Irreführende Mortalitätsstatistiken

Auf das Problem irreführender Mortalitätsstatiken und ihrer Interpretation weisen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer und seine Kollegen Walter Krämer und Thomas K. Bauer hin.

Für Menschen in entwickelten Industrienationen sind die größten bekannten Lebenszeitverkürzer derzeit das Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht und übermäßiger Alkoholgenuss.
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Ein aktuelles Beispiel für eine solche irreführende Information: „Jeder vierte Mensch stirbt durch Umweltverschmutzung“. Diese Statistik kommt durch eine sehr weite Definition von „Tod durch Umweltverschmutzung“ zustande. Laut Weltgesundheitsorganisation, auf die sich bei dieser Aussage berufen wird, zählen zu den insgesamt 13 Millionen Umwelttoten jährlich auch mehrere Millionen Selbstmörder, Opfer von Gewaltverbrechen und Verkehrsunfällen oder Menschen, die im Haushalt von der Leiter fallen.

Davon unabhängig sei aber auch die Interpretation als Maß des Risikos statistisch nicht zu halten, so Gigerenzer und seine Kollegen. Denn jeder Mensch stirbt irgendwann an irgendwas. Je besser die medizinische Versorgung und die Umweltqualität, desto mehr Menschen sterben übrigens an Krebs. Und damit sei die Zahl der an einer bestimmten Ursache gestorbenen Menschen kein seriöser Indikator für die dadurch drohende Gefahr.

Fachleute benutzen seit langem andere Maße wie etwa die verlorenen Lebensjahre (zuweilen auch „qualitätsadjustiert“): Wie viele Jahre etwa würden wir länger leben, wenn es keinen Feinstaub, keine Kohlekraftwerke oder keine chemischen Düngemittel gäbe? Und das dann verglichen mit den verlorenen Lebensjahren durch Berufsstress oder den Straßenverkehr. Die Antwort auf solche Fragen liefert die statistische Theorie der konkurrierenden Risiken. Diese zieht die unangenehme Wahrheit in Betracht, dass bei Wegfall eines Risikos die Wahrscheinlichkeit für alle anderen ganz automatisch steigt. So wäre etwa bei einer totalen Elimination der Todesursache Krebs mit einem Anstieg der Lebenserwartung von weniger als drei Jahren und einer „dramatischen Explosion der Zahl von Alzheimer-Patienten zu rechnen“, erklären die Wissenschaftler.

Für Menschen in entwickelten Industrienationen sind die größten bekannten Lebenszeitverkürzer derzeit das Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht und übermäßiger Alkoholgenuss. Den dadurch verlorenen Lebensjahren wären dann, zur Einschätzung des Risikos, die Verluste durch Umweltschäden gegenüberzustellen. Diese scheinen seit Jahrzehnten abzunehmen; in Deutschland ist die Lebenserwartung seit 1990 um fünf Jahre angestiegen.

26.12.2017 09:44:34, Autor: Dr. med. Thomas Kron