Humor in der Arztpraxis

Lachen ist die beste Medizin

„Patienten sind meist angespannt, wenn sie zu einer Untersuchung kommen. Humor kann eine Situation sehr schnell entspannen.“ Eva Ullmann, Leiterin des Deutschen Instituts für Humor
© Deutsches Institut für Humor

Ob Angst vor schlimmen Diagnosen oder schmerzvollen Behandlungen – der Besuch in Krankenhäusern und Arztpraxen kann für manche Patienten eine Belastung sein. Humor kann da für Abhilfe sorgen, sagt Eva Ullmann. Im Gespräch mit „durchblick gesundheit“ erklärt die Leiterin des Deutschen Instituts für Humor, warum Komik bei der Genesung helfen kann und welcher Humor besonders gut ankommt.

Frau Ullmann, Sie geben in Seminaren Humor-Nachhilfe für Ärzte. Kann man lernen, lustig zu sein?
Neu lernen muss man das gar nicht. Denn jeder Mensch hat eine Humor-Erfahrung. Wir vertiefen das Thema in unseren Seminaren und schauen: Haben die Teilnehmer eher einen aggressiveren oder liebevolleren Humorstil. Und dann schauen wir: Wie kann man welchen Humor im Patientengespräch anwenden.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn eine Patientin stundenlang auf einen Arzt warten muss und sagt: „Was ist denn das hier für ein Sch...-Laden.“ Dann kann ich das mit einer kleinen Übertreibung entschärfen, etwa indem ich sage: „Oh, machen Sie mich jetzt bitte nicht einen Kopf kürzer. Sie sehen aus, als ob Sie mir den Kopf abreißen wollen. Ich habe jetzt für Sie Zeit.“

Unser Ziel ist es, Humor gezielter in der täglichen Kommunikation einzusetzen. Wir müssen es den Ärzten also gar nicht neu beibringen. Denn in einem Team, das zusammenarbeitet und in dem Vertrauen herrscht, entsteht immer auch Humor.

Welche Rolle spielt die Komik im Gespräch zwischen Arzt und Patient?
Humor kann sehr schnell eine Situation entspannen. Patienten sind ja meist sehr angespannt, wenn sie zu einer Untersuchung kommen, weil sie oft nicht wissen, was sie erwartet. Viele fühlen sich der Situation ausgeliefert. Und da geht es darum, die Therapietreue zu erhöhen – also dafür zu sorgen, dass Patienten die ärztlichen Ratschläge befolgen. Das hat sicher ganz viel mit Erklären zu tun, aber auch damit, die Situation in humorvolle Bilder zu verpacken.

Zum Beispiel?
Manchmal hilft schon ein humorvolles Kompliment. Wenn etwa der Arzt zu einer Patientin sagt, die gerade eine Hüft-OP hinter sich hat: „Sie sehen ja bezaubernd aus. Dafür, dass Sie erst gestern operiert wurden, sehen Sie schon wieder aus, als würden Sie aus dem Bett springen und wie ein Reh davonhüpfen wollen.“ Der Patientin hat der Arzt mit dieser liebevollen Übertreibung vielleicht den Tag gerettet.

Die Humor-Kümmerer

Seit 2005 kümmert sich das Deutsche Institut für Humor in verschiedenen Projekten darum, „den liebevollen Humor in die Welt hinauszutragen“. Das Projekt „Arzt mit Humor“ zum Beispiel hat sich zum Ziel gesetzt, Medizin menschlicher und den Krankenhausalltag humorvoller zu gestalten. Es richtet sich an alle im Gesundheitswesen tätigen Menschen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt jedoch auf den Medizinstudenten. Den Ärzten von morgen wollen die Humortrainer den „bewussteren, wertschätzenden und humorvolleren Umgang“ mit sich selbst, ihren Patienten und dem Klinikpersonal bereits in der Ausbildung näherbringen.

Warum sollte ich als Patient zum Lachen in die Arztpraxis gehen? Oder anders gefragt: Welchen Einfluss hat Humor auf die Genesung von Patienten?
Ganz gut nachgewiesen ist bisher die Schmerzreduzierung. Hierzu hat Professor Willibald Ruch von der Universität Zürich gute Untersuchungen gemacht. Er hat Patienten mit Schmerzen vor einen lustigen und vor einen traurigen Film gesetzt und nachgewiesen, dass Patienten länger keine Schmerzen haben, wenn Sie sich gezielt etwas Humorvollem aussetzen.

Eine andere Studie hat die positive Wirkung von Klinikclowns auf Kinder vor einer OP nachgewiesen – unter anderem durch einen höheren Spiegel des Bindungshormons Oxytocin. Die Kinder fühlten sich geborgener und hatten weniger Angst vor dem Eingriff. Der gezielte Einsatz von liebevollem Humor trägt also zur Entspannung bei, baut Vertrauen auf und Widerstände ab.

Der Alltag in Praxen und Kliniken ist geprägt von Zeitdruck und Stress, aber auch von Personalmangel und ökonomischem Druck. Wie sorgt ein Arzt unter diesen Bedingungen für eine heitere und gelassene Atmosphäre im Gespräch mit seinen Patienten?
Viele Ärzte sagen, das Thema Humor ist viel zu weit weg von der Realität. Ich habe doch keine Zeit, mich zu schminken und mir eine rote Nase aufzusetzen.

Darum geht es aber gar nicht. Es geht um schnelle Umdeutungen von Situationen – etwa Missgeschicken. Wenn einer Patientin nach einer OP das Wasserglas aus der Hand rutscht, könnte der Arzt zum Beispiel sagen: „Na, in Ihrem Alter kann man das Wasser auch nicht mehr so gut halten.“ Das wäre die aggressive Form der Umdeutung. Oder aber er könnte die Situation liebevoll auflösen und sagen: „Das ist ja beeindruckend, wie schnell Sie loslassen können.“


durchblick gesundheit • Ausgabe 60 • April–Juni 2018

17.04.2018 15:15:00, Autor: Marco Münster