Dicke Kinder – fette Leber

„Wir brauchen mehr Werbeverbote im Kampf gegen die Fettleber bei Kindern“

Zuckerhaltige Softdrinks, XXL-Schokoriegel, Donuts und die klassische Fast-Food-Palette: Das, was Kinder und Jugendliche gern und in immer größeren Mengen verzehren bei parallel abnehmender körperlichen Bewegung, macht sie dick und zunehmend krank. Immer häufiger findet sich bereits bei jungen Menschen eine nicht-alkoholische Fettleber. Ein Motto der Deutschen Leberstiftung lautet für das Jahr 2018 daher „Less is more“. Der änd wollte von Dr. Eva-Doreen Pfister, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Kindergastroenterologin an der Klinik für Pädiatrische Nieren-, Leber- & Stoffwechselerkrankungen, mehr dazu wissen.

Pfister: „Viele Ernährungsdefizite und daraus resultierende Gesundheitsprobleme basieren auf mangelndem Wissen und falscher Werbung.“
© MHH Kinderklinik/Iris Klöpper

Frau Dr. Pfister, Sie bewerten die nicht-alkoholische Fettleber bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen als zunehmendes und sehr ernst zu nehmendes Problem. Auf welcher Basis?

Die Zahlen der jungen Patienten mit Fettleber sind in den vergangenen Jahren bedrohlich gestiegen. Wir haben hierzulande inzwischen mindestens zwei Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche, von denen rund 80.000 eine Fettleber aufweisen. Schätzungen aus den USA gehen von einer Leberzirrhose mit Transplantationspflicht bei 0,1 Prozent aller Kinder und Jugendlichen vor dem 18. Geburtstag aus, für Deutschland existieren dazu leider noch keine Zahlen.

Ursache für den alarmierenden Anstieg von Fettlebererkrankungen in jungen Jahren ist die zunehmende Inzidenz von Übergewicht und Adipositas. Studienergebnisse für den Untersuchungszeitraum zwischen den Jahren 2003 und 2006 offenbarten, dass bei uns 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen an Übergewicht und sechs Prozent an Adipositas leiden. Damit lagen die Zahlen um alarmierende 50 Prozent höher als für den Befragungszeitraum zuvor!

Welche Gründe machen Sie für den Anstieg von Übergewicht und der Fettleber in dieser Altersgruppe verantwortlich?

Kurz auf den Punkt gebracht: Ganz vorneweg stehen für mich zu viel Zucker in der Ernährung, vor allem aus Soft-Getränken, und zu wenig Bewegung. Beides zusammen fördert nun mal Übergewicht und damit die Ausprägung einer Fettleber schon in jungen Jahren. Das ist aber lediglich das Ergebnis – viel entscheidender ist, wie es dazu kommt. Und dafür kommen gleich mehrere Faktoren in Frage. Zum einen bilden die Kinder unseren Lifestyle ab, vorgelebter Lebensstil wird übernommen. Als Beispiel seien immer weniger körperliche Hobbys und schlechte elterliche Vorbilder genannt.

Wir wissen inzwischen anhand von Studiendaten, dass Adipositas bei den Eltern die Feinmotorik und Fehlentwicklungen auf sozialer Ebene bei deren Kindern verschlechtert und dass zum Beispiel mütterliche Adipositas durch negative Vorbildfunktion Übergewicht und Adipositas bei ihren Kindern begünstigt. Hinzu kommt die Verunsicherung, was „gesunde Ernährung“ eigentlich wirklich bedeutet bei all den vielen beworbenen Trends. Dabei spielt Fehlwerbung der Ernährungsindustrie sicher eine große Rolle.

Sie bemängeln mangelnde Ernährungskenntnisse – wo hakt es denn vor allem?

Eigentlich gleich an mehreren Stellen. Zum einen fehlt inzwischen die langjährig erworbene Kenntnis über gesunde Ernährung, die in früheren Generationen viel besser weitergegeben wurde durch regelmäßige selbst gekochte Mahlzeiten und weniger industriell hergestellte Produkte.

Ein weiterer Knackpunkt ist die heutige, von den Mahlzeiten entkoppelte Snack-Mentalität. Das ständige Snacken zwischendurch, gern inzwischen auch in den von der Industrie bereitgestellten XXL-Größen, hält den Zuckerspiegel permanent hoch und verhindert ein gesundes Hunger- und Sättigungsgefühl.

Um dieses Bildungsdefizit auszugleichen, braucht es in KITAs und Schulen Unterricht zum Thema „Gesunde Ernährung“. Wobei die natürlich auch nicht alles leisten können, da sind schon auch ein familiärer Komplettansatz und Vorbildfunktion gefragt.

Wie konkret könnte solch ein Ansatz denn aussehen?

Letztendlich muss man bei den Familien, insbesondere den Eltern, ansetzen. In Hannover haben viele Grundschulen beispielsweise ein Verbot von „Elterntaxis“ durchgesetzt – die Kinder sollen also zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen, statt sich wenige 100 Meter von den Eltern mit dem Auto chauffieren zu lassen. Das klappt recht gut. Parallel geht es auch darum, sich wieder ein wenig auf frühere Zeiten zu besinnen, wo Kinder die Nachmittage auf Spielplätzen statt mit der Spielekonsole auf dem Sofa verbrachten. Denn übergewichtige Kinder haben ja durchaus einen Leidensdruck, schaffen es aber allein nicht aus der Negativschleife von sportlichen Misserfolgen und Frustessen.

Auch Adipositaskuren für Kinder und Jugendliche können oft den Schalter in die richtige Richtung umlegen und der Beginn einer langfristigen Umstellung des Lebensstils sein.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Industrie und die entsprechende Werbung?

Eine durchaus große, daher plädiere ich auch für verschärfte Werbeverbote für die Lebensmittelindustrie – speziell bezüglich typischer Kinderprodukte. Es kann nicht angehen, dass ein zuckriger Kinderjoghurt mit verschwindend geringem Fruchtanteil als gesunde Zwischenmahlzeit propagiert wird.

Oder auch Fertig-Smoothies oder „Quetschobst“ aus der Tüte für Kleinkinder. Dahinter verbergen sich ausgesprochen zuckerhaltige Getränke oder Zwischenmahlzeiten, häufig hergestellt aus Abfallprodukten der Obstindustrie. Ein anderes Beispiel ist der Eistee, der von vielen Verbrauchern als gesunder Durstlöscher angesehen wird, weil „Tee“ etwas Gesundes suggeriert. In den Fertigprodukten steckt allerdings jede Menge Zucker!

Wenn übergewichtige Kinder und Jugendliche nur ihre Softdrinks wie eben Eistee, Limonaden, Wasser mit Geschmackszusätzen, sogenannte Sportlergetränke oder leistungssteigernde Drinks durch Wasser oder ungesüßten Tee ersetzen würden, kämen sie auf eine Kalorienersparnis von 30 bis 40 Prozent! Und damit wäre schon so viel gewonnen in punkto Gewichtskontrolle oder -reduktion!

Denn im Kampf gegen Übergewicht und damit auch die Fettleber bei Kindern und Jugendlichen helfen keine Medikamente, sondern ausschließlich Gewichtsreduktion oder zumindest Gewichtsstabilisation bei fortgesetztem Längenwachstum.

Welche Rolle nehmen niedergelassene Ärzte Ihrer Ansicht nach ein, um das Thema „Fettleber“ bei jungen Patienten einzudämmen oder zumindest rechtzeitig zu erkennen?

Die J1-Untersuchung für Jugendliche im Alter von 13 Jahren bietet die Möglichkeit, per Laborwertbestimmung unter anderem die Leberwerte anzuschauen. Auch eine Blutdruckmessung kann einen Hinweis darauf geben, ob bereits möglicherweise ein metabolisches Syndrom droht.

Bei übergewichtigen Kindern halte ich beides für unbedingt erforderlich. Und es wäre auch durchaus hilfreich, wenn der Hausarzt übergewichtiger Eltern mal nach dem Gewicht der Kinder fragt und gegebenenfalls die Wichtigkeit betont, das Kind beim Kinder- und Jugendarzt vorzustellen.

24.01.2018 09:27:36, Autor: Interview: Jutta Heinze für den änd