Psychotherapie per PC

„E-Mental-Health-Interventionen brauchen endlich einheitliche Standards“

Psychische Erkrankungen haben sich zu einem wahren Volksleiden entwickelt. Nach Rückenschmerzen stehen sie bei den krankheitsbedingten Fehltagen hierzulande inzwischen an Platz zwei. Freie Therapieplätze stehen jedoch kaum zur Verfügung, die Wartezeit beträgt oft nach wie vor mehrere Monate. Inwieweit Online-Programme Patienten mit Depressionen, Angststörungen oder auch Essstörungen eine wirksame Alternative bieten können und wo die Grenzen der Psychotherapie per PC liegen, erörterte der änd mit Prof. Dr. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Tübingen.

Zipfel: „Psychotherapeutische Online-Angebote schaffen einen Therapiezugang für viele Menschen, die sonst keine fachliche Hilfe in Anspruch nehmen würden.“
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Herr Prof. Zipfel, bekanntermaßen sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz für viele Patienten mit psychischen Problemen nahezu unzumutbar. Bei welchen Erkrankungen bieten sich Online-Programme an – wahlweise zur Überbrückung oder aber auch als alleinige Alternative?

Es gibt leider bislang nur wenig strukturierte Forschung dazu. Die Ergebnisse, die bislang vorliegen, beziehen sich vor allem auf Untersuchungen zur Wirksamkeit bei Depressionen und Angststörungen und Psychoonkologie. Verschiedene, in der Regel therapeutenunterstützte Programme, konnten hinsichtlich Wirksamkeit und nachhaltiger Effektivität mit konventioneller Psychotherapie gleichziehen. Eine aktuelle große Untersuchung aus Deutschland zeigt bei Essstörungen wie beispielsweise der Binge-Eating-Störung gute Effekte von therapieergänzenden Online-Programmen oder auch bei der Rückfallprophylaxe.

Aktuell laufen Forschungen zum Einsatz von E-Mental-Health-Anwendungen zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen.

Welche digitalen Angebote gibt es bereits und was können sie leisten?

Da gibt es eine ganze Reihe verschiedener Programme, von denen ich hier nur einige näher erwähnen möchte. Ein großer Unterschied liegt beispielsweise darin, ob der Patient beim Durchlaufen der Programme regelmäßige direkte therapeutische Unterstützung und entsprechendes Feedback erhält, oder ob die Angebote ohne einen persönlichen Therapeutenkontakt ablaufen. An manchen Programmen können die Betroffenen anonym und ohne vorherigen Therapeutenkontakt teilnehmen, der Zugang ist also sehr niedrigschwellig. Entsprechend gern werden diese Varianten genutzt, aber auch häufig wieder abgebrochen. Erfahrungsgemäß zeigen Programme mit therapeutischer Unterstützung eine nachhaltigere Wirkung, vor allem bei Depressionen.

Bei diesen therapeutengestützten Anwendungen wiederum unterscheiden wir zwischen synchronen und asynchronen Formen. Die synchronen Varianten entsprechen einer Videotherapie – Therapeut und Patient kommunizieren direkt miteinander oder es finden kleine Online-Gruppensitzungen statt. In Tübingen haben wir hinsichtlich der Video-Gruppensitzungen gute Erfahrungen gemacht mit Patienten nach bariatrischen Operationen.

Die asynchronen Angebote bestehen aus der Übermittlung von strukturiertem Content plus Chatangeboten. Bei Binge-Eating-Störungen hat sich dieses Modell langfristig im Follow-up als genauso erfolgreich erwiesen wie eine Face-to-Face-Therapie, wobei die Live-Therapie schneller Erfolge zeigte als das Online-Angebot.

Und dann gibt es natürlich noch Lernspiele (sogenannte „serious games“), die vor allem bei Kindern und Menschen mit Adipositas auf hohe Akzeptanz stoßen. Spielerisch ist dabei auch Bewegung integriert, um den Abnehmerfolg zu fördern.

Ebenfalls entwickeln wir derzeit ein App-basiertes Tool für Risikoschwangere, bei dem es vor allem um Stressreduktion durch Achtsamkeit geht.

Und dann wären da auch noch die Mobile-Health-Angebote, mit denen man beispielsweise auf dem Handy seine Stimmung tracken und monitoren kann oder aber sich durch Krisen (beispielsweise einen drohenden Essanfall) navigieren kann.

Wo erreichen Online-Angebote ihre Grenzen?

Akute heftige Krisensituationen erfordern meiner Ansicht nach unbedingt einen Direktkontakt zum Arzt und Therapeuten, ebenfalls sehr schwere psychische Erkrankungen.

Außerdem erfordern die digitalen Angebote natürlich eine gewisse technische Affinität der Patienten, die nicht unbedingt jeder hat. Vor allem manche Senioren tun sich schwer damit. Für das Durcharbeiten der Programme bzw. Programmpunkte, die nicht per direkter Videoschaltung zum Therapeuten laufen und die nicht mehrsprachig angeboten werden, sind auch gute Deutschkenntnisse Voraussetzung.

Welche Patienten profitieren besonders von Online-Interventionen bei psychischen Erkrankungen?

Vor allem diejenigen, die sonst keine therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können oder auch wollen. Zum Können: Psychologische Online-Interventionen können beispielsweise die Wartezeit auf einen Live-Therapieplatz sehr sinnvoll und hilfreich überbrücken oder aber auch ortsunabhängig stattfinden. Die Ortsunabhängigkeit spielt beispielsweise für Patienten mit einer Tumorerkrankung, die sich eine psychoonkologische Unterstützung wünschen, oder auch mobil schlecht angebundene oder auch beruflich viel herumreisende Personen (Außendienst) eine Rolle.

Zum Wollen: Manche haben schlichtweg Berührungsängste mit einer klassischen Psychotherapie. Für diese Menschen bieten die Online-Angebote dann eine gute Möglichkeit, einen Einstieg und/oder Hilfe zu finden.

Ganz generell empfehle ich aber vor jeder Online-Intervention eine vorgeschaltete Diagnostik beim Arzt, idealerweise einem Facharzt für Psychosomatische Medizin oder Psychiatrie. Auch der Hausarzt, der seine Patienten oft schon lange kennt und daher gut einschätzen kann, ist ein wertvoller erster Ansprechpartner. Denn nur ein Arzt kann einschätzen, ob möglicherweise eine medikamentöse Unterstützung oder eine weiterführende Diagnostik erforderlich ist – das schafft kein Online-Programm.

Wie finden interessierte Patienten seriöse Angebote?

Genau das ist derzeit das Problem! Es gibt wahnsinnig viele Angebote, aber die wenigsten davon sind evidenzbasiert und wissenschaftlich untermauert und entsprechend überprüft. Im Onlinebereich gibt es kaum eine solide Qualitätssicherung – jeder kann irgendwas programmieren und online stellen. Eine Zertifizierung durch die wissenschaftlichen Fachgesellschaften wäre daher so wichtig, denn bis jetzt haben wir da ein nicht qualitätsgesichertes und sehr weites Feld!

Mein erster Tipp daher: Den Hausarzt als primären Ansprechpartner wählen und ihn und die Krankenkasse auf konkrete passende Programme ansprechen. Viele Krankenkassen bieten zu bestimmten psychischen Problemen spezielle eigene Interventionen an.

Auf jeden Fall sollte der Arzt bei seiner Empfehlung darauf achten bzw. seine Patienten entsprechend beraten, dass hinter den E-Mental-Health-Programmen keine primären ökonomischen Aspekte im Vordergrund stehen und evidenzbasierte Studien dafür herangezogen wurden. Außerdem lohnt durchaus ein Blick ins Impressum der jeweiligen Anbieter.

Eine weitere wichtige Frage ist die Datensicherheit. Ist sie gegeben, muss der Interessent sehr viele persönliche Informationen einfüttern und welches konkrete Programm steckt hinter dem Angebot? Und wer ist verantwortlich und ist jemand erreichbar per Anruf/Mail?

Sie bemängeln die derzeit fehlenden Standards und Zertifizierungen seriöser Online-Psychotherapieprogramme. Warum ist dies noch nicht geschehen, was muss dafür passieren und wer ist verantwortlich?

Auch hier gibt es verschiedene Aspekte. Zum einen müssen wir Mediziner und Psychotherapeuten uns der Herausforderung stellen, mit der gleichen Stringenz moderne Online-Angebote nach vorn zu bringen wie beispielsweise pharmakotherapeutische oder medizintechnische Neuerungen. Denn digital ist nicht nur „sexy“, sondern in vielen medizinischen Bereichen die Zukunft; auch psychotherapeutisch betrachtet.

Damit dies jedoch ankommt, brauchen wir für psychotherapeutische Online-Interventionen unbedingt mehr industrieunabhängige Studien und Förderprogramme, insbesondere für Psychotherapieforschung. Da muss zuallererst einmal die Politik reagieren und unterstützen, danach sind dann die Fachgesellschaften an der Reihe. Bislang gibt es keine klare institutionelle Ebene zur Qualitätssicherung und Zertifizierung – ein großes Manko!

Aber nur mit guter Datenlage besteht die Chance, dass psychotherapeutische Online-Interventionen sich in den Leitlinien etablieren können. Aber so weit sind wir derzeit leider noch lange nicht. Bis dahin müssen wir einfach weiter die bereits vorhandenen guten Angebote noch mehr bewerben und von den betroffenen Fachgesellschaften für einzelne Störungsbilder bewerten lassen.

Denn bei nachgewiesener Wirkung sollten digitale Angebote in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen werden. In Baden-Württemberg ist die Online-Therapie inzwischen in manchen Fällen erstattungsfähig. Wobei natürlich niemand für den damit verbundenen finanziellen Zusatzaufwand für die Anbieter aufkommt wie beispielsweise einen eigenen Server zur Wahrung der Datensicherheit.


02.05.2018 08:48:09, Autor: Jutta Heinze