Lumbale Rückenschmerzen

Ein weltweites Problem

Akute und chronische Rückenschmerzen sind nicht mehr nur ein Problem von Menschen in wohlhabenden Ländern. Betroffen sind längst auch Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs: low-income and middle-income countries) – Tendenz steigend.

Betroffen von lumbalen Rückenschmerzen sind laut den Autoren Menschen aller Altersgruppen.
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Weiterhin große Herausforderungen sind Über- und Unterversorgung sowie die Kluft zwischem gesichertem Wissen und tatsächlichem Handeln im klinischen Alltag. Es gilt daher als dringend geboten, bessere Maßnahmen, insbesondere zur Prävention, zu entwickeln, die nicht nur wirksam, kosteneffektiv und alltagstauglich sind. So lauten wesentliche Ergebnisse einer Serie von mehreren Beiträgen zum Thema „lumbale Rückenschmerzen“, die gerade im Fachmagazin „The Lancet“ erschienen sind.

Große volkswirtschaftliche Bedeutung

Betroffen von lumbalen Rückenschmerzen sind laut den Autoren Menschen aller Altersgruppen. Risikoparameter sind sitzende Tätigkeit, Rauchen, Adipositas und niedriger sozioökonomischer Status. Die medizinische und volkswirtschaftliche Bedeutung ist bekannt. Nach einer aktuellen Umfrage in Deutschland hätten 75 Prozent aller Berufstätigen im vergangenen Jahr mindestens einmal Rückenschmerzen gehabt, hieß es kürzlich in einer Mitteilung der DAK.

Jeder Vierte habe aktuell Beschwerden. Laut dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport sind Rückenschmerzen die zweithäufigste Einzeldiagnose für Krankschreibungen. Hochgerechnet auf die erwerbstätige Bevölkerung gab es dadurch rund 35 Millionen Ausfalltage im Job. Jeder siebte Arbeitnehmer (14,4 Prozent) leidet bereits drei Monate oder länger unter Rückenschmerzen. Während in der Umfrage 2003 noch 55 Prozent der Berufstätigen angaben, mindestens einmal im Jahr Beschwerden zu haben, sind es jetzt mit 75 Prozent deutlich mehr.

Zugenommen hat auch die Zahl der Lebensjahre mit einer gesundheitlichen Einschränkung aufgrund der Rückenbeschwerden seit 1990 um mehr als 50 Prozent zugenommen, vor allem in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen, wo dieses Problem infolge der oft unzureichenden medizinischen Infrastruktur und Versorgung wahrscheinlich noch größer werden wird. Darüber hinaus gibt es für Menschen in diesen Ländern zu wenig gesichertes Wissen dazu, welche Versorgung für sie geeignet und möglich ist. Denn das evidenzbasierte Wissen zu akuten und chronischen Rückenschmerzen basiert fast ausnahmslos auf Studien und Daten aus wohlhabenden Ländern.

Problem Fehlversorgung

Weiterhin ein Problem ist laut den Lancet-Autoren die Fehlversorgung bei zu vielen Patienten. So sollten Hausärzte die ersten Ansprechpartner für die Patienten sein. Doch immer wieder suchen Patienten Notfall-Ambulanzen von Kliniken auf. Immer mehr Patienten mit ihren Rücken-Beschwerden gingen direkt ins Krankenhaus, meldetet kürzlich auch die DAK. Seit dem Jahr 2007 sei die Zahl der stationären Behandlungen um 80 Prozent gestiegen.

Darüber hinaus würden, wie die Autoren der Lancet-Serie betonen, zu oft bildgebende Verfahren wie CT und MRT eingesetzt, operative Eingriffe vorgenommen oder Schmerzmittel einschließlich Opioiden verschrieben. Hier ist selbstverständlich zu beachten, dass es große Unterschiede zwischen den Ländern gibt.

Eigentlich sollten Patienten mit lumbalen Rückenschmerzen primär von Hausärzten versorgt werden, wobei im Vordergrund die Beratung zu mehr Aktivität und Schulungen stehen sollten. In der Realität ist es allerdings so, dass ein zu großer Anteil von Menschen weltweit in Notfall-Ambulanzen behandelt werden. Häufig werden bei ihnen bildgebende Verfahren (CT und MRT) angewendet, außerdem operative Eingriffe vorgenommen oder Schmerzmittel einschließlich Opioiden verschrieben. In Übereinstimmung mit vielen Leitlinien und Fachgesellschaften erinnert auch die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) in einer aktuellen Mitteilung daran, dass bei nichtspezifischem Kreuzschmerz unter sechs Wochen und ohne Warnzeichen keine bildgebende Diagnostik indiziert sei.

Bei Verdacht auf eine spezifische Erkrankung, etwa eine Wirbelkörper-Metastase oder eine Infektion, ist das selbstverständlich etwas anderes. Spezifische Erkrankungen der Wirbelsäule wie Tumoren, Infektionen oder entzündlich rheumatische Erkrankungen sind allerdings eher selten Ursache von Rückenschmerzen. „Der Arzt muss jedoch ausreichend qualifiziert sein, um den Verdacht darauf zu formulieren und an einen Facharzt zu überweisen“, betont Professor Hanns-Martin Lorenz, Präsident der DGRh. Nach wie vor geschieht es jedoch, dass rheumatisch entzündliche Krankheiten nicht rechtzeitig diagnostiziert werden, fortschreiten und Schäden setzen, die nicht umkehrbar sind.

Kernfrage: spezifisch oder unspezifisch?

Das gilt zum Beispiel für die häufigste entzündlich rheumatische Erkrankung der Wirbelsäule, die axiale Spondyloarthritis – Grund für etwa fünf Prozent der Fälle von chronischem Rückenschmerz. Die oft auch „Morbus Bechterew“ genannte Erkrankung befällt insbesondere Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Im Verlauf der Erkrankung versteifen die Gelenke der Wirbel. Im Endstadium zwingt dies die Betroffenen in eine gebückte Haltung. Die Betroffenen klagen im Frühstadium oft darüber, dass morgens die untere Wirbelsäule steif ist. In Bewegung bessern sich die Symptome. „Wenn der Allgemeinarzt in diesen und ähnlichen Fällen Verdacht auf eine spezifische Ursache für Rückenschmerzen hat, sollte er den Patienten an einen Rheumatologen überweisen“ empfiehlt Prof. Joachim Sieper aus Berlin, einer der Autoren der Lancet-Serie.

„Primärer Anlaufpunkt für Patienten mit Rückenschmerzen ist jedoch die Allgemeinarztpraxis“, sagt Sieper. Die klare Empfehlung des Rheumatologen von der Charité: „Aufwendige diagnostische Maßnahmen sollten in der Regel vermieden werden“. Denn die Beschwerden der meisten Patienten bessern sich schon durch Beratung, physikalische Therapie und psychologische Betreuung. Es sei wichtig, so Sieper, dass Patienten aktiv bleiben, weiterhin am täglichen Leben teilnehmen und ihrem Alltag und damit auch ihrer Arbeit nachgehen.

Hilfestellung durch Leitlinien

Eine Hilfstellung bietet die kürzlich von mehreren Fachgesellschaften und Berusfverbände zusammen mit Patienten-Vertretern herausgegebene S2k-Leitlinie „Spezifischer Kreuzschmerz“.

„Bei der Behandlung von Kreuzschmerzen ist eine strukturierte Vorgehensweise bei Diagnostik und Therapie im Sinne einer Gesamtstrategie wichtig. Die neue Leitlinie bietet Ärzten einen Leitfaden, wann spezifische Kreuzschmerzen als Ursache in Betracht zu ziehen sind“, erklärt Prof. Dr. Bernd Kladny, DGOU-Generalsekretär und Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie, m&i-Fachklinik Herzogenaurach. Die aktuelle Leitlinie ergänzt die seit 2010 bestehende und 2017 aktualisierte „Nationale Versorgungs-Leitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz“.

Prof. Dr. Andreas M. Halder, federführender Autor der neuen Leitlinie und Chefarzt der Klinik für Operative Orthopädie, Sana Kliniken Sommerfeld sagt: „Fast jeder leidet im Laufe seines Lebens irgendwann einmal unter Kreuzschmerz und sucht Hilfe beim Arzt. Genau dann ist es wichtig, die richtige Diagnose zu stellen, um einen unspezifischen, rein funktionell begründeten Kreuzschmerz von dem spezifischen Kreuzschmerz zu unterscheiden, dem krankhafte Veränderungen der Wirbelsäule zugrunde liegen. Nur dann kann aus dem großen Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten die richtige gewählt werden.“

22.03.2018 11:03:39, Autor: Dr. med. Thomas Kron