Zu viele Knie-OPs?

„Seit Jahren wird die alternative konservative Behandlung unzureichend vergütet“

In Deutschland würden vorschnell künstliche Kniegelenke eingesetzt, kritisiert die Bertelsmann-Stiftung. Fachgesellschaften halten dagegen: Zum einen lägen die Zahlen im internationalen Durchschnitt. Zum anderen sei es an der Politik, bei der Vergütung umzusteuern.

Eine OP könne unter anderem durch eine hohe Frequenz an Krankengymnastik vermieden werden. Das sei angesichts der Budgets aber oft nicht möglich.
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Betrachte man den Anstieg der Endoprothesenzahlen nicht nur in den letzten drei Jahren, sondern seit 2009, falle die Steigerungsrate deutlich moderater aus und liege mit etwa acht Prozent im internationalen Durchschnitt, betonen die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE), die Deutsche Kniegesellschaft (DKG) und der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Angesichts des demografischen Wandels seien sogar noch höhere Zahlen zu erwarten gewesen.

Die Fachgesellschaften machten sich seit Jahren zum einen für eine qualitätsgesicherte chirurgische Versorgung stark, zum anderen aber auch für gelenkerhaltende Behandlungsmaßnahmen. „Diese Strategie kann aber nur dann noch erfolgreicher sein, wenn die Qualität und konservative Behandlung zukünftig wieder besser vergütet werden“, betont Professor Dr. Carsten Perka, DGOU-Vizepräsident und AE-Präsidiumsmitglied.

Dass auch immer mehr jüngere Patienten sich für eine OP entschieden, sei unter anderem auch durch bessere Ergebnisse zu erklären, meint DGOU-Experte Professor Dr. Klaus-Peter Günther. „Die besseren Ergebnisse führen zu einer verstärkten Nachfrage nach dieser Versorgung auch in dieser Altersgruppe, verbunden mit dem Ziel, wieder voll funktionstüchtig zu werden“, sagt er. Konservative Maßnahmen könnten dies in dieser Altersgruppe meist nicht im gewünschten Umfang leisten.

Aber auch im Vergütungssystem gebe es Gründe: „Seit Jahren wird die alternative konservative Behandlung unzureichend vergütet. Wenn ärztliche Beratung und konservative Maßnahmen nicht angemessen honoriert werden, ist die frühere Entscheidung zum Kunstgelenkersatz keine Überraschung“, betont Günther. Zudem sei nach wie vor die Zahl der Kliniken, in denen Kniegelenkersatz angeboten werde, zu groß.

Eine konservative Behandlung zur Abwendung einer Operation brauche Zeit, sagt auch BVOU-Präsident Dr. Johannes Flechtenmacher. „Patienten mit Arthrose muss man intensiv beraten. Die Zeit dafür fehlt in den stark frequentierten Praxen, sie wird auch nicht vergütet. Und die Budgets erlauben es nicht, so engmaschig wie manchmal nötig Krankengymnastik zu verordnen.“ Einen Ausweg böten derzeit nur Selektivverträge. Die Möglichkeiten der ambulanten konservativen Therapie stünden damit aber „weder flächendeckend noch für alle Versicherten gleichermaßen zur Verfügung“, kritisiert er.

Für die konservative Therapie als auch für Endoprothetik gelte allerdings gleichermaßem: „Hochwertige Medizin ist nicht zum Billigtarif zu haben.“


21.06.2018 09:20:33, Autor: ks