Der Arzt als Abzocker?

Darum schimpfen die Kassen auf IGeL-Leistungen

Jedes Jahr beziehen die niedergelassenen Ärzte verbale Prügel vom „IGeL-Monitor“. Was aber steckt dahinter? Hat das Vorgehen Methode?

Geldgierige Ärzte, die den Patienten ohne Rücksicht auf Verluste teure Zusatzleistungen aufdrängen: Es ist ein Horrorszenario, das der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes, Dr. Peter Pick, vor kurzem malte. Bis zu 40 Prozent der Ärzte seien solche „IGeL-Könige“, die Patienten mit nutzlosen oder gar schädlichen Angeboten das Geld aus der Tasche ziehen wollten.

Es ist schon fast ein Ritual: Jedes Jahr veröffentlicht der „IGeL-Monitor“ seinen Bericht zu Selbstzahlerleistungen. Und jedes Jahr lautet das Ergebnis: Die Ärzte sind Abzocker, denen es mehr ums Geld als um das Wohl der Patienten geht.

Glaubt man den Berichten, werden jeden Tag zahlreiche Patienten in den Praxen mit Klemmbrett und Stift förmlich überfallen und dazu genötigt, eine Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) zu kaufen. Noch dazu eine, deren medizinischer Nutzen nicht erwiesen sei, empören sich die Wissenschaftler des „IGeL-Monitors“. Sie nehmen regelmäßig Selbstzahlerleistungen unter die Lupe. Das Urteil lautet fast immer: kein Nutzen! Oft sogar: eher schädlich!

Warum aber sollte ein Arzt zu einer Untersuchung oder Behandlung raten, die keinen Nutzen hat oder gar schadet? Aus reiner Geldgier? Sicherlich, auch bei den Ärzten mag es schwarze Schafe geben, wie in jedem Berufsstand. Doch die große Mehrzahl der Ärzte ist ja gerade angetreten, um Menschen zu helfen – und nicht, um möglichst viel Geld zu scheffeln. Was also steckt hinter dem Horrorbild, das da gezeichnet wird?

Das Kassen-Mantra „Wir bezahlen alles, was Ihr Arzt für nötig hält“ kennen Ärzte und Patienten. Doch das Versprechen stimmt nicht. „Alles“ zahlen die Kassen nämlich keinesfalls. Das dürften sie auch gar nicht. Denn das Sozialgesetzbuch legt fest, dass eine Behandlung auf Kassenkosten „wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig“ sein muss. Dass der Patient die bestmögliche Behandlung bekommen muss, steht dort leider nicht.

Dennoch halten die Kassen an ihrer „Wir zahlen alles“-Rhetorik fest und bemühen sich, den Schwarzen Peter den Ärzten zuzuschieben. Also: Zahlt eine Kasse eine Leistung nicht, darf sie der Kassenlogik zufolge auch nicht gut und wichtig sein.

Welche Rolle spielt nun dabei der „IGeL-Monitor“? Finanziert wird er vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Eben jenen Krankenkassen, die genau die Behandlungen nicht bezahlen, die Ärzte dann als IGeL anbieten müssen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

30.08.2018 11:37:30, Autor: Kathrin Schneider