Welt-AIDS-Tag:

Bochumer Mediziner sieht riesige Lücke bei der Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen

Eine „Riesenlücke“ bei der Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) sieht der Ärztliche Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum. Nach Ansicht von Professor Norbert Brockmeyer richtet sich das ärztliche Denken und Handeln bisher zur sehr auf die Versorgung von Patienten. Der Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember sei ein guter Anlass, um für ein Umdenken zu werben.

Brockmeyer: "Es seien aber noch viele Hemmschwellen und Tabus zu überwinden."

„Gerade im Bereich der sexuell übertragbaren Infektionen (STI) klafft bei der Prävention eine Riesenlücke“, beklagt Professor Norbert Brockmeyer. „Hier wurde bisher meist nur symptomorientiert gedacht und ärztlich behandelt, wenn ein Patient schon erkrankt war“, sagt der Ärztliche Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin (WIR – Walk In Ruhr) des Katholischen Klinikums Bochum. Seiner Ansicht passt dieses ärztliche Denken und Handeln nicht in eine moderne Medizin, in der Prävention großgeschrieben wird. Deshalb habe das WIR seit seiner Gründung vor eineinhalb Jahren einen besonderen Schwerpunkt auf Maßnahmen zur Prävention gelegt. Das Zentrum, das am St. Elisabeth-Hospital angesiedelt ist, liegt mitten in der Innenstadt von Bochum. Im Erdgeschoss gibt es ein Café und durch die direkte Nachbarschaft zu einer katholischen Kirche ist es unauffällig zu betreten, denn es könnte sich auch um einen Seiteneingang der Kirche handeln. Das Besondere am WIR ist die Zusammenarbeit von Immunologischer Ambulanz, Aidshilfe Bochum, Gesundheitsamt Bochum, pro familia, Madonna und der Rosa Strippe unter einem Dach. Dadurch finden Ratsuchende und Patienten zentral an einem Ort direkt den richtigen Ansprechpartner. Ein Angebot, das sich offenbar bewährt, denn pro Quartal beraten und versorgen die Mitarbeiter des WIR rund 2.000 Patienten und Ratsuchende.

Partner anonym benachrichtigen lassen

Zu den neuen Präventionsangeboten im Kampf gegen HIV, Syphilis und weitere STI zählt die Partnerbenachrichtigung per Mail. Möglich macht das ein online leicht zu aktivierender Pfad auf der Internetseite des WIR. Dadurch kann jeder, der von sich selbst annimmt, einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt zu sein oder sogar bereits von einer Infektion weiß, seine Sexualpartner darüber informieren lassen und ihnen nahelegen, vorsorglich einen Test zu machen. Im Absender-Feld der Mail erscheint das WIR, so dass die eigentlich sendende Person anonym bleibt. „Das ist eine wesentliche Neuerung, von der schon viele Menschen in unserem Zentrum Gebrauch gemacht haben“, freut sich Brockmeyer über die Resonanz auf das Angebot. Die Tests auf STI seien einfach und komplikationslos. Es gibt sie sogar für zu Hause. Wer diesen Weg der Diagnostik in den eigenen vier Wänden bevorzugt, der auch als „Home Sampling“ bezeichnet wird, kann dies mit Unterstützung des WIR problemlos tun. Dazu haben die Mitarbeiter einen Online-Risikotest entwickelt, der sich auf der Internetseite des WIR befindet. Bei diesem Test geben die Teilnehmer anonym in einem Internetfragebogen bestimmte Fakten ihres Sexualverhaltens an und erhalten auf dieser Basis schnell und unkompliziert eine erste Einschätzung über ihr persönliches Risikoprofil und entsprechende Empfehlungen.

PrEP nur ärztlich verordnet einnehmen

Ein noch relativ neues Präventionsangebot ist die sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Damit gemeint sind Medikamente zum Schutz vor einer Infektion mit dem HI-Virus. „Zwingend notwendig dafür sind aber eine vorhergehende Aufklärung, eine Verschreibung durch den Arzt sowie eine vorschriftsmäßige Einnahme“, betont Brockmeyer. PrEP war anfangs in Fachkreisen sehr umstritten, zumal der Wirkstoff – richtig verabreicht - nur gegen HIV schützt, nicht aber gegen andere sexuell übertragbare Infektionen. Inzwischen halten viele Experten diese Möglichkeit der Vorsorge jedoch für sinnvoll, darunter auch die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG).

Nach Ansicht von Brockmeyer sind erste Erfolge in der Prävention von STI sichtbar. Es seien aber noch viele Hemmschwellen und Tabus zu überwinden. „Der Welt-AIDS-Tag ist ein perfekter Anlass, dafür zu werben.“

01.12.2017 08:34:43, Autor: TS