BMJ Christmas 2017

Kommt Hochmut wirklich vor dem Fall?

Redewendungen enthalten, wie die Erfahrung zeigt, oft einen wahren Kern. Gleichwohl ist es im Zeitalter des Bemühens um Evidenzen angebracht, auch Redewendungen darauf hin zu prüfen, ob sie Wahres enthalten. „Hochmut kommt vor dem Fall“ ist so eine.

Nach Angaben der Autoren ergaben ihre Berechnungen keine Belege dafür, dass „Hochmut vor dem Fall kommt“. Im Gegenteil: Die Auswertung lieferte sogar Hinweise darauf, dass viel Hochmut im Vergleich zu wenig Hochmut vor Stürzen schütze.
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Schottische Wissenschaftler haben eben diese Redewendung auf ihre Evidenz geprüft – mit einem vielleicht gar nicht überraschenden Ergebnis. Veröffentlicht haben Professor Michael Daly (Universität Stirling) und seine Kollegen ihre Befunde in der „Weihnachtsausgabe“ des britischen Ärzteblattes. In der alljährlichen „Christmas Edition“ werden seit vielen Jahren bekanntlich die wirklich wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse der interessierten Leserschaft verraten.

Für ihre Studie haben die schottischen Autoren Daten einer Langzeit-Studie ausgewertet – und zwar der „English Longitudinal Study of Ageing“ (ELSA). Grundlage bildeten die Daten von 6415 mindestens 60 Jahre alten Teilnehmern der ELSA-Kohorte von 2010/201. Nach vier Jahren (2014/2015) waren noch die Daten von 4.964 dieser Teilnehmer verfügbar. Wie stark Hochmut ausgeprägt war, wurde mittels Fragebögen ermittelt, ebenso die Häufigkeit von Stürzen.

Nach Angaben der Autoren ergaben ihre Berechnungen keine Belege dafür, dass „Hochmut vor dem Fall kommt“. Im Gegenteil: Die Auswertung lieferte sogar Hinweise darauf, dass viel Hochmut im Vergleich zu wenig Hochmut vor Stürzen schütze. Das odds ratio betrug signifikante 0,81, wobei hier relevante Faktoren wie Alter, Geschlecht und Sturz-Anamnese berücksichtigt waren. Gingen in die Berechnung zusätzlich noch Parameter mit ein wie Sehstörungen, eine Arthrose- oder Osteoporose-Diagnose, Medikamenten-Einnahme, kognitive Leistungsfähigkeit, Schmerz und Depressionen war das Resultat allerdings nicht mehr signifikant (odds ratio 0,86; 95% CI: 0,72 - 1,03; P<01).

Die Studie zeige, so die Autoren, dass ausgeprägter Hochmut entgegen der bekannten Redewendung alte Menschen möglicherweise sogar vor Stürzen schütze. Allerdings habe die Studie gewisse „Grenzen“; so sei den Teilnehmern keine präzise Definition eines Sturzes mitgeteilt worden; außerdem seien die Angaben der Teilnehmer nicht überprüft worden. Und: Eine sogenannte „umgekehrte Kausalität“ sei nicht sicher auszuschließen; es könnte also auch sein, dass wenig Stürze hochmütig machten, viele Stürze eher kleinmütig.

Das bei der Kohorte von 2014/2015 das Ausmaß des Hochmutes nicht bestimmt wurde, konnte eine „umgekehrte Kausalität“ nicht überprüft werden. Darüber hinaus seien mögliche zugrundeliegende Mechanismen noch unbekannt. Künftige Studien könnten hier vielleicht mehr Licht in das Dunkel bringen.

14.12.2017 11:41:16, Autor: Dr. med. Thomas Kron