Ernährung

„So genannte Superfoods sind selten sinnvoll und manchmal sogar schädlich“

Antioxidanzien aus Acaibeeren, Baobab zur schnelleren Heilung bei Infektionen und gegen Insulinresistenz oder Chiasamen als ballaststoffreicher Sattmacher mit Herz-Kreislauf-Schutzpotenzial und zum Abnehmen – das ABC der aktuell angesagten so genannten Superfoods ist lang. Aber lohnt es sich in puncto Gesundheit wirklich, dafür tief ins Portemonnaie zu greifen? Oder schaden die vermeintlichen Helden auf dem Teller womöglich sogar? Der änd erfragte Details dazu bei Frau Professor Dr. Yurdagül Zopf, Internistin und Ernährungsmedizinerin am Universitätsklinikum Erlangen.

Zopf: „Wir haben auch heimische – deutlich günstigere – Superfoods, die locker mit den Exoten mithalten und eine wesentlich höhere Lebensmittelsicherheit bieten können.“
© Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Sport (Uniklinik Erlangen)

Frau Prof. Zopf, was genau sind eigentlich Superfoods?

Als so genannte Superfoods gelten natürliche, meist exotische Lebensmittel, die größere Mengen an Vitaminen, Proteinen und/oder sekundären Pflanzenstoffen enthalten und die als besonders förderlich für die Gesundheit erachtet werden. Aufgrund der Herkunft kommen sie zumeist getrocknet als Pulver, Püree oder Extrakt in den Handel.

Einige Beispiele für derzeit beliebte Superfoods sind beispielsweise: Chiasamen, Gojibeeren, Acaibeeren, Quinoa, Weizengras, Gerstengras, Matcha, die Algen Spirulina und Chlorella, Moringa, Baobab, Maca oder Curcuma.

Können diese Lebensmittel denn wirklich mehr als andere?

Superfoods werden oft zahlreiche gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt. So sollen sie durch ihren hohen Gehalt an Antioxidantien oder essentiellen Fettsäuren eine entgiftende Wirkung haben, die Zellreparatur und die Wundheilung fördern. Außerdem wirken sie sich positiv auf den Hormonhaushalt aus, fördern die Sehkraft und reinigen den Verdauungstrakt. Sie sollen die Fitness und Belastbarkeit steigern und durch ihren relativ hohen Proteingehalt eine perfekte pflanzliche Eiweißquelle darstellen.

Wissenschaftliche Studien zu den meisten postulierten Wirkungen fehlen jedoch größtenteils. So wird der Begriff „Superfood“ vor allem zu Werbezwecken eingesetzt. Die Nährstoffgehalte der einzelnen Lebensmittel bzw. Präparate schwanken dabei häufig und die Wirkungen basieren zumeist auf populärwissenschaftlichen Schriften ohne klare Datenlage. Fundierte naturwissenschaftliche Studien fehlen hingegen bzw. sind noch sehr rar und wurden oftmals nur im Reagenzglas durchgeführt.


Gibt es denn auch „Superfoods“ mit wissenschaftlich belegten Effekten?

Ja, es existieren einige wenige Studien, welche positive Effekte dieser Lebensmittel auf die Gesundheit nachweisen. So belegte eine randomisierte, kontrollierte Cross-over Studie einen positiven Effekt von Chiasamen auf den post-prandialen Blutzuckerspiegel sowie das Sättigungsgefühl, wobei jedoch die Einnahme von Leinsamen eine ähnliche Wirkung erbrachte [Vuksan et al., Eur J Clin Nutr 2017]. Untersuchungen zur Gojibeere, die oft als Wundermittel zur Gewichtsreduktion angepriesen wird, zeigten hingegen keinen Effekt auf das Körpergewicht sowie weitere mit Übergewicht assoziierte Parameter wie den Blutdruck und das Lipidprofil [Guo et al., Food & Function 2015].


Superfoods mit ihrem oft exotischen Ursprung haben ihren Preis. Gibt es dazu möglicherweise heimische und damit günstigere Alternativen?

In der Tat gibt es zahlreiche, wesentlich günstigere heimische Alternativen, die sich hinsichtlich ihres Nährstoffgehaltes und ihrer gesundheitsfördernden Eigenschaften nicht hinter den exotischen und teuren Superfoods verstecken müssen. So bezahlt man für eine 500 g-Packung Quinoa im Laden um die 4 Euro. Haferflocken in Bioqualität kosten hingegen nur ca. eine Viertel davon.

Auch Chiasamen sind mit ca. 5 Euro pro 500 g wesentlich teurer als Leinsamen für nur ca. 1,50 Euro. Dabei ist der Nährstoffgehalt beider Produkte fast gleich. So weisen sowohl Chia- als auch Leinsamen einen hohen Ballaststoffanteil mit ca. 34 bzw. 27 g pro 100 g auf, und auch der Vitamin- und Mineralstoffgehalt ähnelt sich. Sowohl Chiasamen als auch Leinsamen besitzen einen sehr hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. In Studien konnten beide Lebensmittel bereits positive Effekte auf den Blutzuckerspiegel und das Sättigungsgefühl zeigen. Während jedoch Leinsamen in Studien bereits antihypertensive Effekte zeigten, konnte eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015 keinen Einfluss von Chiasamen auf die Prävention oder Kontrolle von kardiovaskulären Risikofaktoren bestätigen. So weisen Chiasamen zwar sicherlich ein sehr gutes Nährstoffprofil auf, eine bessere gesundheitsfördernde Wirkung im Vergleich zu den wesentlich günstigeren Leinsamen wurde bisher jedoch noch nicht nachgewiesen.

Auch andere heimische Lebensmittel eignen sich als deutlich günstigere Alternativen. So enthalten Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren oder Aroniabeeren mindestens genauso viele gesundheitsfördernde Antioxidantien wie die exotischen und teuren Acaibeeren. Auch verschiedene Gemüsesorten wie Grünkohl, Brokkoli oder Rote Beete können hinsichtlich ihres Nährstoffgehaltes ebenfalls als „Superfoods“ deklariert werden.


Wie sieht es denn mit der Qualitätssicherung und der Ökobilanz aus bei den oft weit gereisten Lebensmitteln?

In den Herkunftsländern der Superfoods gelten oft andere oder gar keine Hygienevorschriften. So kann es unter anderem bei einer unsachgerechten Trocknung und Lagerung zur Entstehung von Schimmelpilzen oder bakteriellen Verunreinigungen kommen, welche dann unbemerkt in die Nahrungskette gelangen. Auch kommen in den Ländern oft Herbizide zum Einsatz, die bei uns und in der EU verboten sind. Rückstände dieser können ebenfalls gesundheitliche Schäden nach sich ziehen, genauso wie Mineralölrückstände oder Cadmium, welche ebenfalls keine Seltenheit sind.

Dabei scheint auch die Bezeichnung „Öko“ keinen Einfluss auf die Belastung der Superfoods zu haben. So fielen bei einer Untersuchung verschiedener Superfoods von Ökotest, von denen 18 sogar als Bio-Produkte deklariert waren, fast 70 Prozent mit der Note mangelhaft oder ungenügend durch. Dabei wurden unter anderem Pestizide und Enterobakterien in Gojibeeren und Chiasamen nachgewiesen.

Auch der CO2-Footprint ist nach einer Reise von einem Ende zum anderen Ende der Welt mittels Flugzeugen und Schiffen sicherlich äußerst kritisch zu betrachten. Ebenso wie die Tatsache, dass es durch die vermehrte Nachfrage der reichen ausländischen Bevölkerung zu einer schlagartigen Erhöhung der Preise für die Superfoods kommt, welche in den Anbauländern zumeist als Grundnahrungsmittel gelten. Dadurch kann sich die einheimische Bevölkerung, wie z.B. im Falle von in den Anden lebenden Quinoabauern, diese Lebensmittel selbst nicht mehr leisten.


Was raten Sie niedergelassenen Ärzten, die ja sicher auch im Rahmen der Patientenkommunikation mit Fragen zu Superfoods konfrontiert werden?

Man sollte den Patienten zu verstehen geben, dass einige der vor allem in den Medien und der Werbung angepriesenen Superfoods sicherlich wichtige Nährstoffe enthalten und durchaus auch gesundheitsfördernd wirken könnten, ein größerer Gesundheitswert im Vergleich zu heimischen Alternativen jedoch nicht nachgewiesen ist. Um sich gesund zu ernähren, ist vor allem eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung von großer Bedeutung. Die Bevorzugung von heimischen Lebensmitteln garantiert dabei eine höhere Lebensmittelsicherheit durch einen kontrollierten Anbau und strenge Hygienevorschriften. Auch die Tatsache, dass die Lebensmittel nicht um den halben Erdball reisen müssen, um auf den Teller zu gelangen, führt zusätzlich zu einem besseren Gewissen.

In Bezug auf medizinische Aspekte ist nicht außer Acht zu lassen, dass bei einigen Superfoods möglicherweise Wechselwirkungen mit Medikamenten auftreten können. So konnte nachgewiesen werden, dass der Verzehr von Gojibeeren die Wirkung von Blutverdünnern verstärkt. Die Einnahme von Granatapfelprodukten führt durch die Hemmung des Cytochrom-P450-Systems in der Leber zu einem verlangsamten Abbau einiger Medikamente und deren toxischer Anreicherung im Körper. Das erfordert die Einhaltung eines zeitlichen Abstandes zur Medikamenteneinnahme. Außerdem fehlen für viele Superfoods Nachweise für den sicheren Höchstverzehr sowie deren Langzeitauswirken. So wird z.B. in der EU bisher ein maximaler Verzehr von 15 Gramm Chia-samen pro Tag empfohlen.


Welche Superfoods verdienen denn Ihrer Ansicht nach wirklich diese Bezeichnung?

Ich denke ein einzelnes Superfood gibt es nicht. So ist eher eine Kombination aus verschiedenen Lebensmitteln entscheidend. Dies sollten am besten frisch, unverarbeitet und abwechslungsreich sein. Dabei kann man natürlich besonders nährstoffreiche Lebensmittel in seinen Ernährungsplan einbauen, bei denen bereits gesundheitsfördernde Eigenschaften nachgewiesen wurden. Diese müssen allerdings nicht weit gereist sein, verschiedene regionale Lebensmittel erfüllen dabei auch ihren Zweck. So enthalten Haferflocken zahlreichen wichtige Vitamine und Mineralstoffe und konnten schon in vielen Studien positive Effekte auf den Cholesterin- und Blutzuckerspiegel zeigen. Auch zu Brokkoli und anderem Kreuzblütlergemüse gibt es interessante Untersuchungen, die zeigen, dass deren regelmäßiger Verzehr das Krebsrisiko senkt.

09.12.2017 08:46:35, Autor: Jutta Heinze