EHEC

„In Deutschland haben wir jährlich rund 1.800 Krankheitsfälle“

Vor rund sieben Jahren sorgen bestimmte Stämme des E.coli-Bakteriums für Panik unter den Verbrauchern: die „Enterohämorrhagischen Escherichia coli“ – kurz EHEC. Als Infektionsquelle kristallisierten sich letztlich Sprossen heraus, die in Niedersachsen aus ägyptischen Bockshornkleesamen gezogen worden waren. Doch auch wenn die Fallzahlen nach der EHEC-Epidemie von 2011 deutlich zurückgegangen sind, gebannt ist die Gefahr einer Infektion mit EHEC keinesfalls. Zum Stand der Dinge und über die Empfehlungen zur Infektionsvorbeugung sprach der änd mit dem Arzt und Epidemiologen Gerhard Falkenhorst von der Abteilung Infektionsepidemiologie des Berliner Robert Koch-Instituts.


Falkenhorst: „Schon geringe Keimzahlen von 10 bis 100 Bakterien können für eine EHEC-Infektion ausreichen.“
© RKI

Herr Falkenhorst, wie haben sich die Zahlen der EHEC-Infektionen seit der Epidemie im Frühsommer 2011 entwickelt?

Die Fallzahlen von 2011 – 4.908 Fälle von EHEC-Gastroenteritis und 880 Fälle der lebensbedrohlichen Komplikation eines hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) mit 58 dadurch bedingten Todesfällen – wurden in den Folgejahren natürlich nicht mehr erreicht. Aber wenn man so will, hatte der Ausbruch den positiven Effekt, dass Patienten mit Gastroenteritis seitdem offenbar häufiger auf EHEC untersucht werden, vor allem auch Erwachsene. In den Jahren 2012 bis 2017 wurden durchschnittlich pro Jahr 1.715 EHEC-Durchfälle und 78 Fälle von HUS diagnostiziert und gemeldet – das sind ca. 75 Prozent mehr EHEC als in den Jahren vor 2011 und 25 Prozent mehr HUS. Und der Anteil der Erwachsenen unter den Fällen stieg in beiden Gruppen deutlich an. Erfreulicherweise ließ sich der besonders virulente EHEC-Stamm, der den Ausbruch 2011 verursacht hatte, seitdem in Deutschland nie wieder nachweisen.

Kleinkinder sind bei schweren Durchfällen besonders durch Dehydratation gefährdet. Auch HUS findet sich vor allem bei Kleinkindern; der 2011er Ausbruchsstamm war da eine Ausnahme, denn er führte vor allem bei Erwachsenen zu HUS.

EHEC treten weltweit auf. Regional ist in Deutschland im Prinzip überall mit EHEC-Infektionen zu rechnen.


Wie zeigt sich eine EHEC-Infektion?

EHEC sind Bakterien, die sogenannte Shigatoxine (Stx 1 und Stx 2, Synonym: Verotoxine) produzieren. Daher bezeichnet man diese Erreger auch als STEC oder VTEC (Shiga-/Verotoxin-produzierende Escherichia coli).

Über eine Schädigung der Darmwand verursachen EHEC Durchfall, der häufig – aber keineswegs immer – blutig ist. Die Inkubationszeit liegt meist bei 3 bis 4 Tagen, kann aber zwischen 2 und 10 Tagen schwanken. Stx 2-produzierende EHEC können aber auch die Nieren schädigen, was dann zu dem gefährlichen Krankheitsbild des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) mit Nierenversagen, hämolytischer Anämie und Thrombopenie führt.


Wo verbirgt sich der Erreger, wie wird er übertragen?

Die EHEC-Infektion ist eine Zoonose. Das heißt, das Erregerreservoir sind hauptsächlich Tiere, vor allem Wiederkäuer.

Dementsprechend erfolgt die Übertragung hauptsächlich durch tierische Lebensmittel wie Rohmilch oder Rinderhack, das roh oder ungenügend durchgebraten verzehrt wird. Auch im Hinblick auf das Risiko einer Infektion mit anderen Gastroenteritis-Erregern wie Salmonellen und Campylobacter sollten solche und andere Nahrungsmittel, die rohes Fleisch enthalten (z.B. Zwiebelmettwurst, Teewurst), in Altenheimen und Krankenhäusern, wo es ja viele immungeschwächte Personen gibt, nicht auf dem Speisezettel stehen. Gar nicht so selten kommt es aber auch zu Ausbrüchen durch pflanzliche Nahrungsmittel, die roh gegessen werden, wie Blattsalate, Blattspinat oder eben Sprossen. Auf welchen Wegen solche pflanzlichen Lebensmittel kontaminiert werden, lässt sich meist nicht genau ermitteln. Es ist aber davon auszugehen, dass die Kontamination durch Fäkalien der oben genannten Wirtstiere erfolgt, möglicherweise auch durch infizierte Menschen in der Lebensmittelverarbeitung.

Bei Kindern spielt auch der direkte Kontakt mit infizierten Tieren eine wichtige Rolle; deshalb sollten Eltern darauf achten, dass sich die Kinder nach einem Besuch im Streichelzoo gründlich die Hände waschen! Auch Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind im Gegensatz zu anderen bakteriellen Gastroenteritis-Erregern ein bedeutender Übertragungsweg – wahrscheinlich begünstigt durch die sehr geringe Infektionsdosis von EHEC (<100 Keime für EHEC Serotyp O157:H7).


In der Landwirtschaft, speziell bei der Produktion von pflanzlichen Bio-Nahrungsmitteln wie Gemüse, kommt oft Gülle als Düngemittel zum Einsatz. Ist damit ein erhöhtes Infektionsrisiko durch die anschließend verzehrte Ernte verbunden?

Bei korrekter Anwendung von Gülle sehe ich da kein Risiko. Bei der Lagerung entwickelt Gülle in der Regel sehr hohe Temperaturen, die Bakterien abtöten. Und so knapp vor der Ernte, dass theoretisch noch enthaltene Erreger an der Ernte anhaften könnten, darf Gülle gar nicht mehr ausgebracht werden. Es hat aber EHEC-Ausbrüche durch pflanzliche Lebensmittel gegeben, wo bei lokalen Überschwemmungen von Ackerflächen, z.B. bei Starkregen, Pflanzen mit fäkal kontaminiertem Wasser in Kontakt gekommen sind. Diese vor dem Verzehr zu schälen oder gut zu waschen, reduziert das Infektionsrisiko.


Wie können sich Verbraucher vor einer EHEC-Infektion schützen?

EHEC können in rohen tierischen oder pflanzlichen Lebensmitteln enthalten sein. Obst und Gemüse sollte man gründlich waschen und/oder schälen. Wer Lebensmittel roh verzehren möchte, sollte Bedingungen vermeiden, die EHEC und anderen Bakterien die Gelegenheit bieten, sich auf oder in den Lebensmitteln weiter zu vermehren, z.B. eine längere ungekühlte Aufbewahrung. Das BfR rät: Eine Erhitzung der Speisen für mindestens 2 Minuten auf mindestens 70°C tötet die Erreger zuverlässig ab. Auch pasteurisierte oder ultrahocherhitzte Milchprodukte sind sicher. Tieffrieren oder Austrocknen macht den Erregern dagegen wenig aus.

Gerade kleine Kinder infizieren sich oft mit EHEC aus der Umwelt, z.B. auf landwirtschaftlichen Nutzflächen, von Tieren oder durch engen (Spiel-)Kontakt mit bereits infizierten Kindern.

Patienten mit EHEC-Durchfall sollten auch zuhause sehr auf die Toilettenhygiene achten, sich nach jedem Toilettengang gründlich die Hände waschen und ggf. eine für sie reservierte Toilette im Haushalt nutzen. Ist ein Kind erkrankt, sollten die Eltern die Händehygiene des Kindes überwachen und begleiten und so zum Beispiel Geschwisterkinder schützen. EHEC-infizierte Personen sollten auch im Haushalt nach Möglichkeit keine Speisen für andere zubereiten.


Welche Symptome oder Symptomkombinationen sollten einen Arzt Richtung „EHEC“ hellhörig machen und was sind dann die erforderlichen nächsten Schritte?

Bei anhaltenden Durchfällen oder solchen mit Blutbeimengung oder begleitendem Fieber sollte eine mikrobiologische Stuhluntersuchung auch Tests auf EHEC umfassen. Eine Antibiotikagabe kann die Erregerausscheidung verlängern, und manche Antibiotika stehen im Verdacht, die Erreger erst recht zum Ausschütten von Giftstoffen anzuregen und so das Risiko eines HUS zu erhöhen. Der Befund „Es handelt sich um eine EHEC-Infektion“ hat oft keine Auswirkungen auf die unmittelbare Behandlung, aber man kann dann im Hinblick auf das HUS-Risiko die Nierenfunktion beobachten – eine rechtzeitige Therapie eines HUS ist sehr wichtig.

Bei EHEC ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung wesentlich häufiger als z. B. bei Salmonellen oder Campylobacter. Einen EHEC-Nachweis muss das Labor, die Diagnose eines HUS der Arzt, dem Gesundheitsamt melden. Dieses veranlasst dann Maßnahmen, um eine Weiterverbreitung möglichst zu verhindern, z. B. indem infizierte Personen, die in der Lebensmittelverarbeitung oder -zubereitung arbeiten, vorübergehend nicht zur Arbeit gehen dürfen. Bei einer Häufung mehrerer Erkrankungsfälle versucht das Gesundheitsamt, die Infektionsquelle zu ermitteln.


Wie schätzen Sie die aktuelle Sensibilisierung bezüglich der Erkrankung bei Medizinern und bei der Bevölkerung ein? Könnte bessere Aufklärung die Zahlen weiter senken?

Ich denke, dass der 2011er Ausbruch sowohl uns Mediziner als auch die Bevölkerung sensibilisiert hat, so dass gerade bei blutigem Durchfall heute eher auf EHEC untersucht wird. Vermutlich hat das zu dem Anstieg der gemeldeten Fälle seit 2012 geführt und nicht eine wirkliche Zunahme an Erkrankungen.

Die wichtigsten Präventionsmaßnahmen sind meiner Meinung nach:

1. Keine Rohmilch trinken, die nicht abgekocht wurde.

2. Nach Kontakt mit Wiederkäuern (z. B. Schafe und Ziegen im Streichelzoo!) immer sofort gründlich die Hände waschen.

3. Immungeschwächte Personen sollten keine Rohwürste, kein rohes Hackfleisch und keine Sprossen essen.

Sprossen stellen ein besonderes Risiko (nicht nur für EHEC, sondern z. B. auch für Salmonellen) dar, weil die feuchtwarmen Bedingungen zum Keimen der Sprossen natürlich auch Bakterien ideale Wachstumsbedingungen bieten.

Eine völlige Elimination von EHEC aus der landwirtschaftlichen Produktion ist unmöglich. Und ein genereller Verzicht auf Rohkostsalate, die ja durchaus gesund sind, ist natürlich nicht sinnvoll. Man sollte auch nicht vergessen: Wir alle essen jeden Tag, und dass wir uns dadurch eine lebensmittelbedingte Infektion zuziehen, ist die absolute Ausnahme – in der Regel bleiben wir gesund!



06.05.2018 10:14:12, Autor: Interview: Jutta Heinze