Gehirnjogging

Computer-Programm zum kognitiven Training soll Arbeitsgedächtnis verbessern

Gezieltes Trainieren von Gedächtnisaufgaben wirkt sich einer aktuellen Studie zufolge positiv auf die Bearbeitung neuer Aufgaben aus, vor allem wenn diese den Trainingsaufgaben ähnlich sind. Das berichten die Autoren im Fachmagazin „Journal of Cognitive Enhancement". 

Kommerziell erhältliche Computerprogramme zum kognitiven Training scheinen tatsächlich zu wirken.
© Pixaybay

Die Forscher haben ein kommerzielles Programm (Unternehmen NeuroNation) zum Training des Arbeitsgedächtnisses untersucht. Im Unterschied zu den Mitgliedern einer aktiven Kontrollgruppe verbesserten die Mitglieder der Trainingsgruppe nicht nur ihre Leistung in den Übungsaufgaben, sondern sogar in untrainierten Transferaufgaben.

Ein Lied, ein Gesicht oder einen Namen zu vergessen, ist für viele Menschen ein alltägliches, manchmal ärgerliches oder sogar peinliches Erlebnis. Viele wünschen sich, ihr Gedächtnis „fit“ halten zu können. In der Tat gibt es viele kommerzielle Anbieter von Produkten dafür, insbesondere Computer-Programme, mit denen zu Hause oder unterwegs trainiert werden kann.

Ansatzpunkt dieser Trainings ist das Arbeitsgedächtnis. Damit wird der Teil des menschlichen Gedächtnisses bezeichnet, in dem alle auf den Menschen eintreffenden Informationen kurzfristig gespeichert und mit dem Langzeitgedächtnis verknüpft werden. Es legt den Grundstein für viele weitere kognitive Fähigkeiten, wie logisches Schlussfolgern, Entscheiden, aber auch für das Leseverständnis. Aus vielen Untersuchungen weiß man heute, dass die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsgedächtnisses begrenzt ist. Computergestützte Trainingsprogramme verbessern, so die Vorstellung, durch die Wiederholung bestimmter Gedächtnisaufgaben nicht nur das Arbeitsgedächtnis, sondern auch die Aufmerksamkeit und das Lernvermögen.

Bislang gebe es aber „nur wenige Versuche, die Effektivität dieser Trainings unter Alltagbedingungen systematisch zu überprüfen“, sagt Tilo Strobach, Professor für Allgemeine Psychologie an der Medical School Hamburg. Mit seinem Kollegen Professor Lynn Huestegge von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg hat Strobach daher untersucht, inwieweit das Üben von sogenannten „Gehirnjogging-Aufgaben“ die Leistungen in Gedächtnistests verbessert. „Das Besondere an unserer Studie ist, dass wir das Gehirntraining in dem Kontext überprüft haben, in dem Menschen typischerweise kommerzielle Gehirntrainings auch verwenden – zuhause am eigenen Computer“, erklärt Strobach, der das Unternehmen „NeuroNation" in der Konzeption und Umsetzung von Evaluationen von Trainingsprogrammen berät.

Für ihre Studie ließen die Forscher ihre Versuchspersonen Aufgaben eines kommerziellen Trainingsprogramms bearbeiten. Die komplette Versuchsreihe wurde von 152 Probandinnen und Probanden beendet. Eine Trainingsgruppe (76 Personen) erhielt über 21 Sitzungen hinweg Trainingsaufgaben für das Arbeitsgedächtnis. Die Kontrollgruppe (76 Personen) bearbeitete im selben Zeitraum Aufgaben für das Wortwissen und das Langzeitgedächtnis ‒ Aufgaben, von deren Bearbeitung das Arbeitsgedächtnis also nicht profitieren sollte. Um die Wirksamkeit des Trainings überprüfen zu können, bearbeiteten beide Gruppen vor und nach diesen Maßnahmen die gleichen Leistungstests. Diese bestanden zum einen aus Transferaufgaben, die dem Arbeitsgedächtnistraining ähnlich waren, und zum anderen aus Aufgaben, die untrainierte Fähigkeiten testeten, etwa zur mentalen Flexibilität ‒ der Fähigkeit, zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln.

Trainingsgruppe zeigt stärkeren Leistungszuwachs

Die Leistungsvergleiche zeigen, dass die Mitglieder der Trainingsgruppe ihre Leistung in den Trainingsaufgaben im Gegensatz zu den Probanden der Kontrollgruppe verbesserten. Auch bei der Bearbeitung ähnlicher Transferaufgaben schnitt die Trainingsgruppe nachher besser ab. Diese Leistungsvorteile zeigten sich – allerdings nur vereinzelt – auch in anderen kognitiven Bereichen, zum Beispiel bei Aufgaben zur kognitiven Flexibilität.

Außerdem berichtetendie Probanden der Trainingsgruppe hinterher über weniger kognitive Missgeschicke (zum Beispiel Textstellen erneut lesen zu müssen, weil man beim ersten Durchlesen nicht über das Gelesene nachgedacht hat). „Da die Personen der Trainings- und der Kontrollgruppe zufällig zugewiesen wurden und wir darüber hinaus sichergestellt haben, dass die Leistungen der Trainings- und Kontrollgruppe im Test vor den Maßnahmen vergleichbar waren, können wir schlussfolgern, dass die Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen tatsächlich auf das Training zurückzuführen sind“, erklärt Tilo Strobach in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Auf individueller Ebene konnten vor allem die Personen vom Training profitieren, die bereits davor relativ hohe Leistungen zeigten. Strobach fasst zusammen: „Für die untersuchten Bereiche des Arbeitsgedächtnisses und die gewählten Aufgaben konnten wir mit unserer Studie systematisch zeigen, dass sich das Trainieren von kognitiven Aufgaben positiv auf die Leistung in ähnlichen, aber auch einigen unähnlichen Aufgaben auswirkt.“

Metaanalyse liefert ebenfalls positive Hinweise

Zu einer ähnlich positiven Einschätzung solcher Computer-Programme sind die beiden US-Wissenschaftlerinnen Dr. Amber Marie Tetlow und Dr. Jerri D. Edwards (School of Aging Studies, University of South Florida in Tampa) aufgrund einer Metaanalyse von Studien zum Nutzen solcher Programme für ältere Menschen gekommen („Journal of Cognitive Enhancement“). Kommerziell erhältliche Computer-Programme zum kognitiven Training könnten womöglich kognitive Leistungen älterer Menschen verbessern. Außerdem: Nach Angaben der beiden Wissenschaftlerinnen berichten Probanden, die solche Programme absolviert haben, dass sich ihre Fähigkeiten zur Bewältigung alltäglicher Aufgaben durch das kognitive Training verbessert hätten. Notwendig seien nun randomisierte und kontrollierte Studien solcher Programme, schlussfolgern Tetlow und Edwards.

Zur Erinnerung: Vor wenigen Tagen haben, wie berichtet, auch kanadische Forscher berichtet, dass bestimmte 3D-Computerspiele älteren Menschen helfen könnten, geistig fit zu bleiben. Das Team hat 55 bis 75 Jahre alte Teilnehmer (n = 33) ihrer Studie „Super Mario 64“ spielen lassen und kernspintomografisch (Voxel-basierte Morphometrie) eine Zunahme der Grauen Substanz in bestimmten Gehirnbereichen wie dem Hippokampus festgestellt. Dieser Effekt erwies sich als spezifisch für das 3D-Computerspiel. Noch ungeklärt ist, ob diese Methode für ältere Menschen von wirklich von Nutzen ist, etwa bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben hilft, indem ein kognitiver Abbau gebremst wird. Finanziert wurde die Studie, die im Fachmagazin „PLOS ONE“ erschienen ist, nicht vom Hersteller des Computerspiels, sondern von den „Canadian Institutes of Health Research“und vom „Natural science and engineering research council of Canada“.

Insgesamt ist aber, wie bereits berichtet, sicher noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten, bevor mit relativ großer Sicherheit angenommen werden kann, dass kommerzielle Computerspiele die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen dauerhaft steigern und Demenz-Symptomen vorbeugen können. Vor überzogenen Erwartungen und falschen Versprechungen hatten daher auch vor wenigen Jahren über 70 Neurowissenschaftler und Kognitionspsychologen in einer gemeinsamen Stellungnahme gewarnt.

19.12.2017 11:17:39, Autor: Dr. med. Thomas Kron