Organspende

Niederlande führt Widerspruchsregelung ein

Die Niederlande will die Zahl der Organspenden im Land erhöhen. Dazu führen sie die Widerspruchsregelung ein. Ob das wirklich hilft, ist umstritten.

Wie lässt sich die Zahl der Organspender steigern? Die Antwort ist komplizierter als es auf den ersten Blick scheint.
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Künftig wird in den Niederlanden jeder Volljährige als möglicher Organspender geführt. Das hat das niederländische Parlament am Dienstag in Den Haag beschlossen. Bislang mussten niederländische Bürgerinnen und Bürger aktiv zustimmen, wenn sie nach ihrem Tod Organe für Transplantationen hergeben wollten.

Die Gesetzesänderung hin zur Widerspruchslösung beschloss der Senat mit einer knappen Mehrheit von nur zwei Stimmen. Die zweite Kammer des Parlaments stimmte bereits 2016 mit ähnlich knapper Mehrheit zu. Wann die Gesetzesänderung in Kraft tritt, entscheidet jetzt die Regierung in Den Haag.

Grund für die Gesetzesnovelle: Die Niederlande wollen einem Mangel an Spenderorganen entgegenwirken. Im letzten Jahr gab es dort auf eine Million Einwohner 15 Spender. Damit sind sie europäischer Durchschnitt. Schlechter sieht es in Deutschland aus. Hier kommen nur 9,3 Spender auf eine Million Einwohner. Weltweit führend ist in diesem Bereich nach eigenen Angaben Spanien. Hier kommen 46,9 Spender auf eine Million Einwohner. Dort gilt ebenfalls die Widerspruchslösung. Die Niederlande sind das 18. europäische Land, das dem spanischen Beispiel folgt und die Widerspruchslösung bei der Organspende einführt.

Widerspruchsregelung auch in Deutschland

Auch Dr. Theodor Windhorst, der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, hält die niederländische Entscheidung für einen „konsequenten und richtigen Weg“. Angesichts einer stetig sinkenden Bereitschaft zur Organspende sei dies eine „glänzende Bewegung und begrüßenswerte Entscheidung“. Windhorst spricht sich dafür aus, auch in Deutschland eine Systemänderung herbeizuführen und die Widerspruchslösung zu beschließen.

Die derzeit geltende Zustimmungslösung in Deutschland sei nicht weitgehend genug, so Windhorst, um das Leid auf der Warteliste zu lindern. Es sei Zeit für eine offene, ehrliche und transparente Debatte über die Organspende und die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung.

Deutschland aber sei nach wie vor Organ-Importland, da man hier nach wie vor nicht wirklich gezwungen sei, sich ernsthaft mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, klagt Windhorst. „Wir müssen das Vertrauen in die Organspende stärken und deutlich machen, dass die Transplantationsmedizin weit fortgeschritten ist. Wir könnten gute Ergebnisse erzielen, wenn wir ausreichend Organe hätten.“

Der Kammerpräsident verweist in diesem Zusammenhang auf die Diskrepanz zwischen einer generellen positiven Haltung zur Organspende und der letztendlichen Dokumentation der Spendebereitschaft. „80 Prozent der Bevölkerung finden Organspende gut, aber nur 30 Prozent haben einen Spenderausweis.

Sinkende Spenderzahl

Erst im Januar gab die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) bekannt, dass die Zahl der deutschen Organspender auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gefallen ist. Nach den Statistiken der DSO gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Vorjahr. „Leider werden wir erstmals unter die Marke von zehn Spendern pro eine Million Einwohner rutschen“, kommentierte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, die Zahlen. In der Historie der Stiftung sei das, gerechnet ohne die Anfangsjahre der Organspende vor mehr als 30 Jahren, noch nie passiert. „Im internationalen Vergleich war Deutschland bisher im unteren Mittelfeld. Jetzt stehen wir im Vergleich fast hinter allen anderen westeuropäischen Ländern. Das ist eine dramatische Entwicklung“, ergänzte er.

Dabei war die Entwicklung der Organspenderzahlen 2017 regional sehr unterschiedlich. Während neben Bayern auch Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland eine Zunahme der Spender verzeichneten, ging der Bundestrend generell zurück. Da einem Spender mehrere Organe entnommen werden können, meldete Deutschland 2017 laut DSO insgesamt 2.594 Nieren, Lebern, Lungen oder Herzen an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant. 2016 waren es noch 2.867 Organe.

In diesem Kontext ist es interessant den Blick auf Bayern zu richten. Dort stieg die Zahl der Organspender im vergangen Jahr am stärksten an. Ebenfalls seit vergangenem Jahr stellt das Land sogenannte Transplantationsbeauftragten für ihre Arbeit vom regulären Dienst frei. Den Beauftragten kommt bei der Organspende eine besondere Schlüsselposition zu: Sie müssen potenzielle Spender melden, deren Angehörige betreuen, den Eingriff koordinieren und das restliche Personal schulen.

Transplantationsbeauftragte wichtiger als Widerspruchsregelung

Wie wichtig Transplantationsbeauftragte sind, zeigt auch der Blick nach Spanien. Oft wird die dort geltende Widerspruchsregelung als Grund für die hohe Spenderquote angeführt. Doch dem widersprachen spanische Wissenschaftler schon 2010 in einer Studie, die damals im Lancet erschien. Sie führten an, dass die Transplantationsbeauftragten einen deutlich größeren Einfluss hätten. Dafür spricht auch ein weiterer Grund: Denn die Widerspruchsregelung gilt in Spanien seit 1979. Noch im Jahr 1989 lag die Spenderquote aber nur bei 14 je Million Einwohner. Etwa so hoch wie heute in den Niederladen. Erst ab 1990 nahm die Zahl der Organspenden stark zu - nach der Gründung der Nationalen Organisation für Organtransplantation (ONT). Sie etablierte das sogenannte „Spanische Modell".

Dazu gehört eine dreistufige Koordination der Transplantationen: in den Kliniken sowie auf regionaler und nationaler Ebene. Das ergänzen strukturelle Maßnahmen wie die kontinuierliche Prüfung der Fälle von Hirntoten auf Intensivstationen und rechtliche Regelungen, wie etwa die Widerspruchsregelung. Diese sei, so sagte es einmal der Gründer der ONT, Professor Rafael Matesanz, nur eine Ergänzung. Viel wichtiger wäre es, die Organspende gut zu organisieren. Es gäbe keinen einzigen Fall auf der Welt, wo die Zahl der Spender allein durch eine Gesetzesänderung zugenommen habe.

14.02.2018 15:37:19, Autor: RC