Interview

„Depressionen bei Diabetikern werden massiv unterschätzt“

Schätzungsweise jeder 8. Diabetiker hierzulande leidet an einer behandlungsbedürftigen Depression, die Erkrankungszahlen liegen damit doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Auch die Suizidgefahr ist um 50 Prozent erhöht. Zu dieser Problematik sprach der änd mit der Psychologischen Psychotherapeutin Dr. Andrea Benecke, Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer und Leiterin der Ausbildungsambulanz für Psychologische Psychotherapie der Universität Mainz, und mit Prof. Bernd Kulzer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Kulzer: „Depressive Diabetespatienten sind kränker und sterben früher.“
© Axel Gaube, Kaleidomania

Herr Prof. Kulzer, können Sie die oben genannten und erschreckenden Zahlen noch weiter konkretisieren?

Wir haben Depressionen bei Diabetespatienten lange unterschätzt. Vor allem bei jungen Männern mit Typ-1-Diabetes steigt das Suizidrisiko. Aktuelle Studien belegen inzwischen: Statistisch betrachtet nehmen sich täglich mehr als zwei Menschen mit der Krankheitskombination „Diabetes-Depressionen“ das Leben. Das sind jährlich über 800 Personen – eine viel zu hohe Zahl! Depressive Menschen ohne Diabetes besitzen ein deutlich geringeres Suizidrisiko.

Womit erklären Sie sich die deutlich höhere Depressions- und damit verbundene Suizidrate bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung?

Diabetespatienten müssen tagtäglich Verantwortung übernehmen für ihre Therapie: Die regelmäßige Medikation im Auge behalten, gewissenhaft ihre Blutzuckerwerte kontrollieren und möglicherweise auch Rückschläge verarbeiten. Das bereitet den Patienten vor allem dann Stress und wirkt depressionsfördernd, wenn andere Lebensbelastungen hinzukommen. Dazu gehören beispielsweise negative Erlebnisse wie Unterzuckerungen oder diabetische Folgeerkrankungen. Vor allem Herzinfarkte und Schlaganfälle tragen entscheidend dazu bei, das Sterblichkeitsrisiko bei Patienten mit Depressionen und Diabetes zu verdoppeln. Auch mangelnde Unterstützung im mitmenschlichen Umfeld wirkt sich negativ auf die Psyche aus.

Auch umgekehrt betrachtet besteht ja offensichtlich ein Zusammenhang. Diabetespatienten leiden nicht nur öfter an Depressionen, sondern Depressionen wirken sich auch auf den Verlauf der Stoffwechselstörung aus.

Ja, leider gibt es auch in dieser Richtung ein Zusammenspiel. Depressionen erhöhen über eine Aktivierung der Hypophysen-Nebennieren-Achse entzündliche Prozesse an den großen und kleinen Blutgefäßen. Dies wiederum leistet diabetischen Folgeerkrankungen Vorschub, unter anderem Neuropathien, Retinopathien, Nephropathien oder auch dem diabetischen Fuß. Die kombinierte Therapie von Depressionen plus Diabetes mellitus mit entsprechenden Folgeerkrankungen steigert die Behandlungskosten zwischen 50 und 90 Prozent!

Studien konnten jedoch belegen, dass verhaltenstherapeutische Programme – abgesehen von positiven Effekten auf eine klinisch manifeste Depression – über eine Reduktion der Stressbelastung bei Diabetespatienten nicht nur deren Stoffwechseleinstellung, sondern auch die Entzündungsprozesse in den Gefäßen reduzieren konnte.

Sie bemängeln, dass die Hälfte aller Depressionen bei Diabetikern nicht erkannt werden. Woran liegt das und was muss sich dahingehend ändern?

Vor jeder Behandlung einer Depression steht die Diagnose. Genau daran hapert es aber hierzulande massiv. Zum einen nehmen die Betroffenen Warnzeichen oft zu spät wahr oder aber kennen sie nicht einmal, zum anderen haben die behandelnden Ärzte das Thema „Depressionen“ bei ihren Patienten noch nicht ausreichend im Blick. Die international angelegte DAWN2-Studie ergab, dass nur 30 Prozent der Diabetespatienten von ihrem Arzt auf Depressionen angesprochen wurden. Das ist zu wenig!

Zur Ersteinschätzung für Patienten empfehle ich den WHO-5 Wohlfühltest, Ärzte erhalten wichtige diagnostische Hinweise in der Leitlinie „Psychosoziales und Diabetes“ oder auch bei der Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Psychologie, DDG“ (www.diabetes-psychologie.de).

Benecke: „Viele Menschen mit Diabetes leiden bereits seit etlichen Jahren an Depressionen, ohne Hilfe zu erhalten oder zu suchen.“
© BPTK, Kay Funke-Kayser

Frau Dr. Benecke, mal davon ausgehend, es besteht der Verdacht auf eine vorliegende Depression bei einem Diabetespatienten: Welche Schritte sollte wer dann idealerweise einleiten?

Ein Diabetespatient mit depressiver Stimmung kann sich ohne Überweisung an jeden niedergelassenen Psychotherapeuten wenden. Seit dem 1. April 2017 kann in der neuen psychotherapeutischen Sprechstunde kurzfristig geklärt werden, ob eine depressive Erkrankung vorliegt und eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist. Psychotherapie ist nachweislich wirksam und laut Leitlinien meist die Behandlung der ersten Wahl. 73 von 100 Patienten bleiben nach Beendigung der Psychotherapie ohne Rückfall. Bei einer ausschließlichen Behandlung mit Antidepressive sehen die Zahlen weit schlechter aus. Hier erleidet knapp die Hälfte (43 von 100 Patienten) nach Beendigung der ausschließlichen Antidepressiva-Behandlung einen Rückfall.

Für Patienten, bei denen sich der Blutzucker auf Dauer schwer einstellen lässt oder denen das Diabetes-Selbstmanagement schwerfällt, gibt es außerdem Psychotherapeuten, die für die Behandlung von Diabetespatienten weitergebildet wurden. Eine solche Weiterbildung gibt es bereits in Rheinland-Pfalz. Damit aber auch bundesweit genügend Spezialisten zur Verfügung stehen, hat die Bundespsychotherapeutenkammer 2017 eine Muster-Weiterbildungsordnung „Spezielle Psychotherapie bei Diabetes“ verabschiedet.

Welche Antidepressiva kommen denn speziell für Diabetespatienten in Frage?

Wenn Antidepressiva gegeben werden, sollten es keine trizyklischen Antidepressiva sein. Weit besser sind Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), weil sie seltener Gewichtszunahmen hervorrufen, die insbesondere für viele Typ-2-Diabetiker ungünstig sind.

Was kann eine Psychotherapie denn konkret für diese Patienten leisten, wo setzt sie an und wo hat sie ihre Grenzen?

Die Psychotherapie kann mit dem Patienten die Gründe dafür erkunden, warum sein Diabetes-Selbstmanagement immer wieder scheitert. Ziel ist es, die Barrieren für eine erfolgreiche Selbstbehandlung des Diabetes zu beseitigen. Depressionen sind oft eine Reaktion auf die erheblichen Anforderungen, die die Diabetesbehandlung an die Patienten stellt. Die Psychotherapie kann negative Teufelskreise durchbrechen, die auch dazu führen, dass sich die Diabeteserkrankung und die Depression gegenseitig verstärken. Wichtig dabei ist, dass in der Therapie beide Erkrankungen und ihre Wechselwirkungen beachtet werden.

Wie lange muss denn ein Patient heutzutage auf einen Platz warten?

Die psychotherapeutische Sprechstunde kann kurzfristig klären, ob der Diabetespatient depressiv erkrankt ist oder nicht. In besonders dringenden Fällen ist seit April eine Akutbehandlung möglich. Selbst für eine dringende Richtlinientherapie fehlen jedoch ausreichend Behandlungsplätze. Der Gemeinsame Bundesausschuss sollte deshalb bis zum 31. Dezember 2016 die Bedarfsplanung reformieren.

Diese Frist wurde nicht eingehalten, weil die beiden großen Bänke in diesem Selbstverwaltungsgremium kein Interesse an einer Reform haben. Die Krankenkassen sperren sich seit Jahren aus kurzfristigem betriebswirtschaftlichen Kalkül gegen zusätzliche psychotherapeutische Praxen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen betreiben vor allem Honorarpolitik und sind insbesondere um ausreichende Honorarzuwächse für die bereits niedergelassenen Kollegen besorgt. Psychisch kranke Menschen müssen deshalb weiter in vielen Regionen wochen- und monatelang auf einen ambulanten Therapieplatz warten. In Deutschland fehlen Tausende psychotherapeutische Praxen.

04.01.2018 10:48:58, Autor: Jutta Heinze