Patientendaten

Der holprige Weg zur E-Akte

Vergangenheit
© pagnacco/Fotolia.com

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – das betrifft auch diverse elektronische Patientenakten, die derzeit auf den Markt drängen. Bis zum sinnvollen und einheitlichen Konzept, wie es der Politik vorschwebt, dauert es offensichtlich noch eine ganze Weile. Bis dahin gilt: Der beste Datenmanager für persönliche Gesundheitsinformationen ist nach wie vor der vertraute Arzt in der Praxis.

Die Grundidee klingt schon vielversprechend: Kommt der Patient in die Praxis oder die Klinik, kann der Arzt direkt auf Knopfdruck alle wichtigen Infos zu Vorbehandlungen, Allergien, Arzneimittelunverträglichkeiten, Röntgenbildern oder Blutwerten aufrufen. Und nicht nur das: Auch der Patient sieht und verwaltet daheim vorm Rechner seine kompletten Gesundheitsdaten. Die elektronische Patientenakte soll all das ermöglichen.

Grund genug für die Politiker der Regierungsparteien, die Akte als großes Projekt im aktuellen Koalitionsvertrag zu verankern. Schließlich liegt Digitalisierung voll im Trend. Schon bis zum Ende der Legislaturperiode soll jeder Patient in Deutschland die Möglichkeit haben, eine solche elektronische Patientenakte zu nutzen, heißt es im Regierungspapier.

Hinter vorgehaltener Hand können Insider über diesen Zeitplan allerdings nur lachen. Die nötigen Vorarbeiten sind noch nicht einmal annähernd abgeschlossen: Das System hinter der elektronischen Gesundheitskarte – die sogenannte Telematikinfrastruktur (TI) – ist noch nicht startklar. Die TI soll aber als Basis und Datenautobahn für die Patientenakten dienen. Technische Pannen und Organisationsprobleme verzögern die Entwicklung jedoch immer weiter. Der Technik-Wildwuchs im deutschen Gesundheitssystem macht die Sache auch nicht einfacher: Es gibt unzählige Softwarelösungen in den Arztpraxen und Kliniken, verschiedenste Schnittstellen und Datensätze. Eine Patientenakte zu bauen, die mit allen Strukturen kompatibel ist, wird zur Mammutaufgabe.

Fernab des staatlichen Großprojekts gibt es jedoch schon viel Aktivität. Unzählige große und kleine Firmen versuchen ihr Glück – und hoffen auf das dicke Geschäft mit den Patientendaten. Selbst Großkonzerne wie Amazon und Google basteln an eigenen Gesundheitsakten. Auch einzelne Krankenkassen präsentierten schon eigene Lösungen. Die Auswirkungen sind ebenso vorhersehbar wie problematisch: Derzeit gibt es schon eine Vielzahl von digitalen Patientenakten auf dem Markt. Jedes Konzept ist anders aufgebaut und die Systeme können nicht miteinander kommunizieren. In den Arztpraxen des Landes führt diese Entwicklung eher zu Kopfschütteln. Wenn irgendwann jeder Patient mit einer anderen elektronischen Patientenakte in die Sprechstunde kommt, bricht das Chaos aus – und die Ärzte verbringen mehr Zeit mit der Datenpflege als mit der Behandlung von Krankheiten.

Zukunft?
© momius/Fotolia.com

Die Datengier der Kassen
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in Berlin warnt daher vor einer Sackgasse. Bei manchen Anbietern spiele das Streben nach Gewinnen eine größere Rolle als der Datenschutz, lautet die Warnung in Richtung Patienten. Und selbst die digitalen Patientenakten der Krankenkassen seien problematisch: Zum einen könnten sie als Instrument genutzt werden, um den Versicherten den Wechsel der Krankenkasse zu erschweren, da sie ihre Daten nicht in ein anderes System mitnehmen könnten. Darüber hinaus erlaubten Behandlungsdaten in solchem Umfang den Krankenkassen fragwürdige Möglichkeiten der Patientensteuerung. „Da ist die Datengier schon groß“, betont KBV-Vorstand Dr. Andreas Gassen. Er plädiert für einheitliche Standards und eine übergreifende elektronische Lösung in der Hand der Ärzteschaft.

Doch selbst dann gäbe es noch viele offene Fragen: Kostet es die Ärzte wichtige Behandlungszeit, wenn sie erst einmal die jahrelang gesammelten Daten einer elektronischen Gesundheitsakte studieren müssen, die dem Patienten zugeordnet ist? Sind die Daten sicher und funktioniert das System auch bei Netzausfällen und auf unterschiedlichen Geräten? Nicht zuletzt gibt es da die Haftungsfrage: Nach den Vorstellungen der Politik soll der Patient selbst entscheiden können, welche Daten er in seiner Akte freigibt – also was dem Arzt angezeigt werden kann und was er nicht sehen soll. „Wenn der Patient wichtige Daten in der Akte für den Arzt unsichtbar macht, darf der Arzt aber nicht haftbar gemacht werden, wenn deshalb etwas passiert“, betont daher KBV-Chef Gassen.

Einen Eindruck, wie sich solche Systeme entwickeln, wenn Gesetzgeber und Industrie ihre Hausaufgaben nicht richtig machen, erhalten gerade die Ärzte in Österreich. Dort gibt es seit Jahren die elektronische Gesundheitsakte „ELGA“ – und die bekommt nach wie vor weder von Patienten noch von Ärzten Applaus: „Die bisherigen Erfahrungswerte zeigen einen enormen zusätzlichen Zeitaufwand und zu viel Bürokratie“, mosert Harald Mayer, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) über das von Ärzten viel kritisierte System. „Dabei muss uns moderne IT helfen, Komplexität zu reduzieren, nicht zu erhöhen.“

Die E-Akte kann nur Ergänzung sein
Für die Ärzte in Deutschland ist daher klar: Der Schritt in die digitale Zukunft darf nicht überstürzt werden. So müsse der Gesetzgeber einen Wildwuchs der Systeme verhindern und die Datensicherheit in den Vordergrund stellen, ist in einem aktuellen Forderungspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu lesen. Wichtig auch: Selbst die beste E-Akte könne den direkten Arztkontakt nicht ersetzen. Sie sei kein Ersatz für die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten sowie den Austausch zwischen Ärzten untereinander. „Die E-Patientenakte ist daher immer nur eine Ergänzung zu bereits bestehenden Dokumentations- und Kommunikationswegen.“


durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

30.08.2018 12:04:46, Autor: Jan Scholz