Obstipation im Alter

„Abführmittel lösen nicht das Problem“

Nahezu jeder dritte Erwachsene quält sich hierzulande beim Gang zum stillen Örtchen – Frauen mehr als Männer und Jüngere seltener als Ältere. Unter Heimbewohnern betrifft Verstopfung bereits jeden zweiten, ergab vor einigen Jahren eine Befragung der Universität Witten/Herdecke unter Pflegedienstleitern. Über die Möglichkeiten, den Griff zu Abführmitteln mithilfe spezifischer Ernährungsempfehlungen vor allem bei geriatrischen Patienten zu reduzieren oder idealweise zu vermeiden, sprach der änd mit einer Expertin für Seniorenernährung: der Diplom-Oecotrophologin Ulrike Grohmann aus Frankfurt, die dazu regelmäßig Vorträge und Workshops für pflegende Angehörige und Mitarbeiter in Senioreneinrichtungen anbietet.

Grohmann: „Aus verringertem Durst und Appetit und einer Verstopfung entsteht oft ein Teufelskreis.“
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Frau Grohmann, chronische Obstipation ist vor allem unter Senioren ein weit verbreitetes Problem. Warum trifft es vor allem ältere Patienten?

Grundsätzlich einmal ist es wichtig, Obstipation nicht als Befindlichkeitsstörung abzutun. Viele Betroffene fühlen sich durch ihre Beschwerden in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt. Daher gilt es zunächst, neben primären Darmerkrankungen wie Darmkrebs auch andere Grunderkrankungen auszuschließen. In den meisten Fällen sind jedoch Lebensstilfaktoren wie falsche Ernährung, zu geringe Flüssigkeitszufuhr und mangelnde Bewegung für das Entstehen einer Obstipation zumindest mitverantwortlich. Das gilt zwar grundsätzlich für alle Patienten, alte Menschen betrifft es jedoch in besonderem Maße.

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Obwohl die gesundheitlichen Vorteile einer ballaststoffreichen Ernährung bereits seit langem auf der Hand liegen, schaffen es die meisten Menschen nicht, Ballaststoffe in ausreichendem Maße in ihrer Ernährung zu berücksichtigen. Die von der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.) empfohlenen 30 g Ballaststoffe pro Tag sollten zur einen Hälfte aus Getreideprodukten, zur anderen aus Gemüse und Obst stammen. Alten Menschen fällt die Aufnahme ballaststoffreicher Lebensmittel noch einmal schwerer. Geschuldet ist dies sicher auch einer zu geringen Lebensmittelkenntnis. Außerdem fürchten sie, Vollkornbrot und Müsli nicht mehr gut kauen zu können, gleiches gilt für Rohkost, etwa Krautsalat. Manche als schwerverdaulich eingeordnete Gemüsesorten werden im Alter nicht mehr so gut vertragen bzw. es sind kaum andere als die bisher bekannten Zubereitungsarten bekannt. Dann kann es vorkommen, dass nur noch „leichtverdauliche“, faserarme Gemüse- und Obstsorten sowie Weißmehlprodukte auf dem Speisezettel stehen. Ein wichtiger Aspekt, der besonders bei hochaltrigen Senioren zum Tragen kommt, ist die oft sehr geringe Essmenge. Die ist dann so gering, dass es dem Darm schlicht an „Füllung“ fehlt.

Vielen älteren Menschen fällt es schwer, ausreichend zu trinken. Das Durstgefühl lässt mit zunehmendem Alter nach. Dazu kommt die Sorge vor häufigen Toilettengängen, die ältere Menschen vom ausreichenden Trinken abhält. Austrocknungszustände kommen im Alter leider häufiger vor. Auch der Darminhalt benötigt Flüssigkeit. Nur so können die in der Nahrung enthaltenen Ballaststoffe quellen und für ein ausreichendes Volumen sorgen und der Stuhl eine weiche und gleitfähige Konsistenz erhalten.

Auch manche (alterstypischen) Erkrankungen und bestimmte Arzneimittel gehen ja mit einem erhöhten Obstipationsrisiko einher – welche vor allem?

Die S2k-Leitlinie „Chronische Obstipation“ von 2013 führt vor allem neurologische Erkrankungen auf wie beispielsweise Morbus Parkinson, Schlaganfall, Multiple Sklerose, Demenz oder autonome Neuropathien bei Diabetes mellitus. Hintergrund: Bei einer mangelnden Beweglichkeit des Darms, verursacht durch Nervenstörungen, Reizleitungs-Störungen etc., kommt es bei vielen Erkrankungen zu einer Transportstörung im Darm und damit zu Verstopfung.

Medikamente, die als Nebenwirkung zu Obstipation führen können, nennt die Leitlinie eine ganze Reihe, zum Beispiel Opiate, Anticholinergika, verschiedene Antidepressiva, Neuroleptika oder kalziumhaltige Antazida.

Im Zusammenhang mit Arzneimitteln und Verstopfung gibt es auch noch einen anderen wichtigen Aspekt. Bei der Gabe von unlöslichen Ballaststoffen – etwa Leinsamen oder auch Kleie – gilt es zu beachten, dass sie zeitversetzt zur Medikamenteneinnahme verzehrt werden sollten, da sie möglicherweise die Resorption vermindern und damit die Arzneiwirkung herabsetzen.

Um Abführmittel zu umgehen, setzen Sie auf die richtige Ernährung. Wie sieht die aus und wo hat sie ihre Grenzen?

Die Ernährung sollte reich an Ballaststoffen sein, um einer Obstipation vorzubeugen. Dazu gehören Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Nüsse. Mit dem Appell „Essen Sie mehr Ballaststoffe“ ist den Menschen allerdings nicht geholfen. Sie benötigen praktische Umsetzungshilfen für den Alltag, idealerweise von einer Ernährungsfachkraft. Es geht ja darum, den älteren Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen. Wer lernt, wie er einige gewohnte Lebensmittel gegen gesundheitsförderlichere Alternativen austauschen kann, gewinnt an Lebensqualität. Beispiele für eine ballaststoffreichere Ernährung gibt es viele: Brot sollte vorzugsweise aus Vollkorn sein, es gibt eine ganze Reihe feingeschroteter Vollkornbrote, die sich auch gut kauen lassen. Haferflocken bestehen immer – auch in der feinen Variante – aus Vollkorn und lassen sich süß oder herzhaft zubereiten. Statt zu Melone, Weintrauben und Ananas sollte man zu Beerenobst (Himbeeren, Heidelbeeren etc.) Apfel, Birne und Pflaume greifen. Statt Gurke, Tomate, Zucchini und Kopfsalat eignen sich Kohlgemüse wie Blumen- und Rosenkohl, Karotten, Paprika und Schwarzwurzeln. Sauermilchprodukte wie Joghurt und Kefir oder auch mal ein Sauerkrautsaft bringen den Darm zusätzlich in Schwung.

Damit die Ballaststoffe im Darm ausreichend quellen können, benötigen sie ausreichend Flüssigkeit. 1,5 Liter sollten Senioren pro Tag daher mindestens trinken. Wer seine Speisen mit Leinsamen, Kleie oder auch Flohsamenschalen anreichert, muss darauf achten, mindestens ein Glas Flüssigkeit zusätzlich zu sich zu nehmen. Andernfalls können diese Ballaststoffe nicht ausreichend quellen und verstärken schlimmstenfalls die Verstopfung.

Aber: Ebenso wenig, wie ein Abführmittel etwas an der Obstipationsproblematik ändert, sind es die 1 bis 2 Löffel Leinsamen oder Kleie, die einer ansonsten ballaststoffarmen Nahrung zugefügt werden.

Die Behandlung einer Obstipation erfordert Geduld. Nicht immer sind die Bemühungen von Erfolg gekrönt; oft spielt auch die Psyche eine Rolle. Die individuelle Situation des Patienten und seine Compliance beeinflussen ebenfalls die Wahl der Therapie. Bei hochaltrigen, bettlägerigen Patienten, die nur unter Mühen in der Lage sind, Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen, kommt die Ernährungstherapie an ihre Grenzen.

Wie sollte diese Ernährungsumstellung denn aussehen?

Bei einer Ernährungsumstellung ist es für eine bessere Verträglichkeit notwendig, die Ballaststoffzufuhr schrittweise zu erhöhen und nicht von heute auf morgen alles zu verändern. Bei einer zu schnellen Erhöhung der Ballaststoffzufuhr kann es zu unerwünschten Nebenwirkungen durch die aus dem mikrobiellen Abbau resultierende Gasbildung kommen. Unter Umständen sind Blähungen, Druck- und Völlegefühl bis hin zu Bauchschmerzen die Folge. Bei einer langsamen Steigerung der täglichen Aufnahme findet eine allmähliche Adaption statt und die Beschwerden verschwinden. Dabei braucht der Patienten unter Umständen eine geduldige und längere fachliche Begleitung.

Die DGE empfiehlt, 200-300 g Brot oder 200-250 g Brot und 50 g Getreideflocken pro Tag. Würde diese Empfehlung in Form von Vollkornprodukten umgesetzt, wäre allein über diese Veränderung ein wesentlicher Beitrag (16-24 g) für die ausreichende Versorgung mit Ballaststoffen möglich.

Ballaststoff ist ja nicht gleich Ballaststoff – wo liegen die Unterschiede hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei Obstipation?

Ballaststoffe sind Bestandteile pflanzlicher Lebensmittel, die vom Menschen enzymatisch nicht abgebaut werden können. Sie werden nach ihrer Löslichkeit in Wasser in unlösliche und lösliche Ballaststoffe unterteilt. Die wasserunlöslichen Ballaststoffe weisen im Vergleich zu den wasserlöslichen eine deutlich höhere Quellfähigkeit bzw. Wasserbindungskapazität auf. Ihr hohes Wasserbindungsvermögen führt zu einer Erhöhung des Stuhlvolumens, dementsprechend zu einer stärkeren Peristaltik und einer Verkürzung der Transitzeit im Darm. Den höchsten Effekt auf das Stuhlgewicht und damit auf die Verhinderung einer Obstipation haben die Ballaststoffe aus Vollkorngetreide. Die in Obst und Gemüse überwiegend vorhandenen löslichen Ballaststoffe wirken sich kaum auf eine Erhöhung des Stuhlvolumens aus.

Viele Ältere klagen über verringerten Appetit und Durst und kochen nicht mehr selbst. Wie lässt sich dieses Problem lösen, wie erreicht man diese Menschen? Und welche Rolle spielt dabei der Hausarzt?

Aus einem verringerten Appetit und Durst und einer Obstipation kann sich ein verhängnisvoller Teufelskreis entwickeln. Wer zu wenig isst und trinkt, leidet schneller an Verstopfung, weil die notwendige Fülle im Darm fehlt. Gleichzeitig führt eine anhaltende Obstipation zu einem Unwohlsein, nicht selten einhergehend mit Appetitlosigkeit. Hier gilt es, einfühlsam den Ursachen auf den Grund zu gehen. Appetitlosigkeit und fehlender Durst können viele Ursachen haben. Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe von Tipps, der Appetitlosigkeit und damit einer drohenden Mangelernährung entgegenzutreten. Verweisen möchte ich hierbei auf Ernährungsexperten, die sich auf Seniorenernährung spezialisiert haben.

Der Hausarzt ist für Patienten mit Obstipation die erste Anlaufstelle. Schließlich steht die Diagnostik mit einem Ausschluss schwerer Erkrankungen am Beginn einer möglichen Therapie. Doch bei dem Bemühen, eine Obstipation zu therapieren, ist dem Patienten weder mit einem Abführmittel, noch mit einfachen Tipps geholfen. Für eine ausführliche Beratung ist in der Hausarztpraxis jedoch selten ausreichend Zeit, noch genügend Knowhow vorhanden. Ideal ist hier die enge Zusammenarbeit von Hausarzt und Ernährungsberatung. Mediziner finden eine dafür geeignete Praxis zum Beispiel im Expertenpool des VDOE Berufsverband Oecotrophologie. Für eine Ernährungsberatung kann der Arzt eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung ausstellen. Dann nimmt der Patient mit seiner Krankenkasse Kontakt auf, um die Kostenübernahme zu klären.

22.03.2018 19:32:32, Autor: Jutta Heinze