Fragebogen-Studie

Urogynäkologen bevorzugen natürliche Geburt

Urogynäkologen präferieren mehrheitlich eine natürliche Geburt und befürworten eine individuellere Beratung der Gebärenden zu möglichen Risiken. Zu diesem Ergebnis sind die Autoren einer onlinebasierten Fragebogen-Studie gekommen. Die Ergebnisse dieser Studie mit dem Namen DECISION sind nun in der Fachzeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ erschienen.


Die persönliche Einstellung des geburtshilflichen Teams hat einen erheblichen Einfluss auf die Wahl des Geburtsmodus.
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In Deutschland kommt derzeit fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Davon sind jedoch geschätzt nur etwa zehn Prozent medizinisch absolut notwendig. „Der große Anteil an relativen Indikationen ist kritisch zu hinterfragen, wenn die derzeitige Kaiserschnittrate nachhaltig gesenkt werden soll“, erklärt der Gynäkologe Privatdozent Markus Hübner, Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik Tübingen. Denn auch wenn der operative Eingriff oft durchgeführt wird, ist er mit Risiken für Mutter und Kind verbunden.

Ob jedoch eine nachhaltige Senkung der Sectio-Rate in Deutschland ein realistisches Ziel sei, ist nach Angaben der Autoren „vor allem vor dem Hintergrund der internationalen Entwicklungen mehr als fraglich“. Alle Untersuchungen zu diesem Thema zeigten hierbei, dass die persönliche Einstellung des betreuenden geburtshilflichen Teams einen erheblichen Einfluss auf die individuelle Wahl des Geburtsmodus der Schwangeren habe. Im ersten Teil der DECISION-Studie, initiiert von Hübner gemeinsam mit Ärzten der Frauenklinik Heidelberg und des Deutschen Beckenbodenzentrums in Berlin, wurde daher die persönliche Präferenz von Urogynäkologen evaluiert.

Alle 432 Teilnehmer des 9. Deutschen Urogynäkologie-Kongresses in Stuttgart im April 2017 wurden eingeladen, sich an der Studie zu beteiligen. 189 (43,8 Prozent) nahmen teil. Fast 85 Prozent (n = 160) bevorzugten bei unkomplizierter Schwangerschaft eine Spontangeburt. Nur rund 12 Prozent (n = 23) gaben an, eine Entbindung durch eine elektive Sectio vorzuziehen. Als Hauptgründe hierfür wurde nach Angaben der Autoren die Sorge vor einer Inkontinenz (87,5 Prozent) oder einem Beckenbodenschaden (79,2 Prozent) genannt.

Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler den Umfrage-Teilnehmern eine Methode zur systematischen Analyse von ausgewählten Parametern vor, anhand derer sich das Risiko der Frauen für einen Beckenbodenschaden bereits vor der Geburt einschätzen lässt. So tragen zum Beispiel Mütter über 35 Jahren häufiger einen Beckenbodenschaden davon als jüngere. Eine geringe Körpergröße unter 1,60 Meter, Übergewicht sowie ein hohes Geburtsgewicht des Kindes sind weitere Risikofaktoren. Fast 84 Prozent der Umfrage-Teilnehmer äußerten sich positiv und würden eine Risikoeinschätzung ihrer Patientinnen vornehmen und sie dementsprechend beraten. Auch das Interesse an Maßnahmen nach der Geburt wie einer gezielten Rückbildung (97,8 Prozent) und an einer hiermit verbundenen optionalen Pessartherapie (64,4 Prozent) war groß.

Das Fazit von Hübner und Ko-Autoren fällt deshalb positiv aus: „Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer …wünscht sich für sich selbst oder für seine Partnerin eine Spontangeburt, eine unkomplizierte Schwangerschaft voraussetzend.“ In Zeiten von hohen Sectio-Raten sei dies sicherlich als ein positives Signal zu werten. Noch erfreulicher sei die hohe Bereitschaft, „sich an Systemen der Risikostratifizierung zu beteiligen, um so in Zukunft gemeinsam mit Urogynäkologie und Geburtsmedizin individualisiert Wege zu finden, relative Sectio-Indikationen spezifisch zu hinterfragen“.


04.12.2017 09:58:21, Autor: Dr. emd .Thomas Kron