Meningokokken-Infektionen

„Wir brauchen landesweiten Impfschutz gegen alle Serogruppen“

Das Centrum für Reisemedizin (CRM) sprach sich kürzlich für einen umfassenden Meningokokken-Impfschutz aus, der über die aktuellen STIKO-Empfehlungen weit hinausgeht. Denn in den vergangenen Jahren kam es zu örtlichen Verschiebungen der jeweils vorherrschenden Serogruppen, vor allem die Serogruppe W breitet sich inzwischen zunehmend auch in westlichen Ländern aus. Die Sächsische Impfkommission hat dem bereits Rechnung getragen und neben der Impfung gegen Typ B eine tetravalente Impfung gegen die Gruppen A, C, W und Y in ihren Impfkalender aufgenommen. Zu den Hintergründen befragte der änd den Vorsitzenden der Sächsischen Impfkommission Dr. Dietmar Beier, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin.

Beier: „Ich wünsche mir einen umfassenden Meningitis-Impfschutz als Kassenleistung.“
© privat

Herr Dr. Beier, wie stellt sich die Meningokokken-Infektionsrate in Deutschland aktuell dar?

Zuerst einmal die gute Nachricht: Unabhängig von der Serogruppe verzeichnen wir bei uns seit Jahren einen Rückgang invasiver Meningokokken-Infektionen. Von fast 600 Fällen in den Jahren 2002/2003 hat sich die Fallzahl im Jahr 2017 auf rund 250 Erkrankungen reduziert. Das liegt zum Teil an der seit 2006 in Deutschland (in Sachsen seit 2003) eingeführten Impfung gegen Meningokokken vom Typ C. Die Impfung – inzwischen eine Kassenleistung – führte 2017 in dieser Serogruppe zu einem Erkrankungsrückgang von 95 Prozent gegenüber dem Jahr 2006.

In Mitteleuropa dominieren Infektionen aus der Gruppe B, die rund 2/3 der Erkrankungen hervorrufen. An zweiter Stelle mit rund 20 bis 30 Prozent liegt (noch) die Serogruppe C mit ihren angesichts der eingeführten Impfung massiv zurückgehenden Fallzahlen.

Aufholen tun hingegen inzwischen vor allem die Serogruppen W und Y, die hierzulande lange Zeit kein Thema waren. Die Serogruppe A kommt in Deutschland inzwischen auch vor, aber eher selten.

Welche regionalen Verschiebungen ließen sich dabei in der Vergangenheit beobachten?

Die Serogruppen sind nicht statisch auf bestimmte Länder verteilt, daher zeigen sich immer wieder regionale und zeitliche Verschiebungen. Ehemals seltene Serogruppen wie W und Y treten daher inzwischen auch vermehrt in Ländern auf, in denen sie jahrelang kaum eine Rolle gespielt haben – zuerst Y, dann W. Die Ausbreitung der Gruppe W nahm ihren Weg über die Sahelzone in Afrika nach Nord- und Südamerika und von dort aus über Nordeuropa inzwischen auch nach Deutschland.

Aktuelle Zahlen dazu: 15 Prozent der Meningitis-Erkrankungen gehen in Großbritannien inzwischen auf das Konto der Serogruppe W, in der Türkei sind es sogar 40 Prozent! Und in den Niederlanden verstarben bereits in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 57 Menschen an Meningitis vom Typ W – mehr als die bereits ebenfalls hohe Zahl für das gesamte Jahr 2017.

Gibt es bei den verschiedenen Serogruppen unterschiedliche Symptome und Verläufe?

Speziell die Serogruppe W nimmt häufig einen sehr schweren Verlauf, der im Vergleich zu durch C oder B ausgelöste Meningitiserkrankungen zu weit mehr Todesfällen führt – durch die Erkrankung selbst oder aber eine dadurch hervorvorgerufene Sepsis.

Wer ist besonders gefährdet, sich mit Meningokokken zu infizieren?

Da gibt es zwei Erkrankungsgipfel. Der erste betrifft Säuglinge und Kleinkinder (bis zirka 5 Jahre). Ein zweiter Erkrankungsanstieg zeigt sich dann bei zwischen 15- bis rund 22-Jährigen. Letzteres liegt vor allem an den vielen Kontakten, die junge Leute besitzen: In Schulen, in der Disco/in Clubs oder durch Auslandsaufenthalte. Viele Länder wie beispielsweise die USA oder Großbritannien verlangen daher für die Einreise inzwischen einen Impfnachweis für die Serogruppen ACWY.

Vor einem geplanten längeren Auslandsaufenthalt und bei Reisen in Endemiegebiete sollte daher jeder die landestypischen Impfempfehlungen überprüfen. Impf-Empfehlungen für die Zielländer finden sich auf den Internetseiten des Auswärtigen Amtes oder auch beim Centrum für Reisemedizin.

Welche internationalen Impfempfehlungen orientieren sich bereits daran?

Großbritannien, Österreich und die Niederlande haben zum Teil seit mehreren Jahren eine tetravalente Impfung (ACWY) gegen Meningokokken installiert – in Österreich und Großbritannien plus einer Impfung gegen Serotyp B. Dies erfolgte meist als Ersatz der vormals dort üblichen Einfach-Impfung gegen die Serogruppe C. Ebenfalls beim Mehrfachschutz mit dabei sind die USA, Argentinien, Italien und Griechenland.

Hierzulande spricht sich die Sächsische Impfkommisssion seit 2014 neben der Meningokokken-C-Impfung auch für eine B-Impfung aus und rät seit 2018 zu einer tetravalenten Konjugatimpfung (A, C, W und Y) plus B. Die STIKO empfiehlt derzeit lediglich die Impfung gegen Typ C. Wieso diese Unterschiede bei gleicher Datenlage?

Die Sächsische Impfkommission ist einfach nur ein wenig schneller als die STIKO. Es ist davon auszugehen, dass die Ständige Impfkommission nachziehen und für alle impf-prävalenten Meningitis-Serogruppen eine Empfehlung aussprechen wird. Als Indikationsimpfung entsprechend angestrebter Reiseziele rät die STIKO ja bereits jetzt dazu, nur im klassischen Impfkalender hat sich die tetravalente Impfung noch nicht etabliert.

Wie stellt sich die Kostenübernahme für den Meningitis-Impfschutz aktuell dar?

Bundesweite Krankenkassen tragen üblicherweise momentan lediglich den Impfschutz gegen Meningitis C. Allerdings gibt es Ausnahmen. Einige Kassen in Sachsen übernehmen bereits jetzt als freiwillige Leistung auch die tetravalente Impfung ACWY plus B.

Es ist unser großer Wunsch, dass dieser Impfschutz landesweit als Pflichtleistung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen Einzug hält. Ich gehe jedoch davon aus, dass der Gemeinsame Bundesauschuss dies nach erfolgter STIKO-Empfehlung durchwinken wird. Aber noch hat die STIKO keine Empfehlung ausgesprochen, und es ist auch schwer einschätzbar, wann dies der Fall sein wird. Zwischen STIKO-Empfehlung und der Umsetzung als Kassenleistung vergehen dann nochmals einige Monate.

08.07.2018 07:02:02, Autor: Interview: Jutta Heinze für den änd