HIV

„Selbsttests können Aids-Erkrankungen und HIV-Übertragungen verhindern“

Ab Herbst 2018 sollen HIV-Selbsttests auch in Deutschland erhältlich sein. Anfang Juni kündigte Gesundheitsminister Jens Spahn die dafür notwendige Änderung der Medizinprodukteabgabeverordnung (MPAV) an. Eine Entwicklung, die unter anderem die Deutsche AIDS-Hilfe sehr begrüßt. Zu den Hintergründen sowie den Möglichkeiten und Grenzen solcher Selbsttests befragte der änd den Arzt und Gesundheitswissenschaftler Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe.

Schafberger: Der Selbsttest senkt die Hemmschwelle, denn er wird leicht erhältlich sein und man muss sich nicht offenbaren.
© Deutsche AIDS-Hilfe

Herr Schafberger, für wen eignen sich HIV-Selbsttests und wie hoch schätzen Sie den Bedarf an diesem Verfahren ein, das in anderen Ländern wie Frankreich oder England ja bereits etabliert ist?

Der Selbsttest eignet sich für Menschen, die überprüfen möchten, ob sie sich mit HIV infiziert haben und die lieber keine Arztpraxis oder Teststelle aufsuchen möchten – zum Beispiel aus Scham oder Angst, ihr sexuelles Verhalten könnte negativ bewertet werden. Andere schieben den lästigen Test vor sich her. Der Selbsttest senkt die Hemmschwelle, denn er wird leicht erhältlich sein und man muss sich nicht offenbaren. Praktisch ist er auch für Menschen in kleineren Orten, wo die nächste Teststelle vielleicht nicht um die Ecke ist, oder jemand befürchtet, die Anonymität sei nicht gewährleistet.

Der Selbsttest wird dabei andere Testangebote nicht ersetzen. Er ist eine zusätzliche Möglichkeit, um mehr Menschen eine frühzeitige Diagnose und Behandlung zu ermöglichen. Das gleiche gilt für das so genannte Home-Sampling, bei dem man zu Hause Blut- und Urinproben sowie Abstriche nimmt und dann ins Labor schickt; es wird gerade in Bayern erprobt.

Die reguläre Einführung wird außerdem obskuren Angeboten aus dem Internet das Wasser abgraben. Die dort angebotenen Testkits sind oft von mangelhafter Qualität oder nicht für die Selbstanwendung geeignet.

Warum spricht sich die Deutsche AIDS-Hilfe für HIV-Selbsttests aus?

Der Selbsttest wird dringend gebraucht, weil es in Deutschland viel zu viele Spätdiagnosen gibt: Mehr als 1.100 Diagnosen pro Jahr erfolgen erst, wenn Menschen bereits einen schweren Immundefekt haben, 500 davon sogar im Stadium Aids. Das wäre heute durch eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung vermeidbar. Noch eine Zahl gibt zu denken: 12.700 Menschen leben mit HIV, ohne es zu wissen, teils schon seit vielen Jahren. Die Zahl der unwissentlich HIV-Infizierten steigt seit Jahren an.

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen: Der Selbsttest motiviert Menschen zum Test, die sonst keinen machen würden. Bei schwulen Männern erhöht er auch die Testhäufigkeit, wie eine australische Studie gezeigt hat.

Wenn HIV frühzeitig festgestellt und behandelt wird, nützt das einerseits der Gesundheit der Betroffenen. Sie haben heute eine fast normale Lebenserwartung und können leben wie andere Menschen auch. Zugleich verhindert die Behandlung dann weitere HIV-Infektionen. Denn unter gut wirksamer Medikation ist HIV nicht mehr übertragbar.

Wie funktionieren die Selbsttests, worauf ist bei der Auswahl zu achten und was kosten sie?

Bei den zugelassenen Selbsttests handelt es sich um einen Antikörpertest. Für den Test wird etwas Blut aus der Fingerbeere entnommen und in eine Testapparatur gegeben. Ein Streifen in einem Sichtfenster zeigt an, dass der Test funktioniert hat. Erscheint ein zweiter Streifen, weist dies auf Antikörper gegen HIV im Blut hin. Das reaktive Ergebnis muss dann mit einem Western-Blot-Test oder einer PCR im Labor bestätigt werden.

Wichtig: Beim Selbsttest gilt – wie bei jedem Schnelltest – das diagnostische Fenster von 12 Wochen, weil sich Antikörper manchmal erst nach dieser Zeit ausreichend gebildet haben.

Wer den Selbsttest durchführen will, sollte ein Produkt wählen, das in Deutschland als Selbsttest zugelassen ist und das CE-Zeichen trägt. Der Test sollte leicht anwendbar sein und eine Sensitivität von annähernd 100% haben. Diese Kriterien erfüllen derzeit der „Exacto Selbsttest“, der „Autotest VIH“ und der „INSTI“.

Ein HIV-Selbsttest kostet in anderen europäischen Ländern zurzeit meist zwischen 25 und 30 Euro, teils auch mehr. Für manche Menschen ist das zu viel. Die Aidshilfen werden den Test so günstig wie möglich abgeben. Zum Vergleich: Die Kosten in Gesundheitsämtern und bei Testprojekten sind unterschiedlich. Mancherorts ist er kostenlos, ansonsten betragen die Kosten zwischen 10 und 25 Euro. In der Arztpraxis kann er über die Kasse abgerechnet werden – über die EBM-Kennziffer 32006 außerhalb des Laborbudgets.

Wie sieht es mit der Zuverlässigkeit im Vergleich zu den bislang hierzulande üblichen Labortests aus und wie schnell zeigen die Tests das Ergebnis an?

Die erwähnten Selbsttests sind für die Diagnose einer chronischen Infektion etwa genauso zuverlässig wie ein Labortest. Allerdings verlängert sich das diagnostische Fenster von sechs Wochen beim Labortest auf zwölf Wochen beim Selbsttest (wie bei allen Schnelltests). Denn der Labortest weist sowohl Antikörper als auch HIV-Antigen nach und ist daher die bessere Wahl, wenn kürzlich noch ein HIV-Risiko bestand. Verfälschte Ergebnisse durch Anwendungsfehler spielen mit den einfach anwendbaren Selbsttests kaum noch eine Rolle. Das Ergebnis hält man nach etwa einer Viertelstunde selbst in den Händen. Die Wartezeit von einigen Tagen beim Labortest entfällt also. Dafür gibt es eine Zeit der Unsicherheit, wenn ein reaktives Ergebnis durch einen Bestätigungstest verifiziert werden muss.

Positiver Testbefund – was nun?

Wenn der Selbsttest anschlägt, kann in seltenen Fällen ein falscher Alarm dahinterstecken – denn die Tests reagieren sehr sensibel, damit keine Infektion übersehen wird. Bei einer hohen Spezifität von 99,9% wird einer von 1.000 Tests falsch positiv reagieren. Falsch positive Resultate gibt es auch beim Suchtest im Labor. Allerdings kann man dann aus der gleichen Blutprobe sofort einen Bestätigungstest veranlassen. Beim Selbsttest ist die- oder derjenige allerdings mit dem „positiven“ Ergebnis alleine. Wichtig ist nun zu wissen, dass das Ergebnis noch überprüft werden muss. Botschaft: Wenn der Test anschlägt, solltest du sofort einen Arzt aufsuchen und das Ergebnis überprüfen lassen. Wenn du wirklich HIV-positiv bist, kann dir geholfen werden. Wenn nicht, bekommst du rasch Entwarnung. Ganz besonders wichtig: Wer ist einen Selbsttest macht, sollte sich vorher informieren, dass man mit HIV heute gut leben kann. Denn die meisten haben noch viel zu dramatische Vorstellungen im Kopf. Sie sitzen dann mit diesen Vorstellungen alleine da, wenn der Test anschlägt und haben unnötig Angst.

Nicht jeder kann mit schlechten Nachrichten gut umgehen. Gibt es Menschen, denen Sie eher zu einem Labortest als zu einem Selbsttest raten, bei dem der Patient das Ergebnis face-to-face von einer kompetenten Person erfährt und besprechen kann, statt allein das Ergebnis abzulesen?

Wir raten allen Menschen, sich gut zu überlegen, welcher Test für sie am besten geeignet ist. Beratung vor und nach dem Test bieten wir auch online an, per Mail oder im Chat, also auf Wunsch vollkommen anonym und ohne persönlichen Kontakt. Wer einen Selbsttest macht, sollte wissen, wo er oder sie im Ernstfall Unterstützung bekommt.

Natürlich verkraften viele Menschen ein positives Testergebnis besser, wenn sie nicht alleine sind. Aber entscheidend ist, dass es überhaupt erstmal zum HIV-Test kommt. Denn richtig gefährlich ist vor allem eine unbehandelte HIV-Infektion. Die Befürchtung, dass Menschen sich nach der Selbstdiagnose das Leben nehmen könnten, haben sich in anderen Ländern nicht bestätigt.

Wer Sorge hat, sich in den letzten Wochen mit HIV infiziert zu haben, sollte allerdings so schnell wie möglich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Dann ist ein diagnostisches Fenster von 12 Wochen zu lange. Möglicherweise ist ein PCR-Test und eine sofortige Therapie angezeigt.

02.08.2018 13:45:05, Autor: Interview: Jutta Heinze für den änd