„durchblick gesundheit“-Leserin im Katastropheneinsatz

„Den Menschen Hoffnung geben, das ist doch schon viel wert“

Ganze Dörfer wurden komplett zerstört, Millionen Menschen sind immer noch obdachlos.

Äthiopien, Sudan, Bangladesch, Philippinen – unsere Leserin Dr. Anja Fröhlich kommt durch ihr Engagement für die Hilfsorganisation Humedica viel rum. Im September dieses Jahres war sie für zwölf Tage im Südwesten Mexikos unterwegs, hat dort Hilfe nach der schweren Erdbebenkatastrophe geleistet. Über ihren Einsatz sprach die in Hannover niedergelassene Internistin mit der „durchblick gesundheit“-Redaktion.

Das medizinische Equipment für den nächsten Einsatz liegt immer griffbereit in einer Ecke ihres Hauses. So muss Dr. Anja Fröhlich nicht lange suchen, wenn sie ihre Tasche packt. Denn schließlich hat sie dafür meist noch nicht einmal 30 Minuten Zeit. Dieses Mal war es besonders knapp. 

„Der Anruf von Humedica kam so gegen 13.45 Uhr, ich war gerade in der Mittagspause“, erzählt die Internistin. „Ich habe noch schnell das Nötigste in der Praxis erledigt und bin dann nach Hause.“ Bis alles geklärt gewesen sei und sie ihr Okay habe geben können, sei es fast 16 Uhr gewesen. „Mein Flug ging aber schon um 17.20 Uhr. Das war dann doch ziemlich stressig“, sagt Fröhlich. Doch alles sei gut gegangen. Den Flieger habe sie in letzter Minute noch erwischt.

So flog die Ärztin und „durchblick gesundheit“-Leserin aus Hannover am 12. September zu ihrem fünften Humedica-Einsatz, dieses Mal nach Mexiko, genauer gesagt in die Stadt Huatulco im Bundesstaat Oaxaca. In dieser Region im Südwesten des Landes hatte es einige Tage zuvor ein starkes Erdbeben gegeben. „Erst schien das Ausmaß gar nicht so groß zu sein und Humedica hatte sich eigentlich entschieden, keine Helfer zu schicken. Doch dann kam ein Hilferuf von unserer Partnerorganisation, es bestehe großer medizinischer Bedarf“, erzählt Fröhlich. Sie gehörte schließlich zum ersten Team, das vor Ort eintraf.

Ihr Quartier bezogen die Ärztin und ihre Teamkollegen – ein erfahrener OP-Pfleger sowie drei Koordinatoren – auf dem Grundstück eines Priesters der Partnerorganisation. „Von dort aus sind wird dann mit unserer mobilen Klinik jeden Tag in einen anderen Ort gefahren, mal an die Küste, mal in die Berge. Frühmorgens sind wir aufgebrochen, spätabends zurückgekehrt“, sagt Fröhlich.

Fröhlich (rechts) schwärmt von der Herzlichkeit der Mexikaner.
Fiebernde Kinder, ältere Menschen mit Rückenschmerzen

Da die Krankenhäuser in der Region die Primärversorgung der Verletzten bereits sehr gut abgedeckt hätten, sei ihre Aufgabe in erster Linie die Nachsorge und allgemeinmedizinische Versorgung gewesen. „Wir haben viele fiebernde Kinder behandelt und ältere Menschen mit Rückenschmerzen, die im Freien schlafen mussten, weil ihr Haus durch das Erdbeben zerstört wurde“, erzählt die Ärztin. Ganze Dörfer seien durch die Katastrophe ausgelöscht und Millionen Menschen obdachlos geworden. „Es ist dort zwar nicht kalt, aber sehr feucht. Und ohne Dach über dem Kopf werden die Menschen natürlich schnell krank.“ Auch sei die Region eine Risikozone für das Denguefieber.

Engagement neben der eigenen Praxis

In Hannover betreibt Dr. Anja Fröhlich zusammen mit ihrem Lebensgefährten Dr. Christian Scholber eine Gemeinschaftspraxis. Auch Scholber war schon mehrmals für Humedica im Einsatz. Ihr Engagement für die Organisation sei nur möglich, sagt Fröhlich, weil sie und ihr Partner sich gegenseitig den Rücken freihielten. „Wenn ich weg bin, hält Christian die Praxis weiter am Laufen – und umgekehrt.“ Dabei habe derjenige, der daheim bleibe, definitiv den stressigeren Job, meint Fröhlich. Wichtig sei auch das Verständnis der Patienten. Und das sei zum Glück groß. „Unsere Patienten tragen unseren Einsatz 100-prozentig mit“, sagt die Internistin. „Viele spenden auch für Humedica, wenn sie wissen, dass wieder einer von uns unterwegs ist.“ Mehr Infos über die Arbeit von Humedica und die Möglichkeit, zu spenden, gibt es auf humedica.org.

Beeindruckt habe sie vor allem die Solidarität der Mexikaner untereinander, sagt Fröhlich. „Da kamen teilweise Menschen in die betroffenen Orte, die hatten ihr Auto vollgepackt mit Medikamenten und Verpflegung und hatten eine stundenlange Reise hinter sich, um zu helfen.“ Überhaupt habe sie die Bevölkerung als ausgesprochen herzlich, gastfreundlich und dankbar erlebt. „Wenn wir mit unserem Team irgendwo hinkamen, dann wurde erst einmal groß für uns gekocht.“

Die Herzlichkeit und die Dankbarkeit der Bevölkerung – sie sind für Anja Fröhlich sozusagen der Lohn für ihren Einsatz. Und die Gewissheit oder zumindest das Gefühl, etwas Sinnvolles tun zu können. „Ich mache das eigentlich aus dem gleichen Grund, warum ich überhaupt Ärztin geworden bin: weil ich helfen möchte. Das klingt vielleicht banal. Aber es ist die Wahrheit“, sagt die Internistin. Und bleibt bei all ihrem Engagement bescheiden. „Ich rette keine Leben. Ich leiste auch keine nachhaltige Hilfe. Das machen die anderen, die für die großen Organisationen arbeiten“, sagt Fröhlich. „Wir bei Humedica leisten einfache Notfall- und Katastrophenhilfe. Aber wenn wir den Menschen damit zeigen können, dass sie nicht im Stich gelassen werden, und wir ihnen damit ein bisschen Hoffnung geben und für den Augenblick ein Lächeln aufs Gesicht zaubern können – dann ist das doch auch schon viel wert.“

10.01.2018 11:40:44, Autor: Sarah Knoop