben ein erhöhtes Risiko eines vorzeitigen Todes. Auch die Risiken für individuelle Todesursachen wie Herzerkrankungen, Schlaganfall und Krebs sind erhöht“, sagte Professor Dr. Maciej Banach (Lodz) und begründete diese Aussage mit den Ergebnissen einer eigenen Studie.

Untersucht wurde in der Studie der Zusammenhang zwischen Diäten mit einem niedrigen Kohlenhydrateanteil, der Gesamtsterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bei 24.825 Teilnehmern des US National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) zwischen den Jahren 1999 und 2010. Im Vergleich zu Teilnehmern mit dem höchsten Kohlenhydratkonsum hatten laut Banach innerhalb eines Beobachtungszeitraumes von durchschnittlich 6,4 Jahren jene mit dem niedrigsten Kohlenhydratkonsum eine um 32 Prozent höhere Gesamtsterblichkeit. Das Risiko eines Todes infolge einer Herzkrankheit war den Berechnungen zufolge um 51 Prozent erhöht, einer zerebrovaskulären Krankheit inklusive Schlaganfall um 50 Prozent, und von Krebs um 35 Prozent.

Moderater Konsum von Kohlenhydraten am besten?

Dass eine kohlenhydratarme Ernährung für die Lebenserwartung nicht die beste Wahl zu sein scheint, hat erst kürzlich auch eine andere Studie von US-Wissenschaftlern gezeigt. Hauptresultate der vom US-Staat finanzierten Studie: Eine moderate Kohlenhydratzufuhr ist für die Lebenserwartung einer kohlenhydratreichen Kost überlegen; dies trifft auch für den Vergleich mit einer kohlenhydratarmen Ernährung zu, allerdings nur dann, wenn die Eiweiße und die Fette dieser „Low-carb“-Diät tierischen Ursprungs sind („Lancet Public Health“).

Ausgewertet wurden Daten von 15.428 Erwachsenen (45 bis 64 Jahre), die zwischen 1987 und 1989 bei Aufnahme in die ARIC-Studie (Atherosclerosis Risk in Communities) einen Fragebogen zu ihrer Ernährung ausgefüllt und sich nach eigenen Angaben weder besonders kalorienarm noch kalorienreich ernährt hatten (Männer täglich weder unter 600 kcal noch über 4200 kcal, Frauen weder unter 500 noch über 3600 kcal).

Die Daten der Kohorten-Studie zeigten, dass bei der Kohlenhydratzufuhr der Mittelweg wohl die beste Wahl ist: Teilnehmer mit einer Zufuhr entsprechend einem Anteil von 50 bis 55 Prozent der Gesamtenergie-Zufuhr hatten eine geringere Gesamtmortalität als die Teilnehmer mit einem vergleichsweise geringen Anteil (< 40%) und einem hohen (>70%). Nach Schätzungen der Autoren haben 50-Jährige mit moderater Kohlenhydrat-Zufuhr (50 bis 55%) noch eine Lebenserwartung von weiteren 33 Jahren und jene mit geringer Zufuhr (unter 40%) noch eine Lebenserwartung von 29 Jahre. 50-Jährige mit kohlenhydratreicher Ernährung (über 70% ) leben den Schätzungen zufolge noch 32 Jahre. Eine Metaanalyse bestätigte das Resultat zur geringsten Gesamtmortalität bei moderater Kohlenhydrat-Zufuhr.

Ebenfalls relevant: die Energiequellen

Weitere Analysen zeigten zudem dass es offenbar nicht allein auf die Energiemenge ankommt, sondern auch auf die Energiequellen. Kohlenhydratarme Diäten, in denen die Kohlenhydrate durch Proteine und Fette tierischer Herkunft ersetzt wurden, schnitten beim Parameter „Gesamtmortalität“ schlechter ab als eine Diät mit moderater Kohlenhydrat-Aufnahme. Bei Ersatz der Kohlenhydrate durch Eiweiße und Fette pflanzlicher Herkunft schnitt diese „Low-carb“-Diät am besten ab.

PURE: etwas Fleisch darf doch sein

Eine der Ernährungs-Studien, die seit einigen Jahren immer wieder für besonders große Aufmerksamkeit sorgt, ist die PURE-Studie. Das mag daran liegen, dass es eine wirklich aufwendige weltweite Studie ist, aber vielleicht auch daran, dass Studienleiter Professor Dr. Salim Yusuf (McMaster University, Hamilton, Canada) ein bestens vernetzter Epidemiologe mit überaus guten Beziehungen zu so renommierten Fachblättern wie „The Lancet“ und „New England Journal of Medicine“ ist. Wie schon im Jahr zuvor auf dem europäischen Kardiologen-Kongress in Barcelona sind nun auch in München wieder Daten der PURE-Studie vorgestellt worden.

Die neuen Ergebnisse der Beobachtungsstudie mit mehr als 218.000 Teilnehmern aus über 50 Ländern zeigen: Nicht nur Obst, Gemüse und Nüsse sind gesund, sondern auch nicht-verarbeitetes Fleisch und Milchprodukte können zu einem längeren Leben beitragen. Die konsumierte Menge raffinierter Kohlenhydrate sollte allerdings begrenzt werden. „Diese Ergebnisse dürfen aus kardiologischer Sicht nicht als Freibrief für einen exzessiven Fleischkonsum interpretiert werden – von übermäßigen Fleisch- und Wurstwaren wird ohnehin ausdrücklich abgeraten – sondern als Plädoyer für eine ausgewogene Ernährung“, kommentierte Professor Dr. Ulf Landmesser (Charité). „Bei dieser international angelegten Studie müssen jedenfalls auch regionale Unterschiede bei der Ernährung und bei der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln berücksichtigt werden. In den wohlhabenden Ländern ist insgesamt aus herzmedizinischer Sicht der Fleischkonsum tendenziell viel zu hoch, hier sollte ein höherer Anteil der in der Studie von Prof. Yusuf genannten Bestandteile einer herzgesunden Diät abgestrebt werden: Also Obst, Gemüse, Nüsse, Fisch und Milchprodukte, wobei bei letzteren der Fettanteil nicht zu hoch sein sollte. Zuviel fetter Käse zum Beispiel ist nicht ideal.“

Für die Studie haben Yusuf und seine Kollegen einen speziellen Ernährungsqualitäts-Score entwickelt und die Teilnehmer von insgesamt fünf internationalen Studien nach der Qualität ihrer Ernährung, in fünf Gruppen aufgeteilt. Verglichen wurde schließlich das Risiko der einzelnen Gruppen, an einer Herz-Kreislauf-Krankheit zu erkranken oder daran zu sterben. Die Zusammenhänge zwischen Nahrungsqualität, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Tod wurden zunächst bei 138.527 Menschen zwischen 35 und 70 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Krankheit in der PURE-Studie untersucht. Anschließend wurden die Ergebnisse überprüft bei 31.546 Patienten mit einer Herz-Kreislauf-Krankheit aus der ONTARGET und der TRANSCEND-Studie, 27.098 Patienten mit einem ersten Herzinfarkt aus der INTERHEART-Studie, und 20.834 Patienten mit einem ersten Schlaganfall aus der INTERSTROKE Studie.

Nach einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 9,1 Jahren gab es 6.821 Todesfälle und 5.466 kardiovaskuläre Ereignisse wie Tod durch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, nicht tödliche Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzschwäche.

Menschen mit der qualitativ besten Ernährung hatten nach Angaben von Yusufs Kollege Professor Andrew Mente in der PURE-Studie eine um 25 Prozent geringere Gesamt-Mortalität als Menschen mit der qualitativ schlechtesten Ernährung. Berechnungen zeigten eine inverse Beziehung zwischen Qualität der Ernährung und Gesamt-Sterblichkeit. Zwischen schweren kardiovaskulären Erkrankungen und Qualität der Ernährung wurde in der PURE-Studie hingegen kein signifikanter Zusammenhang festgestellt. Die Auswertung der ON-TARGET-Daten bestätigte dann diese Ergebnisse: Um so besser die Ernährung, desto größer die Lebenserwartung. Und: Auch diese Analyse ergab keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Diät-Qualität und kardiovaskulären Erkrankungen. Ein solcher Zusammenhang wurde nur in den Studien INTERHEART und INTERSTROKE festgestellt.

Wie so viele Ernährungs-Studien nur eine Beobachtungs-Studie

Insgesamt scheinen diese Ergebnisse am ehesten für eine ausgewogene Ernährung zu sprechen, bei der Extreme vermieden werden. Auch bei der Ernährung liegt vermutlich das Glück in der Mitte. Allerdings sollten die Ergebnisse nicht überinterpretiert werden. Die Autoren selbst haben mehrfach darauf hingewiesen, dass ihre Ergebnisse auf einer reinen Beobachtungs-Studie basierten; in solchen Studien könnten zum einen keine Kausal-Zusammenhänge belegt werden; zum anderen seien solche Studien anfällig für so genannte „Verzerrungen“ (Bias). Zu bedenken ist zudem, dass die Daten wie bei vielen Ernährungs-Studien mit Fragebögen gewonnen wurden. „Ich denke nicht, dass PURE das letzte Wort ist,“ bemerkte letztes Jahr sogar Studienleiter Salim Yusuf, der selbst schon öfter offizielle Ernährungs-Empfehlungen als unzureichend begründet kritisiert hat. Für die meisten Empfehlungen zum Salz-, Kohlenhydrat- und Fett-Konsum gebe es keine ausreichende Evidenz, so Yusuf zum Beispiel Anfang 2017 in Davos bei einer Veranstaltung der Europäischen Kardiologen-Gesellschaft und des „Zurich Heart House“.

29.08.2018 12:14:59, Autor: Dr. med. Thomas Kron