Wenn die Arztpraxis geschlossen hat

Der Rund-um-die-Uhr-Notruf

Dr. Mehdi Sedighian ist einer von 350 Ärzten, die – im Schichtbetrieb – in den drei Hamburger Notfallpraxen arbeiten.

Noch immer wählen viele Patienten abends oder am Wochenende den Weg in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses. Die Folge: lange Wartezeiten, gefrustete Patienten und überlastete Ärzte. Dabei könnte oft schon ein Hausarzt helfen. Die niedergelassenen Kassenärzte wollen das Problem jetzt lösen – mit der bundesweit gültigen Notrufnummer 116 117.

Für Hypochonder muss dieses Versprechen verlockend klingen: „Ärztliche Hilfe. Immer. 116 117.“ Für alle normal veranlagten Patienten verspricht der Slogan, mit dem Hamburgs Kassenärzte für ihren neuen Service, den „Arztruf Hamburg“, werben, zumindest Sicherheit und Bequemlichkeit, wenn sie einen Arzt benötigen. Die Vertretung der Kassenärzte in der Hansestadt, die Kassenärztliche Vereinigung (KV), will Patienten künftig nämlich dort abholen, wo sie sich befinden, wenn der innere Ruf nach einem Arzt lauter wird – auch auf dem Sofa.

Ein Zugeständnis an gestiegene Ansprüche – in Zeiten, in denen das Internet rund um die Uhr Lösungen für fast alles verspricht. „Wir haben einfach auf das veränderte Anspruchsdenken der Patienten reagieren müssen“, sagt Hamburgs KV-Chef Walter Plassmann. „Menschen nehmen medizinische Leistungen heute anders in Anspruch als früher. Sie wollen schnelle Hilfe, wenn sie ein Problem haben – auch am Abend, an Feiertagen oder am Wochenende.“

So funktioniert der Arztruf

  • Der Patient wählt die 116 117.
  • Er landet in der Leitstelle der Kassenärzte und bekommt dort eine telefonische Beratung. Ein Arzt oder geschultes medizinisches Fachpersonal entscheidet, wie es weitergeht.
  • Entweder bekommt der Patient einen Hausbesuch durch den fahrenden Notfalldienst.
  • Oder er wird zur Behandlung in eine Notfallpraxis weitergeschickt.
  • In weniger dringenden Fällen kann der am Telefon beratende Arzt gegebenenfalls auch einen Termin bei einem Facharzt vermitteln.
  • In lebensbedrohlichen Notfällen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt dagegen sollten Patienten wie bisher die 112 anrufen.

Dr. Mehdi Sedighian ist einer von 350 Ärzten, die im Schichtbetrieb für den Notfalldienst der KV Hamburg arbeiten. Heute an einem heißen Mittwochnachmittag, die Praxen seiner Kollegen sind mittlerweile geschlossen, schiebt er Dienst in der Notfallpraxis im Stadtteil Farmsen. Gerade hat er einem Mitte 30-Jährigen mit starken Schmerzen im Knie Schmerztabletten verschrieben und ihn an einen niedergelassenen Orthopäden weiterverwiesen. Jetzt kümmert er sich um einen Jungen mit einem eingewachsenen Zehennagel. Alles nichts Dramatisches also und keine Fälle für die Notaufnahmen der Kliniken.

Ein Gutachten, das Hamburgs Ärzte in Auftrag gegeben hatten, belegte jüngst, dass jeder dritte Patient, der die Notaufnahme eines der Krankenhäuser in der Hansestadt aufsucht, eigentlich besser in einer Haus- oder Facharztpraxis aufgehoben wäre. Bislang also hat der Drang vieler Patienten in die Notaufnahmen nur für Verlierer gesorgt: bei den Patienten, die über lange Wartezeiten in den oft heillos überfüllten Klinik-Notaufnahmen stöhnen, aber auch bei Ärzten, die nicht selten am Rande der Belastungsgrenze behandeln müssen.

Deshalb gibt es jetzt also den „Arztruf“. Unter der Telefonnummer 116 117 bieten Hamburgs Kassenärzte einen Beratungs- und Terminservice mit Arztgarantie, und zwar nicht nur außerhalb der Praxisöffnungszeiten, sondern 365 Tage rund um die Uhr. Nur für schwere medizinische Notfälle wie Schlaganfälle oder Infarkte bleibt die 112 wie bisher auch erste Wahl.

Wann wähle ich die 116 117?

Die 116 117 ist die richtige Wahl bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden – zum Beispiel hohem Fieber, starken Bauchschmerzen oder Erbrechen. Menschen sollten den ärztlichen Bereitschaftsdienst kontaktieren, wenn sie nachts oder am Wochenende gesundheitliche Beschwerden haben, wegen derer sie normalerweise eine Arztpraxis aufsuchen würden, die Behandlung aber nicht bis zum nächsten (Werk-)Tag warten kann.

Wer in Hamburg die europaweit gültige Rufnummer 116 117 wählt, landet in der Notdienstzentrale. Dort entscheidet medizinisch geschultes Personal – meist Krankenpfleger – wie es mit dem Patienten weitergeht. Entweder bekommt der Anrufer einen Rückruf von einem Arzt oder Besuch vom fahrenden Notdienst, der rund um die Uhr unterwegs ist. Oder die Mitarbeiter in der Notdienstzentrale empfehlen dem Patienten, eine der KV-Notfallpraxen in der Stadt aufzusuchen.

Dann landen sie an diesem Nachmittag bei Mehdi Sedighian. Drei- bis viermal im Monat schiebt der Hausarzt, der im Stadtteil Billstedt eine eigene Praxis betreibt, Dienst in der Notfallpraxis Farmsen. Er begrüßt den neuen Service, findet es gut, dass sich die Kassenärzte den veränderten Bedürfnissen der Patienten anpassen. „Die neue Notrufnummer spricht sich langsam bei den Patienten herum“, sagt er. Die Anruferzahlen steigen – langsam zwar, aber stetig, bestätigt die KV. Vor allem freitagabends und am Wochenende rennen die Patienten Sedighian und seinen Kollegen in der Notfallpraxis die Bude ein. „Wenn wir Samstag um 10 Uhr öffnen, reicht die Warteschlange schon mal bis zum Getränkemarkt um die Ecke“, berichtet die Mitarbeiterin an der Anmeldung.

Dabei soll der neue Notfalldienst nur für akute Erkrankungen gelten, betont die KV. Wer also einfach nur einen Termin für eine Routineuntersuchung bei seinem Hautarzt haben möchte, muss sich wie bisher zunächst an seinen Hausarzt und dann an die Terminservicestelle der KV wenden. Nicht jeder Patient hält sich daran. Hausarzt Sedighian berichtet von Patienten, die mit Hautproblemen in die Notfallsprechstunde zu ihm kommen, da sie keinen Termin bei ihrem Hautarzt bekommen oder erst in einigen Monaten.

Die KV hofft, mit ihrem neuen Service jährlich 60.000 Hamburger mit kleineren Wehwehchen davon abhalten zu können, in die Notaufnahmen der Kliniken zu laufen. In dieser Größenordnung, hatte die Studie ergeben, verstopfen Versicherte jedes Jahr unnötig die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Mit dem Arztruf können sie sinnvoller versorgt werden, hoffen die Kassenärzte. Ihr neuer Rund-um-die-Uhr-Notruf soll die überfüllten Notaufnahmen in Krankenhäusern um 30 Prozent entlasten.

Wann wähle ich die 112?

Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, akuten Blutungen, starken Herzbeschwerden, schweren Störungen des Atemsystems, Komplikationen in der Schwangerschaft und Vergiftungen unbedingt die 112 wählen. Der Rettungsdienst ist rund um die Uhr bei medizinischen Notfällen im Einsatz und innerhalb kürzester Zeit beim Patienten.

Einen Monat nach Beginn der Aktion spüren die Hamburger Kliniken davon allerdings noch nichts: „Die Patientenzahl in der zentralen Notaufnahme des UKE ist zurzeit im Vergleich zu den Vorjahren gleichbleibend hoch“, sagt Saskia Lemm, Pressesprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Faktoren, die den Patientenzulauf in die Notaufnahme beeinflussen, seien vielfältig. Nach dieser kurzen Anlaufzeit sei es darum nicht möglich, den Einfluss des „Arztruf Hamburg“ auf die Patientenzahlen in der Notaufnahme des UKE zu beurteilen.

Ähnlich sieht das Mathias Eberenz, Pressesprecher der Asklepios Kliniken, des größten Krankenhausbetreibers in Hamburg: „Vor allem junge Patienten und Patienten mit Migrationshintergrund kennen die Nummer 116 117 nicht, berichten Ärzte und Pflegekräfte in den Notaufnahmen. Sicherlich dauert es noch einige Monate, bis sich das neue, erweiterte Angebot der KV herumspricht.“ Einig sind sich die beiden Sprecher jedoch darin, dass sie die Initiative für sinnvoll halten – und auf eine Entlastung für die überfüllten Notaufnahmen hoffen, sollte sich die Nummer weiter verbreitet haben.

Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass diese Hoffnung nicht unbegründet ist: Die Niederlande und die Schweiz etwa hätten gute Erfahrungen mit dem Service gemacht, so KV-Chef Plassmann. „Jedem dritten Patienten reicht dort schon das Gespräch mit einem Arzt.“ Sie verlangten danach keine weitere Behandlung.

Was tun aber Menschen, die nicht in Hamburg wohnen? Haben auch sie die Möglichkeit, den Rund-um-die-Uhr-Arztruf zu nutzen? Ja, auch diese Patienten können die kostenlose 116 117 wählen, wenn die Arztpraxis um die Ecke schon geschlossen hat. Anrufer landen auch in allen anderen Bundesländern bei den Leitstellen der Kassenärztlichen Vereinigungen. Auch dort hilft medizinisch ausgebildetes Personal weiter und nennt die nächstliegende Anlaufpraxis. Diese Stellen sind gleichmäßig übers Land verteilt. Sie befinden sich in der Regel in Krankenhäusern. Wenn Patienten die Anlaufpraxis aus gesundheitlichen Gründen nicht aufsuchen können, kommt ein Arzt nach Hause. Gegebenenfalls werden Anrufer auch telefonisch mit einem diensthabenden Arzt verbunden. Die Zeiten, in denen man als Patient sein Wochenende in der überfüllten Klinik-Notaufnahme verbracht hat, sollten also endgültig der Vergangenheit angehören.


durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

30.08.2018 11:38:02, Autor: Marco Münster, Rasmus Cloes