CTE

Können selbst leichte Schläge auf den Kopf zu chronischem Hirnschaden führen?

Ärzte in den USA warnen davor, Kinder und Jugendliche Sportarten wie American Football auszusetzen. Es sei nicht gerade vernünftig, Kinder, deren Gehirn noch reife, solchen Traumata auszusetzen.

Wie riskant American Football für Kinder und junge Menschen ist, hat kürzlich eine Autopsie-Studie gezeigt. Demnach sind schon innerhalb kurzer Zeit nach Schlägen auf den Kopf morphologische Veränderungen im Gehirn nachweisbar.
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Immer mehr Mädchen in den USA spielen laut „New York Times“ Football. Frauen sind in dieser Sportart zwar immer noch eine Minderheit. Nur knapp elf Prozent der rund 5,5 Millionen US-Bürger, die Football spielen, sind Frauen. Aber die Zunahme der spielenden Mädchen bereitet einige Sorgen. Der Grund: die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE), eine neurodegenerative Erkrankung, an deren Pathogenese die beim American Football so häufigen Schläge gegen den Kopf beteiligt sein sollen. Es sei nicht gerade vernünftig, unsere Kinder, deren Gehirn noch reife, solchen Traumata auszusetzen, so Dr. Robert Stern vom CTE-Zentrum der Universität Boston.

Wie riskant die Sportart für Kinder und junge Menschen ist, hat erst kürzlich eine weitere Autopsie-Studie gezeigt, die im Fachblatt „BRAIN“ erschienen ist. Der Studie zufolge, zu der auch Tierversuche gehörten, sind schon innerhalb kurzer Zeit nach Schlägen auf den Kopf, die noch keine symptomatische Gehirnerschütterung („concussion“) verursacht haben, morphologische Veränderungen im Gehirn nachweisbar, die mit der CTE assoziiert sind.

Die Wissenschaftler um Erstautor Dr. Chad A. Tagge (Boston University School of Medicine) konnten die Hirne von vier jugendlichen Athleten untersuchen, die 1,2, 10 und 128 Tage vor ihrem Tod geschlossene SHT erlitten hatten. Zwei der Jugendlichen hat Suizid begangen, die beiden anderen hatten nach dem Trauma ein Hirnödem entwickelt. Aber kein Jugendlicher habe ein Trauma erlitten, das schwer genug gewesen sei, um tödlich zu sein, so der Psychiater und Senior-Autor der Studie Prof. Lee Goldstein. Die neuropathologischen Untersuchungen ergaben allerdings überraschende Befunde: So zeigten sich mikrovaskuläre Schäden als Hinweise auf eine gestörte Bluthirn-Schranke sowie Ansammlungen von Tau-Proteinen, so ähnlich wie bei einer Alzheimer-Erkrankung. Bei einem Jugendlichen sei eine CTE im ersten Stadium diagnostiziert worden. Neuropthologische Untersuchungen der Gehirne von gestorbenen Jugendlichen, die keine ähnlichn Schädel-Hirn-Traumata erlitten hatten, ergaben hingegen keine solche auffälligen Befunde.

Da die beobachteten neuropathologischen Befunde mehrere Ursachen haben können, also nicht unbedingt eine Folge der Schläge gegen den Kopf sein mussten, haben die Wissenschaftler ihre Hypothese noch in Versuchen mit jungen Mäusen überprüft. Auch bei den Tieren fanden sie nach leichten SHT Hinweise auf eine gestörte Blut-Hirn-Schranke, zudem Entzündungszeichen sowie teilweise eine beginnende Akkumulation von Tau-Proteinen.

Die Ergebnisse der Studie stärken zwar Befürchtungen, dass selbst relativ geringe, aber häufige Schläge gegen den Kopf bei Kindern und Jugendlichen schädlich sein können. Die Befunde könnten außerdem erklären, warum bei rund 20 Prozent der Spieler mit manifester CTE keine smptomatischen Gehirnerschütterungen („concussions“) bekannt seien, so Goldstein. Gleichwohl gebe es noch viele Fragen, so etwa, ob sich eine beginnende CTE bei einem Jugendlichen im Laufe der Jahre zwangsläufig zu einer manifesten CTE entwickelt. Zu klären ist außerdem noch, wie ausgeprägt die Tau-Akkumulation sein muss, um klinisch relevant zu sein.

Wissenschaftler vermuten seit mehreren Jahren schon einen Zusammenhang zwischen wiederholten symptomatischen und asymptomatischen „Gehirnerschütterungen“ („concusssions“ und „subconcussions“) und der chronisch-progredienten Hirnerkrankung. Die CTE geht mit neurologischen sowie psychischen Symptomen einher, etwa Gedächtnisstörungen und Depressionen. Morphologisch fallen Läsionen der weißen Substanz auf, regionale Perfusionsstörungen und vor allem Ablagerungen von abnormem und hyperphosphoryliertem Tau-Protein. Die CTE wird daher zu den Tauopathien gezählt.

Erst vor wenigen Monaten wurde eine Studie publiziert, die das pathogenetische Konzept der CTE stützt. US-Forscher um die Neurologin und Neuropathologin Professor Ann McKee (CTE-Center, Boston University) hatten die Gehirne von 202 gestorbenen ehemaligen American-Football-Spielern untersucht. Die Männer waren im Mittel 66 Jahre alt geworden. Im Durchschnitt waren sie 15 Jahre lang aktive Football-Spieler gewesen. Ihre Gehirne hatten sie dem Forschungs-Zentrum gespendet. Bei 177 (87 Prozent; Durchschnittsalter 67) ) von ihnen wurde eine CTE diagnostiziert,von den 111 ehemaligen Spielern der US-amerikanischen Profiliga (NFL: National Football League) waren sogar 110 betroffen.

Ann McKee, die seit mehreren Jahren schon die CTE erforscht, schlussfolgerte aus den Ergebnissen, dass die bei den Ex-Spielern diagnostizierte CTE wahrscheinlich eine Folge der beim American Football häufigen „Concussions“ sei. Allerdings war die untersuchte Population nicht repräsentativ; es handelte sich um eine hoch-selektive Population. Eine Aussage über die wirkliche Prävalenz der CTE bei American-Football-Spielern und vor allem über ihr CTE-Risiko lässt die Autopsie-Studie nicht zu. Außerdem sind die neuropathologischen Befunde, etwa die Tau-Ablagerungen, nicht spezifisch für die CTE. Möglicherweise wird das CTE-Risiko beim American Football heute überschätzt, nachdem es die Jahre davor unterschätzt und sogar geleugnet wurde.

Weitere Informationen

1. Jesse Mez u.a.: Clinicopathological Evaluation of Chronic Traumatic Encephalopathy in Players of American Football

In: „JAMA

2. Anthony P. Kontos u.a.: Systematic review and meta-analysis of the effects of football heading

In: „British Journal of Sports Medicine

3. Geoff Manley u.a.: A systematic review of potential long-term effects of sport-related concussion

In: „British Journal of Sports Medicine

4. Monica E. Maher u.a.: Concussions and heading in soccer: A review of the evidence of incidence, mechanisms, biomarkers and neurocognitive outcomes

In: Brain Injury

5. Ann C. McKee u.a.: The neuropathology of sport

In: „Acta Neuropathologica

6. Ann C. McKee u.a.: The neuropathology of chronic traumatic encephalopathy.

In: „Brain Pathology

7. Joe Ward, Josh Williams und Sam Manchester: 110 N.F.L. Brains

In: „New York Times


06.02.2018 13:40:33, Autor: Dr. med. Thomas Kron